Spielplan

zur Übersicht

Salome

Richard Strauss 1864-1949

Drama in einem Aufzug
Text von Richard Strauss nach dem Drama Salome (1891) von Oscar Wilde. Uraufführung 9. Dezember 1905, Königliches Opernhaus, Dresden

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Joana Mallwitz

Salome Ambur Braid
Jochanaan Christopher Maltman
Herodes AJ Glueckert
Herodias Claudia Mahnke
Narraboth Gerard Schneider
Ein Page der Herodias Katharina Magiera
1. Jude Theo Lebow
2. Jude Michael McCown
3. Jude Jaeil Kim
4. Jude Jonathan Abernethy
5. Jude Alfred Reiter
1. Nazarener Thomas Faulkner
2. Nazarener Danylo Matviienko°
1. Soldat Dietrich Volle
2. Soldat Pilgoo Kang°
Ein Sklave Chiara Bäuml

°Mitglied des Opernstudios

Ein Coup
Selten wurde Richard Strauss’ Salome so packend auf den Punkt gebracht wie von Joana Mallwitz und Barrie Kosky an der Oper Frankfurt
(…)

Gerhard R. Koch, Opernwelt


(…) Eine fesselnde Salome ist Barrie Kosky und seinem Team da gelungen, radikal gedacht und gemacht, wie es sich für dieses expressionistische Werk gehört. Stark und von der Lichtregie (Joachim Klein) präzise gesteuert, wenn sich der Scheinwerferkegel bisweilen so sehr verengt, dass er nur noch eine Hand erfasst, zwei Köpfe oder einen Haken. Die kanadische Sopranistin Ambur Braid in der Titelrolle steigt für eine Koloratur-Sopranistin überraschend viele Etagen in die Tiefe, so dunkel und schattiert hört sich ihre Stimme an. Das irritierte wohl einzelne Zuschauer, passte aber hervorragend zu diesem Rollenporträt. Unglaublich beeindruckend, wie sie knapp zwei Stunden fast durchgehend auf der Bühne – eben nicht nur stand, sondern tanzte, zitterte, rollte, hockte, grätschte und gurrte.
(…)
Sehr überzeugend auch Christopher Maltman als Jochanaan: Von imponierender Ausstrahlung, maskulin, selbstbewusst, wenig Prophet, viel Rebell. Auch AJ Glueckert als Herodes und Claudia Mahnke als dessen Frau Herodias waren keine überdrehten Karikaturen, keine Monster, sondern eher etwas blasierte Führungskräfte zwischen Langeweile und Abenteuerlust.
(…)
Dirigentin Joana Mallwitz nahm diese wild bewegte Richard Strauss-Partitur wie ein Rodeo, so emsig, lustvoll und ausladend feuerte sie das Orchester an. Bei Verdi ist Mallwitz bisweilen deutlich zu forsch und laut, bei der Salome ist dieser Ehrgeiz bestens aufgehoben, zumal, wenn Sänger besetzt sind, die trotzdem noch verständlich sind. Insgesamt ein furioser Abend, eine beglückende Gesamtleistung und ein überzeugender Erfolg für die Oper Frankfurt.

Peter Jungblut, BR 2 / kulturWelt


Was für ein radikaler Ansatz! Was für ein genialer Wurf! (…)

Kai Scharffenberger, Das Opernglas


(…) Die Szene gehört Salome: In einem spektakulären, intensiven, total hingebungsvollen Rollendebüt ist die Kanadierin Ambur Braid zu erleben, mit einem unermüdlichen, dominanten, in der Höhe gewaltigen, nach unten immens abschattierten Sopran und dem Gesicht einer so komödien- wie thrillertauglichen Collegestudentin. Sie mag als Projektion der 16-jährigen „Mädchenfrau“ hervorragend funktionieren, aber da es an sichtbaren Voyeuren fehlt, ist sie vor allem ein auf sich gestellter Frechdachs und verstörter Teenager mit lebhafter Mimik und starkem Bewegungsdrang. Sie ist nicht mit Abwehrmaßnahmen beschäftigt, sondern mit der Entdeckung ihrer selbst.
Dass Joachanaan, nun praktisch ihre eigene Projektion, ihr gefällt, zerrt ihn häufiger ins Licht als irgendeine andere der Figuren. Christopher Maltman mit seiner gewaltigen, hier etwas angerauten Maltman-Stimme, zeigt einen höchst körperlichen, erwachsenen Mann mit strähnigen Haaren und in kurzer Hose, unter der grauen Farbe die Leibhaftigkeit, so anders alles als die Haut der jungen zarten Salome, dass ihr Staunen nachvollziehbar ist. Er ist dabei auch der einzige, der neben Salome selbst etwas sein darf: ein im Licht und angesichts der übergriffigen Frau verwirrter Fanatiker und Sonderling ohne die selbstbewusste Pose des Propheten. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Wie ein Blitz erhebt sich das Klarinetten-Motiv des Anfangs und bereitet ein silbriges Farbenspiel vor, das sich als Netz über ein leidenschaftliches in einer Art Liebestod ersterbendes Crescendo spannt. Das bis dahin größte Orchesterinstrumentarium beherrscht Joana Mallwitz, die sich an der Frankfurter Oper mit der lyrischen Feingliedrigkeit von Faurés Pénélope auf den Koloss vorbereitet hatte, mit traumwandlerischer Sicherheit und eiskaltem Feuer, quasi intellektuell gelichtet und mit den von Strauss verlangten kühlen Nerven. Der Dunkelheit der Bühne setzt Mallwitz eine farbentrunken illustrierende Nervigkeit entgegen. (…)

Nikolaus Schmidt, Badische Neueste Nachrichten


(…) Beweglich in Körper und Stimme, legt sie [Ambur Braid] Salome als hibbeligen, etwas altklugen Teenager an, der, neugierig geworden durch die Macht der Stimme, auch den verfallenden Körper des Jochanaan erkundet, ihm in die Brustwarzen zwickt, ins verfilzte Haar greift.
Dass Kosky das jeder Wertung entzieht, stellt auf atemberaubende Weise den längst verbraucht geglaubten amoralischen Schock des Stücks wieder her. Am Ende setzt sich Salome den Kopf des Jochanaan auf den eigenen, verschmilzt mit ihm zu einem einzigen blutenden Menschen. So schön kann Liebe sein – und so pervers.

Michael Stallknecht, Süddeutsche Zeitung


(…) Das Orchester unter Joana Mallwitz, diese Sänger, Barrie Kosky – ein phantastischer Abend!

Natascha Pflaumbaum, hr2-kultur / Frühkritik


(…) Das Licht bleibt aus an diesem Abend, die Bühne schwarz und leer, das Spiel hat keinen Ort au­ßer den vom Mond (technisch raf­finiert von Joachim Klein) kreis­rund beleuchteten. Kein Palast, keine Dekoration, selbst die denkbar kostbarsten Edelsteine, die Herodes seiner Prinzessin spä­ter anbietet, finden nur in Musik und Gesang ihren Ausdruck. Man könnte daher auch ganz emoti­onslos von der  Konzentration aufs Wesentliche sprechen. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Salome nicht als perverses Kulinarikum, sondern wirklich als spannende Versuchsanordnung ihrer im überwältigenden Reichtum dieser Partitur gefangenen Protagonisten, für die es kein Entrinnen aus ihrer dysfunktionalen Familienaufstellung gibt. Jochanaans Kopf ist da nur der am Schluss an einem Fleischerhaken blutig und krass baumelnde Katalysator.
„Man töte dieses Weib“, nicht einmal mehr dieser Herodes-Befehl ist hier mehr nötig. In Salome ist schon alles tot. Deshalb verharrt sie stumpf starrend, sich das tote Haupt überstülpend, sich mit Jochanaan endgültig vereinend. Bis endlich das Licht verlischt. Ein letztes Mal. Selten folgerichtig und minimalistisch hat Barrie Kosky das inszeniert. Ohne rätselhafte Installation wie Romeo Castellucci in Salzburg, ohne neues Nazi-Narrativ wie Krzysztof Warlikowski in München, ohne Puppenspiele wie Nikolaus Habjan in Wien. Einfach nur radikalstmöglich reduziert, nacktschwarz und grausamknapp. Und wie sagt er doch so schön über diese einstmalige Oscar-Wilde-Unmöglichkeit: „Des einen Dekadenz ist des anderen Normalität“. (…)

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de


(…) Kosky in der Szene und Mallwitz am Pult nötigen geradezu zum atemlosen Zuhören. Schade nur, dass die archaischen finalen Schlag-Akkorde nicht nachhallen durften. Zu viele brüllten ihre Begeisterung über eine Salome-Lesart, die Radikalität tatsächlich „von den Wurzeln herkommend“ versteht, sofort heraus.
(…) In der Schirn zeigt man gerade „Fantastische Frauen“: Mit Joana Mallwitz und Ambur Braid sind zwei dieser Vertreterinnen livehaftig zu erleben. Bravo!

Jens Voskamp, Nürnberger Nachrichten


(…) Kein Wunder, dass für die lebenslustige, von Anfang an tanzende Salome der Ambur Braid, unterdrückte Sexualität in perverse Fetischisierung umschlägt. Der berüchtigte „Tanz der sieben Schleier“: auf dem Boden sitzend entwindet Salome mit zunehmenden Qualen einen endlosen Ballen des blonden Jochanaan-Haars aus ihrem Unterleib. Freud lässt grüßen. Schließlich entstand das Stück 1905 am Beginn der Psychoanalyse. Koskys Lösung ist so treffsicher wie genial: bloß nicht der sonst übliche Striptease, sondern die Zurichtung einer Jugendlichen. Nicht die anderen sind die Hölle, sondern die eigene Familie. Mit den raschen Lichtwechseln der brillanten Lichtführung von Joachim Klein gerinnen die Personenkonstellationen zu Snapshots aus dem Album der Familie Herodes.
(…) Barrie Kosky ist eine geradlinige, psychologisch tiefschürfende und abgrundtief schwarze Salome gelungen. (…)

Bernd Künzig, SWR 2 / Kultur aktuell


(…) An der Frankfurter Oper erzählt der Regisseur Barrie Kosky das Psychogramm dieser jungen Frau radikal konzentriert auf das Quartett der vier Hauptfiguren. Die anderen sieht man nicht einmal, denn Kosky lässt in einem schwarzen Kasten spielen und die Nebenfiguren im Dunkel verschwinden. Man kann sie hören, aber die Stimmen nicht zuordnen. (…)
Es ist das Leitmotiv des Mondes, das der vom Publikum bejubelten Inszenierung ihre strenge Form gibt. Ein Lichtkegel holt die Figuren aus dem Dunkel heraus, fokussiert die Erzählung, und manchmal zoomt der Scheinwerfer auch aufs Gesicht. Der Mond hat eine Menge zu tun, der Spot tastet in schneller Bewegung das Dunkel ab: Mit Hilfe der Lichtinszenierung von Joachim Klein befreit Kosky die Figuren von allem Beiwerk und schafft ein dichtes Familienpsychogramm: die verrückte Tochter, der hilflose Stiefvater, die Mutter, die in dieser Gemengelage zur Tochter hält. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Strauss gelang es auf einen Streich, das harmonische System bis an die Grenzen auszureizen, im großen Orchesterappa­rat die extremsten Farben zu mo­bilisieren, den Personen themati­sche Kontur zu geben, das Drama zu befeuern, aber auch die Ratlo­sigkeit angesichts dieser Titel­figur im musikalischen Verlauf zu spiegeln. Joana Mallwitz arbei­tet mit dem sehr konzentriert spielenden Opern- und Museums­orchester diese Opulenz fulmi­nant heraus. Nicht alle dyna­misch heiklen Stellen bremst sie ein, sondern vertraut auf die stimmliche Kraft der Sänger.
(…)
Ambur Braid, wie fast alle an­deren mit einem Rollendebüt (…), gelingt sängerisch wie darstellerisch das in dieser Konstellation kaum Fassbare: Sa­lome in allen Facetten ihres Spiel­triebs mit grauenhafter Wirkung, bloßzustellen. Mit Herodes' ange­widertem Befehl „Man töte dieses Weib" endet die Oper – die Prota­gonistin und das gesamte Team werden mit Ovationen über­schüttet.

Andreas Bomba, Offenbach-Post


(…) Ambur Braid ist eine faszinierende Salome mit großer, vielfarbig schattierter Stimme, die auch deklamatorisch klare Kante zeigt, ohne an Wärme zu verlieren. Für den Schleiertanz hat ihr die Ausstatterin Katrin Lea Tag ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid im Vokuhila-Stil entworfen, aus dem es gefährlich rot hervorblitzt. Braid zeichnet sie eine erschütternde Studie der Verwirrung, zu der eine zielstrebige Liebe fähig ist; Christopher Maltmans makelloser Bariton macht auch offenbar, dass in dem geschundenen Körper des Jochanaan der aufrechteste Charakter dieser Geschichte wohnt. (…)
(…) Die Dirigentin Joana Mallwitz serviert diese Partitur nicht übertrieben süffig, sondern stets aufs szenische Geschehen bezogen. Sie lässt die raffinierten Klangkombinationen leuchten und bewahrt die Balance zwischen Klangrausch und Transparenz mit so sicherer Hand, als würde sie hinter die sinnliche Fassade dieser Partitur blicken: ein perfektes Gegenüber zu dieser konsequenten Regie.

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier


(…) nach langer Pause dann einsetzender Jubel – was für eine geballt-konzentrierte Beschwörung der Entgrenzung aller humanen Werte – erschreckend, gespenstisch, unvergesslich.

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)

Salomes Wunsch nach dem Kopf des Propheten bringt das Drama ins Rasen. Um Rausch und Askese, Macht und Tod, um eine aufwühlende Zeitenwende geht es in Strauss’ Einakter.

Die Elementarkraft und Sinnlichkeit der Salome rüttelten eine ganze Epoche auf. Die Urquelle, der biblische Salome- Stoff, gewann durch die Jahrtausende mehr und mehr an Bedeutung: Die Wirkungsgeschichte reicht von einer Erzählung über das Ende Johannes des Täufers im Markus-Evangelium bis zum Fin de Siècle, in dem Salome zur Lieblingsfigur der bildenden Künstler, Literaten und Musiker avancierte.

Bei Oscar Wilde, dessen Drama Richard Strauss faszinierte und zu radikalen stilistischen Neuerungen inspirierte, zeigt sich der Mythos als Zusammenprall von Sinnlichkeit und religiöser Askese mit einer außergewöhnlichen Brisanz. Salome handelt in Wildes Drama selbstständig: Sie fordert von ihrem Stiefvater Herodes den Kopf des Propheten, weil ihre Liebe unerfüllt geblieben ist.

Strauss verzichtet auf eine atmosphärische Illustration des Textes und konzentriert sich auf den Konflikt zwischen Salome und Jochanaan, auf die Radikalität ihrer Unterschiede. In einer groß angelegten Steigerung lässt er Welten, Lebensentwürfe und Vorstellungen von Liebe aufeinanderprallen. Seine Musik galt als bahnbrechend und wurde von vielen Zeitgenossen als wichtigstes Ereignis in der europäischen Musik seit Wagners Tristan und Isolde gefeiert. Unter dem Einfluss der ihn faszinierenden Textvorlage hat Strauss seine Klangsprache in den Bereichen von Harmonik, Rhythmik und Instrumentation mit einer bis dahin noch nie gehörten Intensität angereichert. Ein Skandal und der spätere Welterfolg waren damit garantiert.

Mit freundlicher Unterstützung