Presse

Pressestimmen

(…) man muss sich ein bisschen hineinhören – und dann kann man sich besoffen hören!

Imke Turner, hr2-kultur / Kulturfrühstück


(…) Die derzeit als Wunder bejubelte Dirigentin Joana Mallwitz lässt diese durchkonstruierte und sich konsequent dem großen Gefühl verweigernde Musik ganz natürlich aus dem Orchestergraben des Frankfurter Opernhauses aufsteigen. Sie formt den Klang weich, flexibel, feingliedrig, sie lässt die Musik atmen, sich ausbreiten, zusammenziehen, verkriechen. Dieser Klang ist voll einem pochenden Leben, das sich nie frei äußern darf, er malt alles das hin, was im Unbewussten der Titelheldin umgeht. (…)

Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung


(…) Das Regie-Team um Corinna Tetzel interessiert sich vor allem für die Frage, was jahrelanges Warten auf einen geliebten Menschen mit einer Frau in der heutigen Zeit macht. So sieht Tetzel Pénélope als durchaus emanzipierte Frau, die sich in den 20 Jahren von Ulysses Abwesenheit von ihm merklich entfremdet hat. Als „starke“ Frau trägt Pénélope einen schwarzen Hosenanzug, der sie mit der sie umgebenden Männerwelt in Form der fünf Freier auf eine gleichberechtigte Stufe stellt. Das Leichentuch, das sie für Ulysses Vater webt, trägt sie unter diesem Hosenanzug am eigenen Leib. Durch eine Hochzeit mit einem der Freier würde sie sich folglich gewissermaßen selbst begraben. Doch so weit will sie es nicht kommen lassen. Deshalb löst sie die ineinander verschlungenen Bänder des weißen Gewandes immer wieder auf. Wenn die Freier den Bogen von Ulysse spannen sollen, werden sie vorher von den Dienerinnen mit weißen Tüchern, die als Fäden des Leichentuchs interpretiert werden können, „umsponnen“, was andeuten mag, dass sie nun selbst dem Tod geweiht sind. Der zu spannende Bogen existiert nur in der Fantasie. Stattdessen hält Pénélope einen Dolch in der Hand, den Ulysse in Richtung der Freier führt. So ist es scheinbar sie selbst, die sich mit Ulysses Hilfe der Freier entledigt. Der Beziehung zwischen Pénélope und Ulysse vertraut Tetzel am Ende nicht. So lässt sie das Ehepaar beim Schlussjubel der Musik in einiger Entfernung voneinander stehen.
(…)
Musikalisch weist das Werk wunderbare Passagen auf, die bedauern lassen, dass die Oper so selten zu sehen ist. Faurés Musik hat einerseits leitmotivischen Charakter, was sie in die Nähe von Richard Wagner rückt, begeistert andererseits durch spätromantische Klangfülle und pendelt zwischen impressionistischer Farbigkeit und klassizistischer Schönheit. Dabei wird deutlich, dass Fauré ein erfahrener Liedkomponist ist, da er stets die Stimme in den Mittelpunkt stellt und niemals vom Orchester überdecken lässt. Joana Mallwitz lotet mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester diese Nuancen detailliert aus und lässt das Publikum in einen bewegenden Klangrausch eintauchen. Die Solisten lassen ebenfalls keine Wünsche offen. Paula Murrihy kehrt für die Titelpartie an ihre langjährige Wirkungsstätte nach Frankfurt zurück und setzt mit warmem Mezzosopran und intensivem Spiel Akzente. Murrihy gestaltet Pénélope als moderne Frau, die es durchaus mit den Freiern aufnehmen kann und für die der zurückgekehrte Ulysse ein Fremdkörper bleibt. Eric Laporte begeistert in der Partie des Ulysse mit leuchtendem Heldentenor und sauber ausgesungenen Höhen, die eine bewegende Leichtigkeit besitzen und zu keinem Zeitpunkt angestrengt klingen. Mit Murrihy gelingen ihm vor allem im zweiten Akt musikalisch großartige Momente. Darstellerisch macht auch er deutlich, dass er nicht weiß, wie er mit der Rückkehr nach 20 Jahren umgehen soll. Joanna Motulewicz stattet die Amme Euryclée mit dunkel gefärbtem Mezzosopran aus. Auch sie lässt sich von den Freiern nicht einschüchtern. Peter Marsh, Sebastian Geyer, Ralf Simon, Dietrich Volle und Danylo Matviienko überzeugen stimmlich und darstellerisch als unsympathische Freier mit aufdringlichem Spiel. Božidar Smiljanić punktet als alter Hirte Eumée mit dunklem Bass. Die Dienerinnen (Nina Tarandek, Angela Vallone, Bianca Andrew, Julia Moorman und Monika Buczkowska) und der gut disponierte Opernchor unter der Leitung von Markus Ehrmann runden den musikalischen Genuss überzeugend ab, so dass es am Ende verdienten Applaus für alle Beteiligten gibt, in den sich auch das Regie-Team einreiht. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Die Regisseurin Corinna Tetzel rettet die Sache vor allem, indem sie sich mit den vielen uninteressanten Details nicht weiter aufhält und ganz auf die Mezzosopranistin Paula Murrihy in der Titelrolle setzt. Murrihy macht aus dem Abend eine Charakterstudie Pénélopes, sie singt und agiert in edler Einfalt und stiller Größe, nahezu unbewegt von den Gefühlsanwallungen aus dem Orchestergraben, sie zeichnet einen Charakter, der auf die harte Tour gelernt hat, skeptisch zu sein, auch gegen das eigene Sehnen und Begehren. (…)
In Frankfurt tritt der Held nicht mit angeklebtem Bart auf, sondern ganz ohne Maske: Er ist alt geworden, und das nicht zu seinem Vorteil. Den daraus erwachsenden Konflikt erkennt Tetzel als den wahren Kern des Stücks: Pénélope vermisst Ulysse auch noch, als er längst wieder da ist. Auf den, der da zurückkommt, hat sie nicht gewartet.
Sehen kann man diese Nöte nicht. Aber man kann sie hören – und dies ist das Verdienst von Joana Mallwitz am Pult, die sich die Partitur mit großer Gründlichkeit zu eigen gemacht hat und mit dem Orchester, das an vielen Stellen so fein klingt, als wäre es ein zu groß geratenes Streichquartett, in allen Schattierungen auslotet.
Das zeigt sich nicht nur, aber vor allem im Finale. Es ist spektakulär angelegt: Um ihre Tauglichkeit zu beweisen, müssen die Männer mit Ulysses Bogen einen Pfeil durch zwölf Axtringe schießen; wem das gelingt, dem soll Pénélope gehören. Man kann sich ausmalen, wie ein solcher Showdown bei Rossini, Berlioz oder Wagner klänge. Es liegt aber ohnehin auf der Hand, wie die Sache ausgeht, also verzichtet Fauré auf alles Getöse und legt in den Noten lieber Pénélopes Seele offen. Und zum Glück verzichtet folgerichtig auch die Regisseurin auf alles Kampfgetümmel, das das Textbuch vorschreibt – und überlässt den Sieg der Dirigentin. Der Abend erzählt somit nicht nur eine Heldinnengeschichte, er ist selbst eine. (…)

Florian Zinnecker, Die Zeit


(…) In Frankfurt hatte das bedeutende Werk von 1913 jetzt, 17 Jahre nach seiner deutschen Erstaufführung in Chemnitz, Premiere in einer grandiosen Darstellung durch Corinna Tetzel, die dem knappen, auf den Kern reduzierten Ansatz Faurés völlig gerecht wird. Ein begehbares Dach eines größeren Gebäudes ist der treffliche Spielort (Bühne: Rifail Ajdarpasic). Hier versammeln sich die in zeitgenössischem Business-Dress gekleideten Freier mit ihrem weiblichen Escort-Anhang in safrangelber Wellness-Dienstkleidung. Die Königin ebenfalls ganz geschäftsmäßig im Business-Look, unter dem sie das Totenhemd ihres hinhaltenden Wartens trägt. Ausdruck ihrer Verschlossenheit, aber auch ihrer Selbstbewahrung. Einmal wird sie, als sie von ihren Hoffnungen spricht, sich ein Ballkleid umwinden, das dann wie ein größeres Totenhemd wirkt (Kostüme: Raphaela Rose).
Corinna Tetzel hat in der Bebilderung, gleich einem regielichen Odysseus, alle Klippen der Versuchung tagesaktuellen Mitläufertums souverän umschifft. Nichts lenkt von der Musik ab. Die Video-Zusätze Bibi Abels haben stimmungshaften, raum- und zeitfokussierenden Charakter. (…)
(…) [Es] gelingen Personen-Konstellationen oberster Klasse. Der Augenblick im schon beginnenden Kampfgetümmel, als die Eheleute sich erkennen und nahekommen, ist in Verbindung mit der kurz aufrauschenden Musik schlichtweg überwältigend. Dass Tempofragen nicht allein solche der Musik, sondern auch der Personenführung sind – hier wird’s Ereignis. Und der Mut, Sänger minutenlang nicht zu bewegen und sie damit aus dem Korsett aktivistischer Scheinhaftigkeit zu entlassen, war dem Beharrungsvermögen der Titelpartie ebenbürtig. (…)

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) In der aktuellen Produktion ist die Irin Paula Murrihy als Pénélope zu erleben und kehrt das noble und edle dieser Partie heraus. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Joanna Mallwitz lässt die Partitur glänzen und glitzern. (…)

Sabine Weber, www.klassikfavori.de


(…) Erotisches Begehren und Gewalt gehen (…) Hand in Hand.
Subtil zeigt das die wechselnde Lichtrahmung (Jan Hartmann), die sich gelungen an der Musik mit ihrer erkennbaren Sympathie für das sinnliche Verhalten der Freier und der Mägde orientiert. (…)

Karsten Mackensen, Wiesbadener Kurier


(…). Stark in Schmerz und Leid, aber auch anrührend im Hoffen und Bangen ist Paula Murrihy mit hellem, ausdrucksstarkem Mezzosopran. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Transparenter, zarter, bruchloser und farbiger könnte der fließende Orchesterklang nicht sein – ein Pluspunkt nun auch der Frankfurter Aufführung. Joana Mallwitz führt das Opern- und Museumsorchester durch wahre Wunderwelten entspannten Musizierens, betörende Flöte- und Harfenmusiken stehen stets gedämpften Streicherwolken zur Seite – bis hin zum Schluss­akkord in wohligem Dur, mit sanf­ten Hörnern und Posaunen im Zentrum, zwischen saftigem Bass und sphärischen Höhen. Ein Genuss – wenn man nicht operntypische Eruptionen, existenzielle Dramatik oder eitle Selbstdarstellungen der Figuren erwartet, wie sie die zeitgleich komponierenden Ri­chard Strauss oder Giacomo Puccini maßstäblich boten.
Paula Murrihy singt die Titelpar­tie. die schon so prominente Stars wie Régine Crespin oder die jüngst verstorbene Jessye Norman verkör­pert hatten. Ihre Pénélope ist eine verletzliche Frau, genervt von den Belästigungen der aufdringlichen Freier; wachsende Melancholie lässt nur vorsichtige Annäherungen an den Neuankömmling zu, der Odysseus zu kennen vorgibt – und es in Wahrheit selber ist. Keine Freude bricht aus ihr heraus, allenfalls Erleichterung in schönen Tönen einer gepflegten Stimme, die durch Schlichtheit betört und berührt. Ulysse ist Eric Laporte, ein lyrischer, heller und klar zeichnender Tenor. Auch er wird nirgendwo wütend und rastet selbst dort nicht aus, wo er Nebenbuhler zur Strecke bringt. (…)
(…) Den hellen Stimmen des „hohen Paares" stellt Fauré einen dunklen Mezzo (Euryclée) und Ba­riton (Eumée) zur Seite, charakte­ristisch gesungen Von Joanna Motulewicz und Božidar Smiljanić – auch sie sanfte, ruhige, unerschüt­terliche Pole in einer gänzlich unaufgeregten Oper. Luise Rahe aus dem Kinderchor singt einen Hirten und steckt für Odysseus weiße Rosen in schwarze Flaschen. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) das alles prallt an dieser Penelope ab, die so zu einer Ikone des Wartens wird und die das Totenhemd von Laërte, an dem sie Nacht für Nacht webt und es wieder auflöst, selbst anhat. Dieses Totenhemd ist ein weißes Kleid aus langen Stoffbändern, ein schöner Einfall der Kostümbildnerin Raphaela Rose. (…)

Richard Lorber, WDR 3 / Opernblog


(…) Paula Murrihy beherrscht sowohl den liedhaften Ton Faurés – der an die Verlaine- Lieder erinnert oder an die „Mélodies“ – als auch, mühelos und glänzend, die selteneren, aber eindrucksvollen dramatischen Ausbrüche. Die alte Ordnung kann nicht wieder hergestellt werden Ihr zur Seite agiert ein stimmlich vorzüglicher Eric Laporte als Ulysse. Fantastischer kann man nicht buchstäblich nebeneinanderher singen: Während noch die Musik die alte Liebe beschwört, entwickelt Pénélope ganz eigene Pläne, das Wiedererkennen verweigert sie. Hier spätestens widerstrebt die Inszenierung dem Text – trotzdem bleibt sie glaubwürdig. Die alte Ordnung soll und kann nicht einfach restituiert werden. (…)

Karsten Mackensen, Darmstädter Echo


(…) Mallwitz gelang es mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester, den subtilen Spätstil Faurés in einem durchsichtigen und doch energiegeladenen Mischklang zu erfassen. (…)

Nikolaus Schmidt, Badische Neueste Nachrichten

(…) Dass ein Sänger seinen Auftritt ab­sagen muss, kann in nasskalten Novembertagen vorkommen. Aber es war schwierig, für den erkrankten französischen Tenor Stanislas de Barbeyrac Ersatz zu finden. Louise Alder ist eine Sängerin, die ihr Pu­blikum verzaubert. Die sympathi­sche Britin gehörte für drei Jahre zum Ensemble der Oper Frankfurt. Inzwischen stehen der 33 Jahre alt gewordenen Sängerin die Bühnen auf der ganzen Welt offen. Dass sie ebenfalls als Liedsängerin sehr ge­fragt ist, versteht jeder, der sie in Frankfurt erleben konnte.
(…)
Louise Alder singt mit ihrem kla­ren und wandlungsfähigen Sopran in allen Sprachen sehr deutlich, je­des Wort erhält genau den richti­gen Ausdruck.
(…) Louise Alder und Gary Mat­thewman [durchschreiten] souverän einen großen Teil des Liedkosmos, bieten Be­kanntes und Raritäten mit großem Ausdruck und auf höchstem Ni­veau. Große Begeisterung und vier Zugaben!

Martin Grunenberg, Frankfurter Neue Presse


(…) Volumen, das doch leicht bleibt, traf auch die Beweglichkeit in drei Liedern Felix Mendelssohn Bartholdys: „Auf Flügeln des Gesanges“ von Heinrich Heine. Das war als lange Linien ziehendes Schweben und nicht als aufflatterndes oder aufrauschendes Klangbild zu verstehen.
Bei den Drei Lieder der Ophelia von Richard Strauss war Alders Stimme in jähen, aktivistischen Positionen gefordert, denen der pianistische Begleiter der Sopranistin, Gary Matthewman, mit perlender und sprungbereiter Vifheit alles gab. Überhaupt bot der britische Musiker ein Optimum an genau durchgezeichneter Linie und Textur, konnte aber auch der gleitenden, ariosen Eleganz Franz Liszts den passenden Glanz geben. Alder blieb leicht, fast mädchenhaft und munter. Drei Texte von Victor Hugo, die emphatische, traumgebundene Stimmung mit Transzendenz-Attributen verbanden, waren fordernd für die Höhe, die Alder mit Stärke und leichter Schärfe gab. Bei drei Liedern Fanny Hensels kam ein fast triumphalistischer Ton zum Vorschein, namentlich als pathetischer Zug in „Nach Süden“ (Text: Wilhelm Hensel). (…)

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Zu den Liedern, die häufig schon in der verdienstvollen Konzertreihe im Opernhaus zu hören waren, gehören etwa Felix Mendelssohn Bartholdys „Auf Flügeln des Gesanges“ oder Franz Schuberts „Gretchen am Spinnrade“. Zusammen mit dem ebenso einfühlsamen Gary Matthewman am Klavier ließ Alder sie sozusagen wie neu hören, nämlich ungemein empfindsam, in der Artikulation äußerst präzise und immer dicht am lyrischen Sinngehalt. Wie ohne jedes dramatische Auftrumpfen und ganz allein mithilfe von Stimmfarben und Ausdruck auch das Liedpodium zur Bühne werden kann, das demonstrierte sie in den drei Ophelia-Liedern op. 67 von Richard Strauss, dem einzigen festen Liedzyklus innerhalb der kleinteiligen Liedgruppen. (…)

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) Es hätte so weiter gehen können, doch nach 28 Vorträgen entließ man schweren Herzens die charmante Sängerin. 

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu

(…) Da ist kein Durchwinken, also leuchtet [Regisseurin] Katharina Thoma die Situation in ihrer Inszenierung hell aus, gutmütig, aber auch klug, mit Ironie und Humor. Während [GMD Sebastian] Weigle, Orchester, Chor und Solistenensemble die goldene Tiefe der Süße zum Funkeln bringen.
(…)
Letzteres hängt auch stark mit der neuen Besetzung der Titelpartie zusammen, in der Kateryna Kasper ein wunderschönes Rollendebüt abliefert, ihre Stimme in einem eigenartigen Zwischenraum zwischen lieblichem Gezwitscher, der Fülle des Wohllauts, der kultivierten Simplizität (so im Schlager „Letzte Rose“). Als Vertraute Nancy steht erneut Katharina Magiera an Marthas Seite, deren jugendlicher, leichter Alt ideal für die Rolle einer hier keineswegs derb kontrastierenden Besten-Freundin ist. Thoma kann viele Probleme lösen, indem sie überzeugende Frauen zeigt, die sich eben selbst darüber wundern, ihnen das passieren könnte. Ihr steter Begleiter wird maßvoll karikiert von Iain MacNeil als Lord Tristan. Die Männer, mit denen sie den Handel abschließen, verlieren durch ihre Verliebtheit sympathisch den Vorsprung: Gordon Bintner mit schlankem Bariton, Gerard Schneider mit einem Tenor, der einem das Ohr verschließt für alle zweitklassigen Besetzungen des Lyonel. Das Vollendete ist möglich, also will man es auch künftighin bekommen.
Hübsche Pointe, dass Thoma im Januar eine weitere Liebesgeschichte in Frankfurt inszenieren wird, Tristan und Isolde.

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) und wer das große Leitmotiv in der vom Opern- und Museumsorchester so filigran ge­zeichneten Ouvertüre entgegen­nahm, der konnte schon nach we­nigen Minuten ins Schwelgen gera­ten. Nicht ohne Grund hatte sich der Chef Sebastian Weigle entschieden, die Leitung gerade dieser Wie­deraufnahme [erneut] zu übernehmen.
(…)
Die Liebenden in der „zweiten Rei­he" beglückten nicht minder: Ka­tharina Magiera in der Rolle der Nancy und Gordon Bintner als Plumkett erscheinen wie füreinan­der gemacht. Iain MacNeil in der behäbigen Rolle des Lord Tristan und Franz Mayer als gestrenger Richter von Richmond vervollstän­digen das übersichtliche Solistenensemble, das freilich vom leistungs­starken Opernchor (mit Extrachor der Damen) angereichert wurde.
Dass es am Ende auch ein Abend für den oft vernachlässigten Fried­rich von Flotow wurde, lag am aus­gezeichneten Orchester mit seinem gefühlvollen, stilsicheren General­musikdirektor Weigle.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse

Ausverkauft. Das gilt für alle Aufführungen von Georg Friedrich Händels Tamerlano im Bockenheimer Depot in Frankfurt noch vor der Premiere. Längst hat sich herumgesprochen, dass man in der Experimentierspielstätte der Oper Frankfurt etwas erlebt, das gleichermaßen erschüttert und enthusiasmiert. So am Premierenabend. Wenn der letzte Ton von der Dunkelheit aufgesogen ist, bleibt nur noch die Last der Tragödie, die bleischwer im Raum erstarrt. Stille, angehaltener Atem, es dauert, bis der Applaus einsetzt, begeistert, Bravi für alle, die da noch ganz in ihrer Rolle verdreckt, abgerissen, voll Blut, erschöpft und strahlend sich verneigen.
(…)
Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather verlegt das historische Ereignis in die Gegenwart seines Heimatstaates. Tamerlano, ein Cowboy, Texaner, Ölmagnat oder von allem ein bisschen, schlendert über die Bühne, schwingt eine Schlüsselkette, schließt den Drahtkäfig auf und bitte das Orchester auf seine Plätze. Dann schließt er wieder ab, gibt das Signal zum Beginn. Er ist der Boss, zu Macht und Reichtum aufgestiegen, gibt sich jovial und mischt sich unter die Zuschauer. Doch hinter seiner Maske wütet der Sadist. Nur die so reich verzierte Musik, die Lawrence Zazzo als Tamerlano bravourös virtuos aussingt und alle Facetten zwischen Hass und Ironie auch mit jeder Faser seiner Muskeln ausleuchtet, kündet schon im ersten Akt von seinem Charakter, den er offen auslebt, wenn er sich im zweiten Akt die Maske vom Gesicht reißt und, grell geschminkt, den Blick eines Wahnsinnigen auf das Publikum richtet.
Sie, die Zuschauer, sitzen auf der Tribüne, bekommen Dosenbier vom Herrscher und sind dennoch ebenso Gefangene in diesem Bunker, den Bühnenbildner Paul Steinberg bis an die Decke in das Bockenheimer Depot einpasste. Konfetti, Bänke, ein Drahtgestell mit Getränkedosen auf der Spielbühne neben dem Orchesterkäfig und das Bühnenpersonal im blauen Kittel mit „Crew“ als Aufschrift suggerieren ein Umfeld am Rande eines Footballspiels, das eben stattgefunden haben könnte.
(…)
Für diese packende Aufführung maßgeblich verantwortlich war der Dirigent Karsten Januschke, der nicht nur souverän alle Fäden in den Händen hielt, sondern alle Beteiligten zu einer höchst sensiblen Interpretation anhielt. Das ausnahmslos hervorragend besetzte Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizierte nach barocker Art, spieltechnisch perfekt, brillant im Ton, ausdrucksintensiv in den Affekten, höchster Genuss und Überzeugung pur für Händel als Meister des Affektes.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Der amerikanische Regisseur R.B. Schlather, sein Bühnenbildner Paul Steinberg und die Kostümbildnerin Doey Lüthi finden einen klugen Durchgang zwischen Offenheit und Spielerei. Das meiste setzt sich erst im Kopf zusammen.
Eine Geschichte unter Amis: hier ein Cowboy, da ein Baseballspieler, dort eine Discokönigin, man trägt Jeans und als es ernst wird, gibt es für den Gefangenen einen Guantánamo-orangefarbenen Jogginganzug. Die Figuren sind aber keine Karikaturen und wenn sie es sind, machen sie klar, dass sie eine Rolle spielen.
Schlathers Ansatz unterscheidet sich dadurch deutlich von anderen gewitzten, ebenfalls zum Teil durchaus minimalistischen Barockmusikaufführungen, wie sie nicht zuletzt dank der Oper Frankfurt auch im Bockenheimer Depot zu sehen sind. Schlather und das großartige Ensemble können ebenfalls sehr witzig werden, aber das ist offenbar nicht der springende Punkt. Der Minimalismus, mit dem sich der Regisseur in den USA bereits einen Namen gemacht hat, bezieht sich nicht allein auf das Dekor, er bezieht sich ebenso auf die Bewegungssprache, die Mimik. Ständig erwartet man Klamauk, aber er kommt in Dosen (Budweiser). Selbst die Normalität und Natürlichkeit der Figuren wird nicht ostentativ herausgestellt, sie soll einfach da sein, und da ist sie.
(…) Funkelnd erst recht das Orchester. Neben Laute und Gitarre sorgen interessante Holzblasinstrumente, Blockflöten, Chalumeaux, für besondere Farben, die Karsten Januschke auch herrlich herausarbeiten lässt. Händel klingt knallfrisch, tanzbar, extrem abwechslungsreich. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Anfangs im schwarzen Westerndress samt knallender Reitpeitsche, maskiert sich Psychokiller Tamerlano, sprühend leutselig mit angeklebter Nase und ulkigem Charles-Bronson-Bart als harmloser Sugar-Daddy. Countertenor Lawrence Zazzo in der Titelpartie fällt dabei durch unbändige Spielfreude auf, schießt Konfettikanonen ab, platziert sich singend mitten im Publikum, lacht schriller als nötig und macht doch immer klar, dass alle bösartigen Spielchen stets nach seinen Regeln ablaufen werden. Später, wenn Asteria sich ihm mutig verweigert, legt er den Hebel um, zieht Perücke und Maske ab und attackiert die Widerspenstige bis aufs Blut.
Alle sechs Solisten intonieren nicht nur ihre furiosen und feinsinnigen Arien in anbetungswürdiger Schönheit, sie zeichnen auch beeindruckende Charakterstudien. Tenor Ives Saelens als Bajazet ist ein Despot auf Augenhöhe, spannt aber in seiner fünfteiligen Selbstmordszene eine immense Bandbreite an Gefühlen: rührende Liebe zu seiner Tochter, selbstlose Todesverachtung und rasende Tyrannenanklage. Elizabeth Reiter verleiht Asteria weibliche Wucht und wahnsinnige Wut, die sie ihr beständiges Ausgeliefertsein ertragen lässt. Gemeinsam mit ihrem Geliebten Andronico, den der Frankfurt-Debütant und schwarze Countertenor Brennan Hall mit tiefster Zerrissenheit ausgestaltet, gelingen dem Paar innige Szenen, die für immer im Gedächtnis haften bleiben.
Cecelia Hall als Glitzerschnecke Irene, die Kaugummi kauend und mit Motorradhelm in die Szene platzt, lässt zeitgleich ihren Mezzosopran zu hochdramatischen Girlanden auffahren, sodass nicht nur dem bewegenden Bariton Liviu Holender als Leone beim Auftritt der Mund offen stehen bleibt.
Schlathers Tamerlano transportiert eine Dichte an Emotionen, die sich niemand entgehen lassen sollte. Das Problem: Fast alle acht Vorstellungen der Serie sind bereits ausverkauft.

Bettina Boyens, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Der farbige Countertenor Brennan Hall ist hier im Baseball-Outfit für Arien tiefen Seelenleids gut. Und Rockerbraut Irene, die Tamerlano versprochen ist, sieht ihre Felle schwinden. Kaugummi kauend steuert Cecilia Hall ihren profunden Mezzosopran. Sogar der im blauen Overall steckende Gefängnis-Aufseher Leone leidet, Liviu Holender, mit dunkel timbriertem Bariton.
Stimmlich agiert Tamerlano, der bei zunehmendem Konflikt seine Cowboy-Maskerade ablegt, mit Zuckerbrot und Peitsche. Händelspezialist [Lawrence] Zazzo wartet hier mit artistischen Koloraturen auf, und deckt das Publikum zur vorgeblichen Hochzeitsfeier schon mal mit Bierdosen ein. Doch diese Zwangsehe ficht Asteria mit allen Mitteln an. Elizabeth Reiter entwickelt sich hier vom unter der Kapuze Schutz suchenden Menschlein zur großen Tragödin, ein starker Sopran. Nicht zuletzt beeindruckt der stimmlich standhafte Saelens, ein Sultan im Straßenanzug, dessen Freitod selbst den grausamen Tyrannen besänftigt.
Dazu liefern [Dirigent Karsten] Januschke und das Barock-Orchester einen auch rhythmisch hinreißenden Händel-Soundtrack, präzise auf die jeweilige emotionale Situation abgestimmt. Das Premierenpublikum in Jubelstimmung: Frankfurt hat einen neuerlichen Opern-Hit.

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…)  Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather macht den ganzen Raum zum Spielfeld und zwingt den Zuschauer dadurch, Stellung zu beziehen. Wie lange amüsiert uns das Handeln Tamerlanos? Wie lange ignorieren wir das Leid der anderen? Wann müssten wir eingreifen? Das korrespondiert mit dem (Nicht)Handeln der Figuren der Oper, die sich immer stärker in sich selbst zurückziehen, dann urplötzlich Verantwortung für andere übernehmen und am Ende Selbstmord begehen wollen. Händel verhindert das, doch hört das Orchester in Frankfurt einfach auf zu spielen. Die Überlebenden singen allein weiter, bis das Licht ausgeht und alles verstummt. So kann das gehen.
Was Karsten Januschke in dreieinhalb Stunden aus dem fabelhaften Orchester zaubert, ist sensationell. Mit dem Wissen um die historische Aufführungspraxis geht er kreativ um, lässt flüssig und farbig spielen, legt den Finger aber immer wieder in die Wunden, also dahin, wo es weh tut. Die umfangreichen Rezitative sind gekürzt oder werden gesprochen, oft gleitet der Gesang ab ins Flüstern oder Schreien. Lawrence Zazzo ist ein wunderbar-widerlicher Tamerlano, Elizabeth Reiter eine berührend zerrissene Asteria und Yves Saelens ein starrer, lebensverneinender, kalter Egoist. Oper kann so radikal, so modern sein. Oper kann alles.

Bernd Zegowitz, Badische Neueste Nachrichten

(…) Es donnert, es gleißt, es schießt scharf, es tanzt auf dem Vulkan. Es ist irre laut. Es hört eiskalt wieder auf, irre laut zu sein. Die zentrale Heldenrolle des langen, großen Opernabends, der auch ein großes Sinfoniekonzert ist, gehört dem Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Am heldischsten die Bläsergruppen: das Blech als strahlendes, diszipliniertes, aber auch unbarmherziges Edelmetall, und die Posaune bekommt den komischsten Moment der auch an Komik nicht armen Oper – das Abschlaffen in jenem beträchtlichen Abwärtsglissando zum Schluss des berüchtigten 124-Takte-Beischlafs, einem Feuerwerk, einer Eruption. Das versteht jeder, aber zur Sicherheit sieht man es hier außerdem, dezent und eindeutig.
Die Holzblasinstrumente mischen kommentierend wie menschliche Stimmen mit, lamentierend, japsend, betrübt. Die Streicher erscheinen sämig im Ganzen, brillant im Einzelnen. Wie ein weitergedrehtes Kaleidoskop kann sich minütlich alles neu zusammensetzen, das Gigantomanische verlangt äußerste Beweglichkeit und bekommt sie.
Aus diesem lebendigen Meer der Orchestermusik scheint sich alles weitere zu ergeben. Es ist so dominant, als setzte es die Figuren und die Handlung durch seine eigene Bewegung und Aufregung überhaupt erst in Gang. Ein ausgezeichnetes Ensemble steht dafür auf der Bühne zur Verfügung. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Der Frankfurter Schauspielintendant Anselm Weber inszeniert den reißerischen Krimi mit akkuratem Realismus, wenngleich er ihn in einem Russland der nahen Zukunft verortet. Das Kaufmannsmilieu des 19. Jahrhunderts aus Nikolai Leskows Vorlage bleibt da ebenso ausgespart, wie die Entstehungszeit der Oper. Geradlinig erzählt Weber die Geschichte der Katerina Ismailowa, die sich in den Arbeiter Sergei verliebt, den brutalen Schwiegervater Boris mit Rattengift umbringt und anschließend ihren Gatten mit Hilfe des Geliebten erwürgt. Alles fliegt auf, als die Figur des Schäbigen auf der Suche nach Alkohol im Keller auf die Leiche stößt. Die beiden landen im Straflager und Sergei bändelt mit der Nächstbesten an. Die Kaufmannsfrau hat ausgedient. Katerina stürzt sich mit der Rivalin in den kalten See und ertrinkt.
(…)
Der Abend gehört (…) Anja Kampe. Sie singt und spielt überwältigend und scheut sich nicht, die Mörderin nicht allein als tragische Figur, sondern als Heilige ihrer Gefühle darzustellen. Eine derartige Hingabe war selten bei einer Sängerin dieser ungemein anspruchsvollen Partie zu hören und zu sehen. In Frankfurt erleben wir ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts in einer meisterhaften Aufführung.

Bernd Künzig, SWR 2 / Journal am Mittag


(…) Die beiden Gegenspieler Katerina und ihr sadistischer Schwiegervater Boris waren mit der großen Sopranistin Anja Kampe und dem durchschlagenden Bassisten Dmitry Belosselskiy atemberaubend besetzt. Heftig bejubelt auch die beiden Frankfurt-Debütanten und dabei so farbenreich unterschiedlichen Tenöre Dmitry Golovnin als Liebhaber Sergei und Evgeny Akimov als Ehemann Katerinas. Dirigent Weigle verstand es vorzüglich, sowohl die bedeutende Bühnenmusik der Blechbläser, die in den Beleuchtungsklappen rechts und links über dem Orchestergraben platziert waren, als auch die gewaltigen Chortableaus und die vielen satirischen Charakterstudien zu einem farbenreichen Gesamtklang zusammenzuführen.

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


Stundenlange Krimispannung: Mit Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk hat die Oper Frankfurt jetzt einen neuerlichen Knüller aufgelegt. Uneingeschränkt Beifall und Bravos gab es zur Premiere des mordsmäßigen Grusicals. Weil Regisseur und Schauspielchef Anselm Weber in diesem Spiel um Liebe in Zeiten von Macht und Gewalt aus Figuren starke Charaktere formte. Weil Sebastian Weigle und das Opern- und Museumsorchester die vielen Schichten von Schostakowitschs Musik aufzudecken verstanden. Und weil es Titelheldin Anja Kampe schaffte, dass man final für eine Mehrfach-Mörderin Mitleid empfand. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Der Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle zeigt sich mit seinem Klangkörper nicht als Vertreter von akustischem Blümchensex. Es geht in der vom Publikum sehr anhaltend gefeierten Premiere bis an die Schmerzgrenze lautstark zu. Aber nicht nur. Das Opernorchester wartet auch mit wunderbar zarten Soli auf, die in Schostakowitschs Groteske aufleuchten dürfen und auch einen Subtext erzählen, wenn es auf der Bühne besonders fies wird. Zum Beispiel, wenn der Schwiegervater Boris Ismailow, dessen Brutalität Dmitry Belosselskiy mit großformatiger Basswucht unterstreicht, mit Rattengift aus dem Weg geräumt und vom munteren Popen (Alfred Reiter) mit dem letzten Segen versehen wird. (…)

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) Die Personenführung war so kraftvoll und wohl überlegt, dass hier lauter faszinierende Charakterköpfe beim gegenseitigen Schikanieren zu erleben waren. (…)

Peter Jungblut, Bayerischer Rundfunk / www.br.net


(…) Besonderes Profil, sängerisch wie in der Darstellung völlig unterschiedlicher Rollen, bewies Dmitry Belosselskiy. Authentisch als Oligarch und Schwiegervater, der das lüsterne Weib mit dem Handy überwacht und dazu mit donnernd grollendem Bassvolumen den Saal durchdringt, staunte man über seine Wandlungsfähigkeit in der Schlussszene. Vom Knaben geführt, auf den Stock gestützt, barhäuptig und mit gebrochener Stimme strahlte er als Mahnender messianischen Glanz aus. Am Ende gab es viel Applaus für die durchweg guten Leistungen und noch mehr Gesprächsstoff. Vielleicht hat sich Schostakowitschs Jahrhundertoper doch noch nicht so überlebt.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Vor allem aber ist die Sopranistin Anja Kampe nicht nur in der dramatischen Inbrunst eine überzeugende Interpretin der Titelpartie. Sie gibt dieser Katerina Ismailowa eine Wärme mit auf den Weg, die ihre Hörer zu den Mitleidenden einer Mörderin macht: Spätestens im vierten Akt ist man auf der Seite einer Frau, die tötend aufbegehrt. (…) Am Anfang steht die Langeweile in einer öden Ehe mit dem Kaufmann Sinowi Ismailow, einer Figur, der Evgeny Akimov tenorale Attraktivität verleiht. Wenn der Gatte auf Dienstreise ist, stürzt sich Katerina mit dem Vergewaltiger Sergei in einen regelrechten Kampf der Geschlechter, der dem sie überwachenden Schwiegervater nicht entgehen wird. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) In der Frankfurter Neuinszenierung impliziert Regisseur Anselm Weber eine doppelbödige Sicht, die den Blick auf beide Extreme schärft. Kaspar Glarner hat einen betongrauen, trichterförmigen Raum gebaut, mit einem aus dem Schnürboden hängenden überdimensionalen Vogelbauer als Liebes-Lotterbett – ein auswegloses Gefängnis, aus dem die frustrierte Katerina sich mittels einer VR-Brille in eine virtuelle Realität hinausträumt. Die Choristen tragen Strahlen-Schutzanzüge. Folkloristisches ist weitgehend ausgespart und schlägt nur am Rand durch – in der Figur des als Transvestit sich in Damenreizwäsche entblätternden Popen, der Hochzeitsfeier, der Polizei. Alle Beziehungen beruhen auf der Verbindung von Sexualität und Gewalt. In prägnant zugespitzten, oft unter die Haut gehenden Szenen – der Vergewaltigung der in ein Fass gesteckten Axinja, der Prügelorgie an dem vom lüsternen Schwiegervater Boris in flagranti ertappten Sergei, dem brutalen Mord an Katerinas Mann Sinowi – zeigt Weber, dass es (frei nach Adorno) keine richtige Liebe in einer falschen Welt gibt. Die Sexgier Katerinas jedenfalls ist ein Zerrbild der erotischen Befreiung. Weber setzt die ordinäre Beischlaf-Musik auf die Szene und akzentuiert so die unterdrückende Gewalt des männlichen Besitzanspruchs, dem die leidenschaftlich getriebene Frau willenlos verfällt. (…)

Uwe Schweikert, Opernwelt


(…) Gaststar Anja Kampe steht beides zu Gebote: Hochdramatische In­tensität und lyrische Wärme, mit der sie ihren Leidensweg beschrei­tet. Am Ende, wenn sie, vernichtet von Sergeis Verrat, in ihrer finalen Kantilene innerlich zerbricht, zeigt sich auch ihre ganze, darstellerische Größe. Mit Dmitry Golovnin als Sergei steht ihr ein spannungsgela­dener Liebhaber zur Seite, mit dem sie ringen, den sie lieben und den sie zutiefst hassen kann. Bassist Dmitry Belosselskiy brilliert nicht nur als omnipotenter Übervater, sondern zusätzlich als alter Zwangsarbeiter, den der Komponist als einzige emphatische Rolle in seine Partitur geschrieben hat. Evgeny Akimov ist ein windiger Sinowi, Peter Marsh ein bemitlei­denswerter Hofnarr, Alfred Reiter ein köstlich anzüglicher Pope, Iain MacNeil ein gefährlicher Polizei­chef und Zanda Švēde eine ernstzu­nehmende Konkurrentin Sonjetka. (…)

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse

Pretty Yende sang in der Frank­furter Oper zur Begleitung von Michele D'Elia am Klavier Werke von Schumann, Donizetti, Tosti sowie Richard Strauss (…).
Der Abend erschloss sich von den Zugaben her, wie so oft der Platz für die Kür, für das Freiwillige und Wagemutige, getragen von schierer Freude am entspannten Gelingen. „Klänge der Heimat" aus der Fledermaus, „Una voce poco fa", die berühmte Cavatine aus dem Barbiere di Siviglia, das umwer­fend spritzige Lied „Art ist calling me" aus Victor Herberts Operette The Enchantress, dazu Kokettes und Gefühliges von Donizetti und Puccini machten schiere Lust und Laune. Pretty Yende verließ endlich den Platz hinterm Notenpult, kreis­te ums Klavier, trat an die Rampe und in Kontakt mit dem Publikum und ihrem Pianisten, dem fabelhaft: zuhörenden und aufmerksam se­kundierenden Michele D'Elia.
(…)
Ja, Sänger tun gut daran, ihre Stimme mit der subti­len, konzentrierten Lied­kunst zu pflegen und ihr Pu­blikum an der Vielfalt musi­kalischen Ausdrucks zu be­teiligen. Zumal man einer so schönen, gepflegten Stimme wie dem Sopran Pretty Yendes einfach gerne zuhört. Die fünf stürmisch geforderten und umstandslos bewilligten Zugaben sagen alles.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse



(…) Eine zierliche, lebhafte, wenngleich nicht quirlige Erscheinung bietet die 34-jährige, in Mailand wohnhafte Künstlerin, deren Sopran leicht und in der Dynamik höchst beweglich ist. Zierlich wäre auch eine Qualifizierung der Stimme, wenn damit nicht zu sehr Pittoreskes und Kleines verbunden sein könnte. Dennoch: die oft ganz druckfreie, fast beiläufige, aber genau ausgearbeitete Handhabung des Piano- und Pianissimobereichs schufen eine oft mädchenhaft anmutende Naivität. Freundlich – das ist zwar auch keine echte Stimmcharakterisierung, aber zur vokalen Atmosphäre Yendes passte das auch in der mimischen, publikumszugewandten Weise, mit der keine augenzwinkernde und augenrollende Ironie oder Melancholie einherging. (…)

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Ein Abend der Superlative ging zu Ende, mit der Hoffnung im Herzen auf eine baldige Wiederbegegnung mit der vortrefflichen Sopranistin.

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu

(…) Vor drei Jahren erstmals in Frankfurt aufgeführt und bei den International Opera Awards 2018 zur Wiederentdeckung des Jahres gekürt, lohnt es sich spätestens jetzt, diese drei Kurzopern – Der Diktator, Schwergewicht oder die Ehre der Nation und Das geheime Königreich – eines erneuten Besuchs zu würdigen.
(…)
Dass die Produktion bei den International Opera Awards 2018 als Wiederentdeckung des Jahres ausgezeichnet wurde, liegt mit Sicherheit auch an Lothar Zagrosek, der als Křenek-versierter Dirigent ebenfalls die aktuelle Aufführungsserie leitete und bereits mehrere Opern des Komponisten einstudierte. Statt „Bauhaus-Barock“ oder mit „Jazz zu flirten“, wie Glenn Gould Křeneks Kompositionsstil einst nannte, entfaltete sich im Graben die vielschichtige und ungewöhnliche Musik des österreichischen Komponisten, die nicht ausschließlich von musikalischen Zitaten (beispielsweise Wagner, Strauss oder Schreker) lebt, sondern einen ganz eigenen Stil schafft. Mit facettenreichem Dirigat, leichtfüßig und mit nuancierten Soli unterstrich Zagrosek so Křeneks Bedeutung in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Ernst Křeneks einnehmende und nur selten aufgeführte Musik lässt die drei zugegebenermaßen bizarren und genreübergreifenden Geschichten lebhaft und originell erklingen. Dank David Hermanns Inszenierung und ihrer verbindenden Elemente wird eine kohärente Dramatik geschaffen. Diese fabelhafte Mischung aus Farce, Tragödie und Märchen ruft die Einzigartigkeit Křeneks Musik wieder in Erinnerung und bereitet eine lohnende Wiederentdeckung seines Œuvres.

Alexandra Richter, www.bachtrack.com


(…) Das Regiekonzept funktioniert bestens und ermöglicht einen szenisch uneingeschränkten Genuss der Einakter Křeneks.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester brilliert unter Leitung von Lothar Zagrosek und lässt Křeneks Musik farbig und kontrastreich erklingen. Sie zeigen exemplarisch, was Glenn Gould gemeint haben mag,  wenn er Křenek als Ein-Mann-Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnete.
(…)
Eine lohnende Begegnung!

Jan Krobot, www.der-neue-merker.eu


(…) Lothar Zagrosek führt das Orchester kenntnisreich, feinsinnig und sicher durch die far­benprächtigen Partituren.

Markus Kuhn, Frankfurter Neue Presse

Asmik Grigorian geht als Manon aufs Ganze und beschert der Oper Frankfurt im Verein mit dem Tenorkollegen Joshua Guerrero, dem Dirigenten Lorenzo Viotti und einer unverhohlen modernen Umgebung einen Puccini der Extraklasse.
(…)
Das Episodische des unter beträchtlichem Autorenverschleiß herbeigerungenen und -gezwungenen Manon Lescaut-Librettos kann störend wirken. Aber die Regie von Àlex Ollé unter der Mitarbeit von Valentina Carrasco ist planvoll, ein Plan, den Viotti zu hundert Prozent ebenfalls vertritt. Die Frankfurter Manon ist illegal nach Westeuropa gekommen, vor Beginn der Ouvertüre sieht man sie auf einem Video (Emmanuel Carlier) nachts mit anderen beim Durchschneiden von Maschendrahtzaun, dann in einer Näherei.
Im ersten Akt erreicht Manon mit anderen Migranten in einem Kleinbus Paris, ein schlichtes Café unter einer schrägen Betonwand, die das gigantische LOVE halb verdeckt. Eine mordsmäßige Bühne von Alfons Flores, der wie alle im Inszenierungsteam mit Ollé und der katalanischen Truppe La Fura dels Baus regelmäßig zusammenarbeitet, in Frankfurt bereits beim Doppelabend La damoiselle élue / Jeanne d’Arc au bûcher. Das la-Fura-dels-Baus-übliche Großformat hat auch Nachteile, die Größe ist immer eine Übergröße. Unbestreitbar hingegen, dass die Verlegung in die Gegenwart und in ein Menschenhandelmilieu hervorragend funktioniert. Manon Lescaut leidet ja etwas an der Verlogenheit, daran, dass das seinerzeit Unaussprechliche salonhaft und dadurch erst recht schlüpfrig übertüncht wird (Frauen-An- und Verkauf, Sex für Geld in zutiefst asymmetrischen Machtverhältnissen). Nun ist die Geschichte einmal so zu sehen, wie sie ist, kann man sagen. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Im vierten Akt, Videowellen schwappen dazwischen, kreiseln nur noch die nackten, betonfleckigen „LOVE“-Buchstaben als fast schon zynische letzte Zuflucht, wo das verlorene Paar in den Bögen und Vorsprüngen sich kauert, auf der sonst leeren Drehbühne. Hier ereignet sich jetzt das Puccini-haft große Opernende: Verzweiflung, Verlassenheit, Verabschiedung. Manon und Des Grieux, Asmik Grigorian und Joshua Guerrero, laufen zu höchster, desperat-emotionssatten Form auf. Sie stirbt, er schwelgt, den Wert der wahren Gefühle entdecken sie erst beim letzten Todesschluchzer. Das ewige Opern-Paradox, sehr italienisch, sehr heutig-packend und trotzdem stückkonform, dabei sehr begeisternd in Frankfurt.

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de


(…) Puccini für das 21. Jahrhundert.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Seit sie im Sommer 2018 die Salome bei den Salzburger Festspielen sang, ist [Asmik] Grigorian weltberühmt. Dabei singt sie schon seit einigen Jahren exponierte Rollen, zum Beispiel an der Frankfurter Oper. Bernd Loebe, der Intendant dort, hat einen guten Instinkt für Stimmen – und verpflichtete sie bereits vor vier Jahren. Unter anderem für die Titelpartie in Puccinis Manon Lescaut. Was sie darin macht, ist ein Glücksfall für die Kunstform Oper, denn sie nimmt dieser jede Künstlichkeit.
(…)
In allen Akten steht „Love“ als skulpturaler Schriftzug herum, leuchtet verheißungsvoll. Im finalen Wüstenakt, dem 25-minütigen Sterben, dreht sich langsam die Schrift, während Grigorians Manon verzweifelt nach einem letzten Tropfen Leben giert. Ihr Flehen, ganz für sich allein, hat eine Wahrheit, die über ein individuelles Schicksal weit hinausgeht. Man ist fassungslos. „Love“ leuchtet nicht mehr. Wird zu grauem Beton. Zum Monument.

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung


(…) Wie Asmik Grigorian das singt, grenzt an Totalverausgabung. Man möchte sie schützen, bewahren vor dem Kraftakt. Doch ihre Verzweiflung wirkt wohl genau deshalb so glaubwürdig. „Ich will nicht sterben“, schreit, stöhnt, fleht sie immer wieder. Und weiß es doch besser. Diese Sängerin verfügt nicht nur über eine sensationelle Stimme, sie ist auch eine Darstellerin, die sich bedingungslos auf das Werk, aber auch auf die Regie einlässt (…).
Doch es ist nicht die Sopranistin alleine, die aus der Premiere  ein Fest der Puccini-Stimmen macht. Da muss auch der ebenso leidenschaftliche wie quasi stets mit vollem Risiko agierende Joshua Guerrero genannt werden. Der junge US-amerikanische Tenor, der sein Deutschland-Debüt gibt, schont sich zu keinem Augenblick, verkörpert stimmlich wie darstellerisch den wahnsinnig liebenden und leidenden Des Grieux. Die Duette mit Asmik Grigorian sorgen für Gänsehaut. Aus dem weiteren Ensemble ist mindestens noch Iurii Samoilov als Lescaut hervorzuheben.
(…) Das Drehbuch für unser Kopfkino steht (…) in der Partitur. Und die beharrt, trotz des wie immer traurigen Ausgangs bei Puccini auf einer Botschaft: Liebe. Wie immer bei Puccini. Lorenzo Viotti am Pult des Frankfurter Opernorchesters hat sich dieses Drehbuch ziemlich genau angeschaut. Der 1990 in Lausanne geborene Dirigent weiß, dass der Realismus oder Verismo des Italieners Puccini auch eine Filmmusikkomponente einschließt. Die Drastik und Direktheit schockierten Puccinis Zeitgenossen. Der Komponist sollte das dann vor allem in der Tosca nochmals steigern.  Viotti stellt diese packende, fesselnde, aufwühlende  Ebene großartig heraus, baut eine Spannung auf, so dass aus Manon Lescaut fast ein Kinofilm wird. (…)

Frank Pommer, Die Rheinpfalz


(…) Sehr stark und unter die Haut gehend, gerade auch weil der Dirigent, Lorenzo Viotti, zusammen mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester die Modernität, das Impressionistische und Geschärfte in Puccinis Partitur herausstreicht und nicht das Süßlich-Süffisante. Der designierte Chefdirigent des Netherlands Philharmonic Orchestras und der Nationale Opera Amsterdam spürte Puccinis Klangvorstellungen mit feinfühliger Neugier nach und gestaltete eine sehr differenzierte Auslegung der Partitur.
Selbstverständlich braucht es für so eine Inszenierung die geeigneten Sängerdarsteller*innen. Der Oper Frankfurt ist es gelungen, die Sängerin des Jahrs 2019 (Opernwelt), Asmik Grigorian, für die Titelrolle zu verpflichten, die vor einem Jahr als Salome bei den Salzburger Festspielen für Furore gesorgt hatte. So inszeniert scheint ihr auch Puccinis Manon auf den Leib und in die Kehle geschrieben worden zu sein. Sie bewegt sich mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit sowohl im billigen Outfit am Bahnhof, als auch bloß mit sexy Unterwäsche bekleidet im Club. Stimmlich vermag sie dabei mit leicht verruchtem (im besten Sinne) Timbre zu glänzen, bleibt den dramatischen, leidenschaftlichen Aufschwüngen, aber auch den verhaltenen, nach innen gewandten Passagen („Sola, perduta, abbandonata“) nichts an Ausdruckskraft schuldig. Mit Joshua Guerrero hat sie einen jungen, blendend aussehenden Tenorpartner an ihrer Seite, der mit tenoralem Schmelz, Kraft und Leidenschaft, Ungestüm und Empathie restlos überzeugt, dem Bild des Latin Lovers total entspricht. Ganz grandios auch Iurii Samoilov mit schön gerundetem Bariton als leichtlebiger Lescaut, der sich so schnell und glaubhaft in die Halbwelt einfügt, dass man kaum glauben kann, dass er die Rolle nur spielt. Wunderbar schmierig agiert Donato Di Stefano als Geronte und begeistert mit profunden Bassqualitäten. Michael Porter holt aus der Rolle des Edmondo das Maximum an Charakterzeichnung heraus und überzeugt mit seiner Bühnenpräsenz. (…)
Fazit: Gelungene Aktualisierung des unsterblichen Stoffes, herausragende Protagonisten, exzeptionelles Dirigat.

Kaspar Sannemann, www.oper-aktuell.info


(…) Es gibt immer wieder junge Sängerdarstellerinnen, die der gealterten Diva namens Oper enthusiastisch den Überlebenswillen stärken. Die Kunst der Asmik Grigorian ist allerdings so „vollkommen-vollendet“ wie derzeit die keiner Kollegin ihrer Generation. Was für ein violett-samtenes Stimmtimbre hat diese Frau aus dem schönen Litauen doch, mit welcher pikanten Note in höheren Regionen! Asmik Grigorian weiß ihren Sopran dynamisch fulminant auszusteuern, sich dabei alle Natürlichkeit der Welt zu bewahren – als wär's ein Kinderspiel. Dazu kommt eine Bühnenpräsenz sondergleichen, ihre Freude an der Balance zwischen einem totalen Sich-gehen-lassen einerseits und Kontrolle über jede Faser des Körpers andererseits. Da fräst sich jemand in seine Rolleninterpretation als gäbe es kein Morgen und kein Übermorgen – nicht den Hauch einer Zukunft. Was das entworfene Charakterprofil perfekt transportiert: Das Bild einer starken Frau, die dennoch zum Opfer einer kaltherzigen Konsumgesellschaft wird und scheitert – „con passione disperata“… (…)

Volkmar Fischer, BR-Klassik / Leporello


(…) Der Amerikaner Joshua Guerrero steht Grigorian als armer Student Des Grieux in nichts nach, verzehrt sich mit Haut und Haaren als ein Geliebter, der darüber verzweifelt, seine Manon nicht retten zu können. Sein Tenor verfügt über alles, was die anspruchsvolle Partie erfordert: Strahlkraft, Geschmeidigkeit und ein herrliches Belcanto. Auch alle übrigen Partien, darunter insbesondere der ukrainische Bariton Iurii Samoilov als Manons Bruder Lescaut und der Tenor Michael Porter als Student Edmondo, sind trefflich besetzt. (…)

Kirsten Liese, Deutschlandfunk / Musikjournal


(…) Manon ist in der Gegenwart angekommen, in der die Kapitalisierung der Gefühle an der Tagesordnung ist. Die Liebe ist eine Behauptung dieser Industrie, aber es gibt sie auch als Kraft, die Menschen ergreift und Leben verändert: Vier wuchtige Lettern dominieren das Bühnenbild von Alfons Flores, Love ist die Triebkraft, und wenn man an ihrer Wirkung zweifeln würde, müsste man nur hören, wie die Verliebten Manon und Des Grieux einander in Rausch singen, angefeuert durch das Kraftwerk von Puccinis Musik. Das wirkt auch in der ganz anderen Geschichte, die der katalanische Regisseur Àlex Ollé für die Oper erfunden hat.
Manon soll von ihrem Bruder nicht ins Kloster gebracht werden, sondern zurück in die moralische Enge ihrer Heimat. Die illegale Einwanderin wird in einer Nähfabrik ausgebeutet, an einem Busbahnhof in der Provinz trifft sie auf den Studenten und auch auf Geronte, dessen materiellen Verlockungen sie erliegt, so besessen vom Geld, dass sie auf der Flucht vom Erotik-Arbeitsplatz die Geldkassetten leerräumt. Als kriminelle Ausländerin landet sie in den Drahtkäfigen der Abschiebehaft. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Übergang zur eisigen Sphäre im Hafen von Le Havre ist ein Intermezzo, das Viotti klanglich wie mit dem Weichstift zieht. In Käfige gepfercht harrt Manon hier mit anderen Frauen ihrer Ausweisung nach Amerika. Heftig beschimpft vom schnell die Rollen wechselnden Opernchor (Einstudierung: Tilman Michael), dessen Wutschrei durch Mark und Bein fährt.
Letzte Ausfahrt eine Wüste im Irgendwo: Selbst Des Grieux (Joshua Guerrero, dessen ungemein kraftvoller Tenor ein wenig an den jungen Pavarotti erinnert) kann die geschwächte Manon nicht mehr retten. „Allein, verloren, verlassen“ – Asmik Grigorians Leidenschaft in starken Spitzentönen verströmender Sopran scheint innerlich zu verglühen. Harte finale Schläge – und Sekunden der Ergriffenheit.

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Und als endlich (…) das Aufbegehren gegen den Tod ein leises Ende gefunden hat und die Beiden zusammengekauert bewegungslos in der Ödnis beieinander liegen, ist es im Zuschauerraum sekundenlang totenstill. Dann bricht ein Jubelsturm los.

Andrea Richter, www.faustkultur.de


(…) Eine mächtige Dachkonstruktion fällt ins Auge, gestützt von Buchstaben aus Beton, die das Wort LOVE ergeben. Die Liebe wird in Puccinis Manon Lescaut zum Auslöser eines existenziellen Dramas mit tödlichem Ausgang. Der spanische Regisseur Àlex Ollé hat die Oper ins Hier und Heute verpflanzt und kann sich dabei auf grandiose Sängerleistungen der Protagonisten Asmik Grigorian und Joshua Guerrero verlassen.  (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Man hat das ja nicht für möglich gehalten. Dass Asmik Grigorian, die erst im Sommer mit einem sagenhaften Votum zur „Sängerin des Jahres“ gekürt worden war, sich noch einmal steigern, ihre umwerfende Darstellung der Titelpartie in Romeo Castelluccis magischer Salome übertreffen könnte. Allein, sie kann es. Noch farbiger, funkelnder, in der Höhe brillanter und gelenkiger ist ihr diamantener Sopran geworden, noch weiträumiger, umfassender – existenzieller gewissermaßen. Manons f-Moll-Largo „Sola perduta, abbandonnata“ klingt bei der litauischen Sängerin so, als würde sie in diesem vierten Akt um ihr Leben singen und dabei das ganze Gewicht der Welt von ihrer armen Seele hinabwälzen, genau so, wie Puccini es sich wünschte: „Un grande dolore in piccola anime“.
Doch sie ist ja nicht alleine. Sondern noch im Tod vereint mit jenem Cavaliere, der ihr verfiel, kaum dass er sie erblickte, und der ihr bis zum Schluss treu ergeben folgt, obwohl es zuvor genügend Gründe gegeben hätte, von ihr abzufallen; schließlich ist Manon kein Engel. Seinen Namen sollte man sich merken. Der nordamerikanische Tenor Joshua Guerrero gibt in der Partie des Renato Des Grieux sein Deutschland-Debüt, und er tut es so furios wie virtuos. Guerreros Stimme erinnert ein wenig an den jungen José Cura: feurig, schmachtend ist sie, schluchzend bis nahe an die Kitschgrenze, doch auf festem, felsigen Grunde wohnend und ausgestattet mit einer konsistenten, strahlenden Höhe. Ein Höhepunkt: das Liebesduett des zweiten Akts.
Frankfurt erlebt ein Traumpaar, das in Lorenzo Viotti, dem designierten Chef des Nederlands Philharmonisch Orkest und der Nationale Opera Amsterdam, und dem unter seinen feingliedrigen Händen wie entfesselt aufspielenden Frankfurter Opern- und Museumsorchester kongeniale Partner hat (…), der wiederum beiden Sängern alles abverlangt. Da rauschen mitunter schon mächtige Klangwellen durch den Saal, doch sowohl Asmik Grigorian und Joshua Guerrero als auch Iurii Samoilov (Lescaut) surfen mühelos, mit grandioser Verve darüber hinweg.  (…)

Jürgen Otten, Opernwelt


(…) Doch auch wenn die Liebe und ihre Spielarten im Zentrum stehen, zeigt der Regisseur ebenso die Folgen von Flucht und Vertreibung, Armut und Reichtum, Ehrgeiz und Berechnung. Er tut das stringent und überzeugend, ehrlich und kalt (…).

Bernd Zegowitz, Badische Neueste Nachrichten


(…) Diese Manon Lescaut in Frankfurt muss man gesehen haben. Und vor allem gehört: Asmik Grigorian in der Titelpartie bildet mit Joshua Guerrero als de Grieux und Iurii Samoilov als Lescaut ein Traum-Trio. Diese Drei überwinden alle Grenzen – stimmlich und spielerisch treffen sie beim Publikum mitten ins Herz. Grigorians Stimme aber ist ein Knaller: So voller Sehnsucht und dennoch Unerreichbarkeit hat man eine Manon kaum je gehört. Und welche Tonfülle aus dieser zierlichen Sopranistin sprudelt, schmettert einen in den Parkettsitz.
(…)
Die Inszenierung ist wie ein Blockbuster angelegt. Große Gefühle. Bilder mit viel Wucht – aber nie zu übertrieben. Vor allem hat der Regisseur darauf Wert gelegt, dass seine Sänger auch wirklich spielen. Und so durchleiden sie intensiv die Geschichte, in der man als Illegale immer auf dem Sprung ist und nie zur Ruhe kommt – und als Liebender genauso. (…)

Bettina Kneller, Main-Echo Aschaffenburg


(…) Dem Dirigenten Lorenzo Viotti gelingt ein großer dramatischer Bogen mit einer wach auf die Szene reagierenden, gleichwohl selbstbewusst formenden Wiedergabe der Partitur. Das wirkt oft kammermusikalisch delikat und ist selbst in den großen dramatischen Zuspitzungen noch klanglich differenziert – und ist in dieser Hinsicht auch ein Gegenentwurf zur eher grob argumentierenden szenischen Deutung.

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier

(…) Unter der Leitung des jun­gen britischen Dirigenten Alexan­der Prior kann man nun wieder er­leben, wie vielschichtig, farbenreich und auch humorvoll Martinů mit seiner Musik 1938 diese surreale Welt schildert. Von Entengequake, rhythmischem Eisenbahnrattern und sehr intensiven Momenten von Liebe und Zärtlichkeit nimmt die Musik das Publikum mit zu Traurigkeit und Verzweiflung – mitreißend musiziert vom Frank­furter Opern- und Museumsor­chester. Juanita Lascarro ist wieder eine in Erscheinung und Stimme verführerische Julietta. Erstmals an der Oper Frankfurt ist der amerikanische Tenor Aaron Blake zu erle­ben, der nicht nur die zunehmende Verwirrung des Michel glaubhaft verkörpert, sondern auch mit be­eindruckendem tenoralen Glanz zwischen Liebe und Leiden schwankt. (…) Julietta an der Frankfurter Oper sollte man gesehen haben.

Martin Grunenberg, Frankfurter Neue Presse


(…) Der blutjunge Dirigent Alexander Prior (…) motiviert das Orchester zu einer Glanzleistung und präsentiert dieses musikalische Stil-Amalgam hellwach und mit einer Sicherheit und Frische, als handele es sich um eine Premiere. Wunderbar farbig und geradezu rauschhaft entfaltet er die Zwischenspiele. Schon nach wenigen Minuten hat sich ein Sog entwickelt, der den Zuschauer packt und auch akustisch in die kafkaeske Traumwelt hineinzieht.
(…) Es scheint (…) so, als veranstalte die Oper Frankfurt in dieser Produktion vom Dirigenten über den männlichen Hauptdarsteller bis hin zur kleinsten Nebenrolle ein Schaulaufen der hoffnungsvollsten Talente, die man trotz ihrer Jugend ob der staunenswerten Professionalität gar nicht mehr als „Nachwuchs“ bezeichnen kann. (…)
Insgesamt wird in unverbrauchter Frische eine Produktion präsentiert, die intelligente und dabei kurzweilige Unterhaltung bietet. Ein Besuch dieser Wiederaufnahmeserie wird dringend empfohlen, denn sie wird bereits die letzte sein. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de

(…) Die Geschichte des Mohren von Venedig lässt Damiano Michieletto in der Gegenwart ankommen, ohne den Kern der Handlung aus dem Auge zu verlieren. (…)

Nikolaus Schmidt, Badische Neueste Nachrichten


(…) Im Mittelpunkt der Inszenierung von Damiano Michieletto steht weniger das Eifersuchtsdrama als vielmehr die Angst der etablierten Gesellschaft vor dem Eindringen des Fremden. Michielettos Otello ist ein Feldherr unserer Zeit: ein arabischer Geschäftsmann, der sich nicht im Krieg, sondern im Finanzkampf bewährt und nach Venedig mit vielversprechenden Aufträgen in seiner Aktentasche, die das Schwert als Attribut ersetzt hat, kommt. Dementsprechend findet die Handlung in einem schicken Palazzo statt, den Paolo Fantin als Bühnenbild entworfen hat, und die Figuren tragen allesamt heutige Businessanzüge (Kostüme: Carla Teti).
Aber in dieser glitzernden Welt wird Otello von der ersten Szene an mit Misstrauen beäugt. Und als er als Gastgeschenk Desdemona einen Schal bringt und ihn ihr zum Kopftuch anlegt, schreckt die gesittete Gesellschaft auf. Von da an dreht sich die Spirale des Unglücks, bis die beiden Liebenden, von Jago und Emilia mit teuflischer Energie manipuliert, tot sind.
Die Inszenierung macht sichtbar, dass der Fremde als Geschäftspartner geduldet, aber als Mitglied der Gesellschaft abgelehnt wird. Auch deshalb macht Michieletto seinen Otello zum Sympathieträger und führt die Selbstgefälligkeit einer profitgierigen, patriarchalisch verkrusteten Oberschicht vor. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die beiden Liebenden Opfer des Familien- und Gesellschaftsgeflechts werden.
Das Patriarchat wird durch geradezu brutalen Übergriffe, mit denen der Vater sich seine Tochter hörig machen will, verdeutlicht und durch das große Gemälde, das an der Rückwand hängt: Der Tod von Paolo und Francesca von Gaetano Previati (1887) weist auf eine der berühmtesten Liebesgeschichten der italienischen Literatur hin, die Dante im 5. Gesang des Inferno erzählt und in der es auch um eine von ihrem Vater verheiratete Tochter geht, die schließlich ihre richtige Liebe findet und Ehebruch begeht – und zusammen mit dem Geliebten in der Hölle landet. (…)

Stefana Sabin, www.faustkultur.de


(…) Der größte Trumpf der Unternehmung ist der junge, geradezu schockierend jung aussehende Amerikaner Jack Swanson als Rodrigo, der eine noch anstrengendere, insgesamt noch höher liegende Partie hat als der Titelheld. Die Gefahr, dass aus dem Gesang doch ein Geplärr oder eine Zirkusnummer würde, wäre bei ihm am größten, Swanson aber lässt es so leicht und drucklos wirken, dass er als glückloser Liebhaber in spe sogar noch einen geschmackvollen Kontrast zum etwas dunkler timbrierten, kraftvolleren, sozusagen männlicheren Otello (und Desdemona-Eroberers) des Italieners Enea Scala bieten kann. Beide nachher umjubelte Frankfurt-Debütanten werden flankiert von einem Ensemblemitglied, Theo Lebow als Jago, der nicht nur stimmlich blendend mithält, sondern auch mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung aufwartet. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Musikalisch bewegt sich der Abend auf hohem Niveau. Nino Machaidze, die die Partie der Desdemona bereits in Wien mit großem Erfolg verkörpert hat, ist kurzfristig für die erkrankte Karolina Makuła eingesprungen und begeistert mit sattem Sopran und strahlenden Höhen. Ein Höhepunkt stellt ihr gefühlvolles Lied von der Weide im dritten Akt dar, das mit dem betörenden Klang der Harfe unter die Haut geht. In den Duetten mit Otello und Rodrigo glänzt sie durch große Dramatik. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Qualitativ sehr gut besetzt ebenso die kleineren Partien: Kelsey Lauritano (Emilia) mit warmen Mezzotönen, Thomas Faulkner, die einzige dunkle Stimme des Abends, verhalf mit wohlklingendem Bassbariton dem gestressten Vater zweier Töchter Elmiro Barberigo zu Autorität, Hans-Jürgen Lazar (Doge) und Michael Petruccelli (Lucio), wiederum zwei Tenöre, bereicherten ebenso die  temporeichen Ensemble-Szenen. (…)

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu


(…) Mit welcher Delikatesse der Gastdirigent Sesto Quatrini die Holzbläser des flexiblen Opernorchesters perlen lässt und den leichten Rossini-Ton trifft, ist von hohem Erlebniswert. (…)

Volker Milch, Allgemeine Zeitung Mainz


(…) Michieletto nutzt die bildhaft inszenierte Körpersprache im Einklang mit der Musik, um Charaktere wie Situationen deutlich hervorzukehren. Jago ist ein psychotischer Intrigant, Emilia eine hinterlistige Schwester, Rodrigo der Inbegriff des wohlerzogenen, aber charakterschwachen Vorzeige-Söhnchens mit Doppelleben, der Doge ein Pate, Emilio der mit Geld in die feine Gesellschaft Aufgestiegene.
(…)
Gastdirigent Sesto Quatrini am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters garantierte Zuverlässigkeit, bändigte in den heiklen virtuosen Passagen die Tempi dezent zugunsten der Klarheit und war im Augenblick klanglicher Pracht immer auf den idealen Ausgleich mit den Stimmen bedacht. Wunderbar gelangen die einzelnen Soli von Oboe, Horn und Harfe, kleine Minikonzerte, und jene verhältnismäßig umfassenden reinen Orchesterpassagen, die Rossini einstreute, um das Atmosphärische im Augenblick wirken zu lassen. Der Chor der Oper Frankfurt agierte stimmlich souverän und mimte überzeugend die wenig sympathische Gesellschaft. So erlebte das Publikum einen in der Gesamtheit gesehen packenden und musikdramatisch hochspannenden Rossini’schen Otello.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Für die drei anspruchsvollen männlichen Hauptrollen müssen Tenöre gefunden werden, zu denen sich noch zwei kleinere Tenorpartien gesellen. Bei den Herren sorgt nur ein Bass, Desdemonas böser Papa Elmiro, für ein tieferes Kontrastprogramm.
(…)
Frankfurts Oper, wo man bekanntlich ein Händchen für Raritäten wie für Stimmen hat, nimmt auch diese Hürde: Der italienische Tenor Enea Scala verbindet in der Titelpartie Durchsetzungskraft mit Beweglichkeit, während Ensemblemitglied Theo Lebow eine an Jack Nicholson erinnernde Charakterstudie des intriganten Bösewichts Jago beisteuert und der amerikanische Tenor Jack Swanson das Publikum als in extremer Höhenlage virtuoser Rodrigo begeistert. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Michieletto hat gründlich nachgedacht über Rossinis Otello. Sein Titelheld ist ein arabischer Businessman unserer Tage, den Liebe und Geschäft nach Venedig verschlagen haben. Schon zur Ouvertüre lässt der Regisseur im gediegenen venezianischen Salon, der sich schnell auf Zimmergröße verkleinern lässt (Ausstattung: Paolo Fantin), sein Personal paradieren, dessen Körpersprache Konflikte aufzeigt. (…)

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Die drei Frankfurter Tenöre spielen und singen grandios und liefern ein Feuerwerk an Koloraturen und Spitzentönen ab. Der hyperaktive Jago ist beim stimmlich agilen Theo Lebow in besten Händen. Enea Scala ist ein metallisch geschärfter Otello, mit leicht dunkel timbrierter Stimme, exorbitanter Höhe und kraftvollem Ausdruck. Die tenorale Krone aber gebührt dem blutjungen Jack Swanson als Rodrigo, der gestochene Koloraturen singt, die Spitzentöne schier mühelos meistert und dazu noch über einen betörenden Schmelz verfügt.
Doch ist Rossini nicht nur Spektakel. Die ergreifendsten Momente liegen in den Ensembles, wo sich die Musik ausschwingen kann, oder im Weidenlied Desdemonas, das Nino Machaidze berührend singt. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt Rossini so virtuos trocken und spritzig, als hätte es nie etwas anderes getan. Und Sesto Quatrini dirigiert mit unglaublicher Präzision, gleichwohl immer federnd und biegsam. Davon wollen wir mehr.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Der Otello von Gioachino Ros­sini setzt in der Regie von Damiano Michieletto auf psychologische Be­ziehungen. Um die venezianischen Figuren ein wenig näher zusam­menzurücken, wird aus Emilia die Schwester der Desdemona, und Jago hat plötzlich einen Cousin: Rodrigo. Das Einheitsbühnenbild von Paolo Fantin zeigt in den drei Ak­ten ein Marmorzimmer mit ange­schlossenem Marmorsaal (…).
Otello ist bei seiner Rückkehr nicht der siegreiche Feldherr afrika­nischer Abstammung, sondern ein Muslim. Ein erfolgreicher Ge­schäftsmann mit Vollbart, Turban und gut gefülltem schwarzen Ak­tenkoffer. Gleichwohl singt er nach wie vor davon, die Angreifer be­siegt zu haben. Otello geht in sei­nem Business über Leichen. Alle feiern ihn vordergründig. Die Her­ren tragen dunkle Anzüge, die Da­men zeigen ihre Roben (Kostüme: Carla Teti). Und so wirkt die Misch­poke auf der Bühne wie ein italieni­sches Dallas, nur die schlichtende Miss Ellie fehlt, weshalb das Ganze tragisch endet.
(…)
Regisseur Michieletto sieht seine Arbeit als Drama über die Angst vor dem Fremden. Bei seinem Re­giedebüt am Main in der vergange­nen Spielzeit mit Franz Schrekers Der ferne Klang versetzte er die Handlung in ein Seniorenwohn­heim. Dazu passt im Otello das großformatige Gemälde von Gaetano Previati, das den Tod zweier Liebender zeigt. Die beiden schreiten, fleischgeworden, mehrmals stumm über die Bühne und reichen ein Schwert als mögliches Mordwerk­zeug. Sie verdeutlichen: Dieser ara­bische Hengst hat in der veneziani­schen Oberschicht keine Zukunft. Sobald er den Einheimischen zu nahe kommt, beginnt die Ausgren­zung. Als Otello seiner Desdemona eine schwarze Stola ums Haupt legt und sie zum „Kopftuchmädchen" machen will, geht tatsächlich ein Raunen durchs ausverkaufte Haus. (…)

Manfred Merz, Frankfurter Neue Presse


(…) Gleich fünf Tenöre wetteifern in höchsten Tönen in Rossinis Otello, der jetzt an der Oper Frankfurt für Furore sorgt. Denn die Inszenierung von Damiano Michieletto, vom Theater an der Wien übernommen, schickt den Shakespeare-Tragöden und seine Widersacher auf Sigmund Freuds Psycho-Couch und sorgt so für Dauerspannung im weidlich bekannten Eifersuchtsdrama. Zumal Rossinis feinnervige Musik beim römischen Gastdirigenten Sesto Quatrini in besten Händen ist.
(…) Ein Fest fürs rasant, aber immer präzise aufdrehende Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das dramatisch zu verdichten versteht, wenn die Tragödie hochkocht. Dazu verlustiert sich der dynamisch zielstrebige Frankfurter Opernchor (Tilman Michael) als glamouröse Feiergesellschaft. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Otello ist in Michielettos Lesart kein „Mohr“, sondern als arabischer Geschäftsmann ein Außenseiter, der trotz seiner Erfolge (im Ölhandel?) in der besseren Gesellschaft auf erheblichen Widerstand stößt. Das wird besonders deutlich, wenn der energische Araber – aktuelle Debatten lassen grüßen – seiner Desdemona mit einem schwarzen Kopftuch ein Geschenk macht, das auch Besitzanspruch markiert.
Desdemona, der die georgische Sopranistin Nino Machaidze vokale und szenische Intensität vermittelt, zeigt eher Bereitschaft, solchem Anspruch nachzugeben, als ihr Vater Emilio. Diesen gibt Thomas Faulkner als machtkalten Firmenchef, der den blassen Otello-Rivalen Rodrigo bevorzugt. Der Dogen-Sohn, den der Vater (Hans-Jürgen Lazar) im Rollstuhl mit deutlichem Mißvergnügen beobachtet, ist aber wohl eher Jago als dem weiblichen Geschlecht zugeneigt.
(…) Emilia, Desdemonas Vertraute, wird in Michielettos Inszenierung zum kleinen Schwesterchen mit Luder- Qualitäten. Opernstudio- Mitglied Kelsey Lauritano macht diese Emilia zum funkelnden, das Kleidchen schwingenden Mezzo-Miststück, das am Ende triumphiert: Sie bekommt ihren Rodrigo.

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) Fazit: Spannend, intelligent, fantastische Sänger*innen = HINGEHEN!!!

Kaspar Sannemann, www.oper-aktuell.info

(…) Zwei Gelegenheiten nutzte der pol­nische Countertenor Jakub Józef Orliński bereits, um sich in die Her­zen des Frankfurter Publikums zu singen: Sein Einsatz als Händels Rinaldo und die überzeugende Vorstellung als Unulfo in Rodelinda. Beim Liederabend war jeden­falls fast kein freier Platz mehr zu ergattern, trotz eher unbekannter Arien und Lieder.
Im ersten Konzertteil huldigten Orliński und sein sehr konzentrier­ter Klavierpartner Michał Biel ebenfalls Händel und der Barock­oper Italiens. (…)
In die polnische Heimat ging es nach der Pause – gerade Komponis­ten der Spätromantik hinterließen hier Hörenswertes. (…)

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Als Sänger und Mensch an der Rampe ist der 28-Jährige von stählerner Sicherheit, die Altstimme warm, eigen und außerordentlich groß. In der Höhe glänzt sie in allen kalten und warmen Farben und ist dermaßen unter Kontrolle, dass keine Vibratoschwingung dem Zufall überlassen scheint. In der beträchtlichen Tiefe wird sie bruchlos und einnehmend zur Stimme eines sehr jungen Mannes. Die abwechslungsreichen Koloraturen, denen das Programm nicht gewidmet ist, die aber wirkungsvoll platziert wurden, sitzen ohne Fehl, das Anstrengungslose hat schon eine freche Seite.
(…) Orlińskis Begleiter Michał Biel macht nicht nur hier auf sich aufmerksam, sondern den ganzen Abend über mit einem weichen, singenden Anschlag und einer unbeirrbaren Aufmerksamkeit für den Sänger. Wer am Klavier begleitete Barockopernarien trotzdem halbgar findet, konnte sich im zweiten Teil [von polnischen Liedern] vollends überzeugen lassen.
Ein geschmackvolles Sträußchen an Zugaben, am betörendsten Henry Purcells „Strike The Viol“, und auch eine Nummer von Orlińskis CD Anima Sacra, der just ein Opus Klassik zugesprochen wurde.

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

(…) Vieles hörte sich bei der Wieder­aufnahme an wie aus einem Guss: das von Rasmus Baumann mit viel Leidenschaft geleitete Opern- und Museumsorchester, Attilio Glaser in der Titelrolle und Cecelia Hall in der Hosenrolle des Sohnes Idamante. Ihm zur Seite Florina Ilie als Ilia. Das in gutem Gleichge­wicht agierende Ensemble vervoll­ständigen Ambur Braid (Elektra), Michael Porter (Arbace, Vertrauter des Königs), Michael McCown (Oberpriester) und Volodymyr Mykhatskyi als am Ende besänftig­ter und auf Ausgleich bedachter Neptun. Zahlreiche kraftvolle Auf­tritte hatte der Chor. Das von Til­man Michael geleitete Ensemble zeichnete sich durch Nuancenreichtum und klangliche Vielseitig­keit aus.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Hell und mit wunderbar sauber geführter, einnehmender Stimme intoniert Florina Ilie die trojanische Gefangene Ilia, Tochter des Priamus. Wunderschön harmoniert dazu der satte Mezzosopran von Cecelia Hall als Idamante. Frau Hall lässt ihre schön timbrierte Stimme mit ausdrucksvoller, jugendlicher Emphase aufblühen. Und wiederum hervorragend kontrastierend zu den beiden Liebenden der volle, mit dem notwendigen Hauch von Dramatik und Furor ausgestattete Sopran von Ambur Braid als Elettra. Sie versteht es, die Stimme mit aufgebrachtem Zorn und Eifersucht aufzuladen, daneben aber auch empfindsam ihre Gefühlswelt zu offenbaren. (…) Viel Lob verdient auch Attilio Glaser in der überaus anspruchsvollen Titelrolle. Sein Idomeneo klingt viril und zerbrechlich zugleich, ist geprägt von der traumatisierenden Kriegserfahrung und dem unsäglichen Versprechen an den Meeresgott Neptun, ihm als Dank für die Rettung den ersten Menschen zu opfern, dem er am Strand von Kreta begegnen werde – nicht ahnend, dass dies sein eigener Sohn sein wird. Attilio Glaser gestaltet musikalisch und darstellerisch diese Zerrissenheit zwischen dämonischer, traumatisierter Besessenheit und klarer, die Vaterliebe ausdrückender, Empfindsamkeit hervorragend. (…)

Kaspar Sannemann, www.deropernfreund.de

(…) Die Premiere fand noch Bo­ckenheimer Depot statt, doch mitt­lerweile hat die Radamisto-Inszenierung Tilmann Köhlers die Büh­ne des „Großen Hauses" am Willy- Brandt-Platz für sich erobert. Es war ein stimmungsvoller Auftakt in die neue Spielzeit, der besonders vom Opern- und Museumsorches­ter für Werbung in eigener Sache genutzt wurde.
(…)
Dem musikalischen Leiter Simo­ne Di Felice, der mit dem Barock­fach wie kein Zweiter vertraut ist, stand ein Vokalensemble voller Qualität und Klasse zur Verfügung. Von Dmitry Egorovs stimmlichen Fähigkeiten – insbesondere von sei­ner grandiosen, raumfüllenden Stimme – konnte man sich beson­ders gegen Ende der beiden Teile überzeugen. Zanda Švēde brachte als Zenobia zartes Kolorit und Jen­ny Carlstedt zauberte in der Rolle der Polissena Anmut und Seele her­vor. Kihwan Sim als Tiridate und Kateryna Kasper in der Rolle der Tigrane waren solide, zuverlässige Darsteller.
Bösewichte gibt es in dieser Handlung natürlich auch: Der in­trigante Fraatre (Vince Yi) und der cholerische Familientyrann Farasmane, der mit Božidar Smiljanić ei­nen adäquaten Darsteller erhielt. All dies erhielt den verdienten Bei­fall eines ausgelassenen Publikums.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Kihwan Sims Tiridate, die prächtige Originalbesetzung, ist ein zutiefst komischer, chaplinesker Diktator, aber ein Diktator bleibt er doch. (…)
Auch im Opernhaus überzeugt Köhlers Inszenierung insgesamt durch einen reizvollen Umgang mit dem Statischen – fabelhafte Gemäldetableaus –, durch Details und nicht zuletzt durch ein sich in durchaus barocker Manier von Situation zu Situation Hangeln – es ist grandios, wenn Vince Yi (Fraarte) seine tröstliche, aber naturgemäß sentenzhafte Arien-Hauptaussage aus einem Glückskeks zieht. Die Personenführung ist ausgezeichnet und in der Wiederaufnahme frisch wie am ersten Tag. Sie erfasst nicht nur die Hauptfiguren, gerade Yi und Kateryna Kasper als Fraarte und Tigrane geben ein groteskes, windiges Pärchen ab.
Erneut ist der großartige Counter Dmitry Egorov als Titelheld zu erleben (bestimmt könnte er auch Glas zum Zerspringen bringen). An seiner Seite (beziehungsweise tragisch ihm entrissen) nun Zanda Švēde als stimmlich großformatige, wunderbar tief grundierte Zenobia. Jenny Carlstedt überzeugt über die Maßen als abgeklärte, auch stimmlich ganz feingliedrige Polissena. Überhaupt ist die Timbremischung des Ensembles auf schönste Abwechslung ausgerichtet – an sich zwingend bei einer derartigen Arienkette, aber keine Selbstverständlichkeit. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau