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Pressestimmen

(…) Vor drei Jahren erstmals in Frankfurt aufgeführt und bei den International Opera Awards 2018 zur Wiederentdeckung des Jahres gekürt, lohnt es sich spätestens jetzt, diese drei Kurzopern – Der Diktator, Schwergewicht oder die Ehre der Nation und Das geheime Königreich – eines erneuten Besuchs zu würdigen.
(…)
Dass die Produktion bei den International Opera Awards 2018 als Wiederentdeckung des Jahres ausgezeichnet wurde, liegt mit Sicherheit auch an Lothar Zagrosek, der als Křenek-versierter Dirigent ebenfalls die aktuelle Aufführungsserie leitete und bereits mehrere Opern des Komponisten einstudierte. Statt „Bauhaus-Barock“ oder mit „Jazz zu flirten“, wie Glenn Gould Křeneks Kompositionsstil einst nannte, entfaltete sich im Graben die vielschichtige und ungewöhnliche Musik des österreichischen Komponisten, die nicht ausschließlich von musikalischen Zitaten (beispielsweise Wagner, Strauss oder Schreker) lebt, sondern einen ganz eigenen Stil schafft. Mit facettenreichem Dirigat, leichtfüßig und mit nuancierten Soli unterstrich Zagrosek so Křeneks Bedeutung in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Ernst Křeneks einnehmende und nur selten aufgeführte Musik lässt die drei zugegebenermaßen bizarren und genreübergreifenden Geschichten lebhaft und originell erklingen. Dank David Hermanns Inszenierung und ihrer verbindenden Elemente wird eine kohärente Dramatik geschaffen. Diese fabelhafte Mischung aus Farce, Tragödie und Märchen ruft die Einzigartigkeit Křeneks Musik wieder in Erinnerung und bereitet eine lohnende Wiederentdeckung seines Œuvres.

Alexandra Richter, www.bachtrack.com


(…) Das Regiekonzept funktioniert bestens und ermöglicht einen szenisch uneingeschränkten Genuss der Einakter Křeneks.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester brilliert unter Leitung von Lothar Zagrosek und lässt Křeneks Musik farbig und kontrastreich erklingen. Sie zeigen exemplarisch, was Glenn Gould gemeint haben mag,  wenn er Křenek als Ein-Mann-Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnete.
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Eine lohnende Begegnung!

Jan Krobot, www.der-neue-merker.eu

Asmik Grigorian geht als Manon aufs Ganze und beschert der Oper Frankfurt im Verein mit dem Tenorkollegen Joshua Guerrero, dem Dirigenten Lorenzo Viotti und einer unverhohlen modernen Umgebung einen Puccini der Extraklasse.
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Das Episodische des unter beträchtlichem Autorenverschleiß herbeigerungenen und -gezwungenen Manon Lescaut-Librettos kann störend wirken. Aber die Regie von Àlex Ollé unter der Mitarbeit von Valentina Carrasco ist planvoll, ein Plan, den Viotti zu hundert Prozent ebenfalls vertritt. Die Frankfurter Manon ist illegal nach Westeuropa gekommen, vor Beginn der Ouvertüre sieht man sie auf einem Video (Emmanuel Carlier) nachts mit anderen beim Durchschneiden von Maschendrahtzaun, dann in einer Näherei.
Im ersten Akt erreicht Manon mit anderen Migranten in einem Kleinbus Paris, ein schlichtes Café unter einer schrägen Betonwand, die das gigantische LOVE halb verdeckt. Eine mordsmäßige Bühne von Alfons Flores, der wie alle im Inszenierungsteam mit Ollé und der katalanischen Truppe La Fura dels Baus regelmäßig zusammenarbeitet, in Frankfurt bereits beim Doppelabend La damoiselle élue / Jeanne d’Arc au bûcher. Das la-Fura-dels-Baus-übliche Großformat hat auch Nachteile, die Größe ist immer eine Übergröße. Unbestreitbar hingegen, dass die Verlegung in die Gegenwart und in ein Menschenhandelmilieu hervorragend funktioniert. Manon Lescaut leidet ja etwas an der Verlogenheit, daran, dass das seinerzeit Unaussprechliche salonhaft und dadurch erst recht schlüpfrig übertüncht wird (Frauen-An- und Verkauf, Sex für Geld in zutiefst asymmetrischen Machtverhältnissen). Nun ist die Geschichte einmal so zu sehen, wie sie ist, kann man sagen. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Im vierten Akt, Videowellen schwappen dazwischen, kreiseln nur noch die nackten, betonfleckigen „LOVE“-Buchstaben als fast schon zynische letzte Zuflucht, wo das verlorene Paar in den Bögen und Vorsprüngen sich kauert, auf der sonst leeren Drehbühne. Hier ereignet sich jetzt das Puccini-haft große Opernende: Verzweiflung, Verlassenheit, Verabschiedung. Manon und Des Grieux, Asmik Grigorian und Joshua Guerrero, laufen zu höchster, desperat-emotionssatten Form auf. Sie stirbt, er schwelgt, den Wert der wahren Gefühle entdecken sie erst beim letzten Todesschluchzer. Das ewige Opern-Paradox, sehr italienisch, sehr heutig-packend und trotzdem stückkonform, dabei sehr begeisternd in Frankfurt.

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de


(…) Puccini für das 21. Jahrhundert.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Seit sie im Sommer 2018 die Salome bei den Salzburger Festspielen sang, ist [Asmik] Grigorian weltberühmt. Dabei singt sie schon seit einigen Jahren exponierte Rollen, zum Beispiel an der Frankfurter Oper. Bernd Loebe, der Intendant dort, hat einen guten Instinkt für Stimmen – und verpflichtete sie bereits vor vier Jahren. Unter anderem für die Titelpartie in Puccinis Manon Lescaut. Was sie darin macht, ist ein Glücksfall für die Kunstform Oper, denn sie nimmt dieser jede Künstlichkeit.
(…)
In allen Akten steht „Love“ als skulpturaler Schriftzug herum, leuchtet verheißungsvoll. Im finalen Wüstenakt, dem 25-minütigen Sterben, dreht sich langsam die Schrift, während Grigorians Manon verzweifelt nach einem letzten Tropfen Leben giert. Ihr Flehen, ganz für sich allein, hat eine Wahrheit, die über ein individuelles Schicksal weit hinausgeht. Man ist fassungslos. „Love“ leuchtet nicht mehr. Wird zu grauem Beton. Zum Monument.

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung


(…) Wie Asmik Grigorian das singt, grenzt an Totalverausgabung. Man möchte sie schützen, bewahren vor dem Kraftakt. Doch ihre Verzweiflung wirkt wohl genau deshalb so glaubwürdig. „Ich will nicht sterben“, schreit, stöhnt, fleht sie immer wieder. Und weiß es doch besser. Diese Sängerin verfügt nicht nur über eine sensationelle Stimme, sie ist auch eine Darstellerin, die sich bedingungslos auf das Werk, aber auch auf die Regie einlässt (…).
Doch es ist nicht die Sopranistin alleine, die aus der Premiere  ein Fest der Puccini-Stimmen macht. Da muss auch der ebenso leidenschaftliche wie quasi stets mit vollem Risiko agierende Joshua Guerrero genannt werden. Der junge US-amerikanische Tenor, der sein Deutschland-Debüt gibt, schont sich zu keinem Augenblick, verkörpert stimmlich wie darstellerisch den wahnsinnig liebenden und leidenden Des Grieux. Die Duette mit Asmik Grigorian sorgen für Gänsehaut. Aus dem weiteren Ensemble ist mindestens noch Iurii Samoilov als Lescaut hervorzuheben.
(…) Das Drehbuch für unser Kopfkino steht (…) in der Partitur. Und die beharrt, trotz des wie immer traurigen Ausgangs bei Puccini auf einer Botschaft: Liebe. Wie immer bei Puccini. Lorenzo Viotti am Pult des Frankfurter Opernorchesters hat sich dieses Drehbuch ziemlich genau angeschaut. Der 1990 in Lausanne geborene Dirigent weiß, dass der Realismus oder Verismo des Italieners Puccini auch eine Filmmusikkomponente einschließt. Die Drastik und Direktheit schockierten Puccinis Zeitgenossen. Der Komponist sollte das dann vor allem in der Tosca nochmals steigern.  Viotti stellt diese packende, fesselnde, aufwühlende  Ebene großartig heraus, baut eine Spannung auf, so dass aus Manon Lescaut fast ein Kinofilm wird. (…)

Frank Pommer, Die Rheinpfalz


(…) Sehr stark und unter die Haut gehend, gerade auch weil der Dirigent, Lorenzo Viotti, zusammen mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester die Modernität, das Impressionistische und Geschärfte in Puccinis Partitur herausstreicht und nicht das Süßlich-Süffisante. Der designierte Chefdirigent des Netherlands Philharmonic Orchestras und der Nationale Opera Amsterdam spürte Puccinis Klangvorstellungen mit feinfühliger Neugier nach und gestaltete eine sehr differenzierte Auslegung der Partitur.
Selbstverständlich braucht es für so eine Inszenierung die geeigneten Sängerdarsteller*innen. Der Oper Frankfurt ist es gelungen, die Sängerin des Jahrs 2019 (Opernwelt), Asmik Grigorian, für die Titelrolle zu verpflichten, die vor einem Jahr als Salome bei den Salzburger Festspielen für Furore gesorgt hatte. So inszeniert scheint ihr auch Puccinis Manon auf den Leib und in die Kehle geschrieben worden zu sein. Sie bewegt sich mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit sowohl im billigen Outfit am Bahnhof, als auch bloß mit sexy Unterwäsche bekleidet im Club. Stimmlich vermag sie dabei mit leicht verruchtem (im besten Sinne) Timbre zu glänzen, bleibt den dramatischen, leidenschaftlichen Aufschwüngen, aber auch den verhaltenen, nach innen gewandten Passagen („Sola, perduta, abbandonata“) nichts an Ausdruckskraft schuldig. Mit Joshua Guerrero hat sie einen jungen, blendend aussehenden Tenorpartner an ihrer Seite, der mit tenoralem Schmelz, Kraft und Leidenschaft, Ungestüm und Empathie restlos überzeugt, dem Bild des Latin Lovers total entspricht. Ganz grandios auch Iurii Samoilov mit schön gerundetem Bariton als leichtlebiger Lescaut, der sich so schnell und glaubhaft in die Halbwelt einfügt, dass man kaum glauben kann, dass er die Rolle nur spielt. Wunderbar schmierig agiert Donato Di Stefano als Geronte und begeistert mit profunden Bassqualitäten. Michael Porter holt aus der Rolle des Edmondo das Maximum an Charakterzeichnung heraus und überzeugt mit seiner Bühnenpräsenz. (…)
Fazit: Gelungene Aktualisierung des unsterblichen Stoffes, herausragende Protagonisten, exzeptionelles Dirigat.

Kaspar Sannemann, www.oper-aktuell.info


(…) Es gibt immer wieder junge Sängerdarstellerinnen, die der gealterten Diva namens Oper enthusiastisch den Überlebenswillen stärken. Die Kunst der Asmik Grigorian ist allerdings so „vollkommen-vollendet“ wie derzeit die keiner Kollegin ihrer Generation. Was für ein violett-samtenes Stimmtimbre hat diese Frau aus dem schönen Litauen doch, mit welcher pikanten Note in höheren Regionen! Asmik Grigorian weiß ihren Sopran dynamisch fulminant auszusteuern, sich dabei alle Natürlichkeit der Welt zu bewahren – als wär's ein Kinderspiel. Dazu kommt eine Bühnenpräsenz sondergleichen, ihre Freude an der Balance zwischen einem totalen Sich-gehen-lassen einerseits und Kontrolle über jede Faser des Körpers andererseits. Da fräst sich jemand in seine Rolleninterpretation als gäbe es kein Morgen und kein Übermorgen – nicht den Hauch einer Zukunft. Was das entworfene Charakterprofil perfekt transportiert: Das Bild einer starken Frau, die dennoch zum Opfer einer kaltherzigen Konsumgesellschaft wird und scheitert – „con passione disperata“… (…)

Volkmar Fischer, BR-Klassik / Leporello


(…) Der Amerikaner Joshua Guerrero steht Grigorian als armer Student Des Grieux in nichts nach, verzehrt sich mit Haut und Haaren als ein Geliebter, der darüber verzweifelt, seine Manon nicht retten zu können. Sein Tenor verfügt über alles, was die anspruchsvolle Partie erfordert: Strahlkraft, Geschmeidigkeit und ein herrliches Belcanto. Auch alle übrigen Partien, darunter insbesondere der ukrainische Bariton Iurii Samoilov als Manons Bruder Lescaut und der Tenor Michael Porter als Student Edmondo, sind trefflich besetzt. (…)

Kirsten Liese, Deutschlandfunk / Musikjournal


(…) Manon ist in der Gegenwart angekommen, in der die Kapitalisierung der Gefühle an der Tagesordnung ist. Die Liebe ist eine Behauptung dieser Industrie, aber es gibt sie auch als Kraft, die Menschen ergreift und Leben verändert: Vier wuchtige Lettern dominieren das Bühnenbild von Alfons Flores, Love ist die Triebkraft, und wenn man an ihrer Wirkung zweifeln würde, müsste man nur hören, wie die Verliebten Manon und Des Grieux einander in Rausch singen, angefeuert durch das Kraftwerk von Puccinis Musik. Das wirkt auch in der ganz anderen Geschichte, die der katalanische Regisseur Àlex Ollé für die Oper erfunden hat.
Manon soll von ihrem Bruder nicht ins Kloster gebracht werden, sondern zurück in die moralische Enge ihrer Heimat. Die illegale Einwanderin wird in einer Nähfabrik ausgebeutet, an einem Busbahnhof in der Provinz trifft sie auf den Studenten und auch auf Geronte, dessen materiellen Verlockungen sie erliegt, so besessen vom Geld, dass sie auf der Flucht vom Erotik-Arbeitsplatz die Geldkassetten leerräumt. Als kriminelle Ausländerin landet sie in den Drahtkäfigen der Abschiebehaft. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Übergang zur eisigen Sphäre im Hafen von Le Havre ist ein Intermezzo, das Viotti klanglich wie mit dem Weichstift zieht. In Käfige gepfercht harrt Manon hier mit anderen Frauen ihrer Ausweisung nach Amerika. Heftig beschimpft vom schnell die Rollen wechselnden Opernchor (Einstudierung: Tilman Michael), dessen Wutschrei durch Mark und Bein fährt.
Letzte Ausfahrt eine Wüste im Irgendwo: Selbst Des Grieux (Joshua Guerrero, dessen ungemein kraftvoller Tenor ein wenig an den jungen Pavarotti erinnert) kann die geschwächte Manon nicht mehr retten. „Allein, verloren, verlassen“ – Asmik Grigorians Leidenschaft in starken Spitzentönen verströmender Sopran scheint innerlich zu verglühen. Harte finale Schläge – und Sekunden der Ergriffenheit.

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Und als endlich (…) das Aufbegehren gegen den Tod ein leises Ende gefunden hat und die Beiden zusammengekauert bewegungslos in der Ödnis beieinander liegen, ist es im Zuschauerraum sekundenlang totenstill. Dann bricht ein Jubelsturm los.

Andrea Richter, www.faustkultur.de


(…) Eine mächtige Dachkonstruktion fällt ins Auge, gestützt von Buchstaben aus Beton, die das Wort LOVE ergeben. Die Liebe wird in Puccinis Manon Lescaut zum Auslöser eines existenziellen Dramas mit tödlichem Ausgang. Der spanische Regisseur Àlex Ollé hat die Oper ins Hier und Heute verpflanzt und kann sich dabei auf grandiose Sängerleistungen der Protagonisten Asmik Grigorian und Joshua Guerrero verlassen.  (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Doch auch wenn die Liebe und ihre Spielarten im Zentrum stehen, zeigt der Regisseur ebenso die Folgen von Flucht und Vertreibung, Armut und Reichtum, Ehrgeiz und Berechnung. Er tut das stringent und überzeugend, ehrlich und kalt (…).

Bernd Zegowitz, Badische Neueste Nachrichten


(…) Dem Dirigenten Lorenzo Viotti gelingt ein großer dramatischer Bogen mit einer wach auf die Szene reagierenden, gleichwohl selbstbewusst formenden Wiedergabe der Partitur. Das wirkt oft kammermusikalisch delikat und ist selbst in den großen dramatischen Zuspitzungen noch klanglich differenziert – und ist in dieser Hinsicht auch ein Gegenentwurf zur eher grob argumentierenden szenischen Deutung.

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier

(…) Unter der Leitung des jun­gen britischen Dirigenten Alexan­der Prior kann man nun wieder er­leben, wie vielschichtig, farbenreich und auch humorvoll Martinů mit seiner Musik 1938 diese surreale Welt schildert. Von Entengequake, rhythmischem Eisenbahnrattern und sehr intensiven Momenten von Liebe und Zärtlichkeit nimmt die Musik das Publikum mit zu Traurigkeit und Verzweiflung – mitreißend musiziert vom Frank­furter Opern- und Museumsor­chester. Juanita Lascarro ist wieder eine in Erscheinung und Stimme verführerische Julietta. Erstmals an der Oper Frankfurt ist der amerikanische Tenor Aaron Blake zu erle­ben, der nicht nur die zunehmende Verwirrung des Michel glaubhaft verkörpert, sondern auch mit be­eindruckendem tenoralen Glanz zwischen Liebe und Leiden schwankt. (…) Julietta an der Frankfurter Oper sollte man gesehen haben.

Martin Grunenberg, Frankfurter Neue Presse


(…) Der blutjunge Dirigent Alexander Prior (…) motiviert das Orchester zu einer Glanzleistung und präsentiert dieses musikalische Stil-Amalgam hellwach und mit einer Sicherheit und Frische, als handele es sich um eine Premiere. Wunderbar farbig und geradezu rauschhaft entfaltet er die Zwischenspiele. Schon nach wenigen Minuten hat sich ein Sog entwickelt, der den Zuschauer packt und auch akustisch in die kafkaeske Traumwelt hineinzieht.
(…) Es scheint (…) so, als veranstalte die Oper Frankfurt in dieser Produktion vom Dirigenten über den männlichen Hauptdarsteller bis hin zur kleinsten Nebenrolle ein Schaulaufen der hoffnungsvollsten Talente, die man trotz ihrer Jugend ob der staunenswerten Professionalität gar nicht mehr als „Nachwuchs“ bezeichnen kann. (…)
Insgesamt wird in unverbrauchter Frische eine Produktion präsentiert, die intelligente und dabei kurzweilige Unterhaltung bietet. Ein Besuch dieser Wiederaufnahmeserie wird dringend empfohlen, denn sie wird bereits die letzte sein. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de

(…) Die Geschichte des Mohren von Venedig lässt Damiano Michieletto in der Gegenwart ankommen, ohne den Kern der Handlung aus dem Auge zu verlieren. (…)

Nikolaus Schmidt, Badische Neueste Nachrichten


(…) Im Mittelpunkt der Inszenierung von Damiano Michieletto steht weniger das Eifersuchtsdrama als vielmehr die Angst der etablierten Gesellschaft vor dem Eindringen des Fremden. Michielettos Otello ist ein Feldherr unserer Zeit: ein arabischer Geschäftsmann, der sich nicht im Krieg, sondern im Finanzkampf bewährt und nach Venedig mit vielversprechenden Aufträgen in seiner Aktentasche, die das Schwert als Attribut ersetzt hat, kommt. Dementsprechend findet die Handlung in einem schicken Palazzo statt, den Paolo Fantin als Bühnenbild entworfen hat, und die Figuren tragen allesamt heutige Businessanzüge (Kostüme: Carla Teti).
Aber in dieser glitzernden Welt wird Otello von der ersten Szene an mit Misstrauen beäugt. Und als er als Gastgeschenk Desdemona einen Schal bringt und ihn ihr zum Kopftuch anlegt, schreckt die gesittete Gesellschaft auf. Von da an dreht sich die Spirale des Unglücks, bis die beiden Liebenden, von Jago und Emilia mit teuflischer Energie manipuliert, tot sind.
Die Inszenierung macht sichtbar, dass der Fremde als Geschäftspartner geduldet, aber als Mitglied der Gesellschaft abgelehnt wird. Auch deshalb macht Michieletto seinen Otello zum Sympathieträger und führt die Selbstgefälligkeit einer profitgierigen, patriarchalisch verkrusteten Oberschicht vor. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die beiden Liebenden Opfer des Familien- und Gesellschaftsgeflechts werden.
Das Patriarchat wird durch geradezu brutalen Übergriffe, mit denen der Vater sich seine Tochter hörig machen will, verdeutlicht und durch das große Gemälde, das an der Rückwand hängt: Der Tod von Paolo und Francesca von Gaetano Previati (1887) weist auf eine der berühmtesten Liebesgeschichten der italienischen Literatur hin, die Dante im 5. Gesang des Inferno erzählt und in der es auch um eine von ihrem Vater verheiratete Tochter geht, die schließlich ihre richtige Liebe findet und Ehebruch begeht – und zusammen mit dem Geliebten in der Hölle landet. (…)

Stefana Sabin, www.faustkultur.de


(…) Der größte Trumpf der Unternehmung ist der junge, geradezu schockierend jung aussehende Amerikaner Jack Swanson als Rodrigo, der eine noch anstrengendere, insgesamt noch höher liegende Partie hat als der Titelheld. Die Gefahr, dass aus dem Gesang doch ein Geplärr oder eine Zirkusnummer würde, wäre bei ihm am größten, Swanson aber lässt es so leicht und drucklos wirken, dass er als glückloser Liebhaber in spe sogar noch einen geschmackvollen Kontrast zum etwas dunkler timbrierten, kraftvolleren, sozusagen männlicheren Otello (und Desdemona-Eroberers) des Italieners Enea Scala bieten kann. Beide nachher umjubelte Frankfurt-Debütanten werden flankiert von einem Ensemblemitglied, Theo Lebow als Jago, der nicht nur stimmlich blendend mithält, sondern auch mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung aufwartet. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Musikalisch bewegt sich der Abend auf hohem Niveau. Nino Machaidze, die die Partie der Desdemona bereits in Wien mit großem Erfolg verkörpert hat, ist kurzfristig für die erkrankte Karolina Makuła eingesprungen und begeistert mit sattem Sopran und strahlenden Höhen. Ein Höhepunkt stellt ihr gefühlvolles Lied von der Weide im dritten Akt dar, das mit dem betörenden Klang der Harfe unter die Haut geht. In den Duetten mit Otello und Rodrigo glänzt sie durch große Dramatik. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Qualitativ sehr gut besetzt ebenso die kleineren Partien: Kelsey Lauritano (Emilia) mit warmen Mezzotönen, Thomas Faulkner, die einzige dunkle Stimme des Abends, verhalf mit wohlklingendem Bassbariton dem gestressten Vater zweier Töchter Elmiro Barberigo zu Autorität, Hans-Jürgen Lazar (Doge) und Michael Petruccelli (Lucio), wiederum zwei Tenöre, bereicherten ebenso die  temporeichen Ensemble-Szenen. (…)

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu


(…) Mit welcher Delikatesse der Gastdirigent Sesto Quatrini die Holzbläser des flexiblen Opernorchesters perlen lässt und den leichten Rossini-Ton trifft, ist von hohem Erlebniswert. (…)

Volker Milch, Allgemeine Zeitung Mainz


(…) Michieletto nutzt die bildhaft inszenierte Körpersprache im Einklang mit der Musik, um Charaktere wie Situationen deutlich hervorzukehren. Jago ist ein psychotischer Intrigant, Emilia eine hinterlistige Schwester, Rodrigo der Inbegriff des wohlerzogenen, aber charakterschwachen Vorzeige-Söhnchens mit Doppelleben, der Doge ein Pate, Emilio der mit Geld in die feine Gesellschaft Aufgestiegene.
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Gastdirigent Sesto Quatrini am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters garantierte Zuverlässigkeit, bändigte in den heiklen virtuosen Passagen die Tempi dezent zugunsten der Klarheit und war im Augenblick klanglicher Pracht immer auf den idealen Ausgleich mit den Stimmen bedacht. Wunderbar gelangen die einzelnen Soli von Oboe, Horn und Harfe, kleine Minikonzerte, und jene verhältnismäßig umfassenden reinen Orchesterpassagen, die Rossini einstreute, um das Atmosphärische im Augenblick wirken zu lassen. Der Chor der Oper Frankfurt agierte stimmlich souverän und mimte überzeugend die wenig sympathische Gesellschaft. So erlebte das Publikum einen in der Gesamtheit gesehen packenden und musikdramatisch hochspannenden Rossini’schen Otello.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Für die drei anspruchsvollen männlichen Hauptrollen müssen Tenöre gefunden werden, zu denen sich noch zwei kleinere Tenorpartien gesellen. Bei den Herren sorgt nur ein Bass, Desdemonas böser Papa Elmiro, für ein tieferes Kontrastprogramm.
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Frankfurts Oper, wo man bekanntlich ein Händchen für Raritäten wie für Stimmen hat, nimmt auch diese Hürde: Der italienische Tenor Enea Scala verbindet in der Titelpartie Durchsetzungskraft mit Beweglichkeit, während Ensemblemitglied Theo Lebow eine an Jack Nicholson erinnernde Charakterstudie des intriganten Bösewichts Jago beisteuert und der amerikanische Tenor Jack Swanson das Publikum als in extremer Höhenlage virtuoser Rodrigo begeistert. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Michieletto hat gründlich nachgedacht über Rossinis Otello. Sein Titelheld ist ein arabischer Businessman unserer Tage, den Liebe und Geschäft nach Venedig verschlagen haben. Schon zur Ouvertüre lässt der Regisseur im gediegenen venezianischen Salon, der sich schnell auf Zimmergröße verkleinern lässt (Ausstattung: Paolo Fantin), sein Personal paradieren, dessen Körpersprache Konflikte aufzeigt. (…)

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Die drei Frankfurter Tenöre spielen und singen grandios und liefern ein Feuerwerk an Koloraturen und Spitzentönen ab. Der hyperaktive Jago ist beim stimmlich agilen Theo Lebow in besten Händen. Enea Scala ist ein metallisch geschärfter Otello, mit leicht dunkel timbrierter Stimme, exorbitanter Höhe und kraftvollem Ausdruck. Die tenorale Krone aber gebührt dem blutjungen Jack Swanson als Rodrigo, der gestochene Koloraturen singt, die Spitzentöne schier mühelos meistert und dazu noch über einen betörenden Schmelz verfügt.
Doch ist Rossini nicht nur Spektakel. Die ergreifendsten Momente liegen in den Ensembles, wo sich die Musik ausschwingen kann, oder im Weidenlied Desdemonas, das Nino Machaidze berührend singt. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt Rossini so virtuos trocken und spritzig, als hätte es nie etwas anderes getan. Und Sesto Quatrini dirigiert mit unglaublicher Präzision, gleichwohl immer federnd und biegsam. Davon wollen wir mehr.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Der Otello von Gioachino Ros­sini setzt in der Regie von Damiano Michieletto auf psychologische Be­ziehungen. Um die venezianischen Figuren ein wenig näher zusam­menzurücken, wird aus Emilia die Schwester der Desdemona, und Jago hat plötzlich einen Cousin: Rodrigo. Das Einheitsbühnenbild von Paolo Fantin zeigt in den drei Ak­ten ein Marmorzimmer mit ange­schlossenem Marmorsaal (…).
Otello ist bei seiner Rückkehr nicht der siegreiche Feldherr afrika­nischer Abstammung, sondern ein Muslim. Ein erfolgreicher Ge­schäftsmann mit Vollbart, Turban und gut gefülltem schwarzen Ak­tenkoffer. Gleichwohl singt er nach wie vor davon, die Angreifer be­siegt zu haben. Otello geht in sei­nem Business über Leichen. Alle feiern ihn vordergründig. Die Her­ren tragen dunkle Anzüge, die Da­men zeigen ihre Roben (Kostüme: Carla Teti). Und so wirkt die Misch­poke auf der Bühne wie ein italieni­sches Dallas, nur die schlichtende Miss Ellie fehlt, weshalb das Ganze tragisch endet.
(…)
Regisseur Michieletto sieht seine Arbeit als Drama über die Angst vor dem Fremden. Bei seinem Re­giedebüt am Main in der vergange­nen Spielzeit mit Franz Schrekers Der ferne Klang versetzte er die Handlung in ein Seniorenwohn­heim. Dazu passt im Otello das großformatige Gemälde von Gaetano Previati, das den Tod zweier Liebender zeigt. Die beiden schreiten, fleischgeworden, mehrmals stumm über die Bühne und reichen ein Schwert als mögliches Mordwerk­zeug. Sie verdeutlichen: Dieser ara­bische Hengst hat in der veneziani­schen Oberschicht keine Zukunft. Sobald er den Einheimischen zu nahe kommt, beginnt die Ausgren­zung. Als Otello seiner Desdemona eine schwarze Stola ums Haupt legt und sie zum „Kopftuchmädchen" machen will, geht tatsächlich ein Raunen durchs ausverkaufte Haus. (…)

Manfred Merz, Frankfurter Neue Presse


(…) Gleich fünf Tenöre wetteifern in höchsten Tönen in Rossinis Otello, der jetzt an der Oper Frankfurt für Furore sorgt. Denn die Inszenierung von Damiano Michieletto, vom Theater an der Wien übernommen, schickt den Shakespeare-Tragöden und seine Widersacher auf Sigmund Freuds Psycho-Couch und sorgt so für Dauerspannung im weidlich bekannten Eifersuchtsdrama. Zumal Rossinis feinnervige Musik beim römischen Gastdirigenten Sesto Quatrini in besten Händen ist.
(…) Ein Fest fürs rasant, aber immer präzise aufdrehende Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das dramatisch zu verdichten versteht, wenn die Tragödie hochkocht. Dazu verlustiert sich der dynamisch zielstrebige Frankfurter Opernchor (Tilman Michael) als glamouröse Feiergesellschaft. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Otello ist in Michielettos Lesart kein „Mohr“, sondern als arabischer Geschäftsmann ein Außenseiter, der trotz seiner Erfolge (im Ölhandel?) in der besseren Gesellschaft auf erheblichen Widerstand stößt. Das wird besonders deutlich, wenn der energische Araber – aktuelle Debatten lassen grüßen – seiner Desdemona mit einem schwarzen Kopftuch ein Geschenk macht, das auch Besitzanspruch markiert.
Desdemona, der die georgische Sopranistin Nino Machaidze vokale und szenische Intensität vermittelt, zeigt eher Bereitschaft, solchem Anspruch nachzugeben, als ihr Vater Emilio. Diesen gibt Thomas Faulkner als machtkalten Firmenchef, der den blassen Otello-Rivalen Rodrigo bevorzugt. Der Dogen-Sohn, den der Vater (Hans-Jürgen Lazar) im Rollstuhl mit deutlichem Mißvergnügen beobachtet, ist aber wohl eher Jago als dem weiblichen Geschlecht zugeneigt.
(…) Emilia, Desdemonas Vertraute, wird in Michielettos Inszenierung zum kleinen Schwesterchen mit Luder- Qualitäten. Opernstudio- Mitglied Kelsey Lauritano macht diese Emilia zum funkelnden, das Kleidchen schwingenden Mezzo-Miststück, das am Ende triumphiert: Sie bekommt ihren Rodrigo.

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) Fazit: Spannend, intelligent, fantastische Sänger*innen = HINGEHEN!!!

Kaspar Sannemann, www.oper-aktuell.info

(…) Zwei Gelegenheiten nutzte der pol­nische Countertenor Jakub Józef Orliński bereits, um sich in die Her­zen des Frankfurter Publikums zu singen: Sein Einsatz als Händels Rinaldo und die überzeugende Vorstellung als Unulfo in Rodelinda. Beim Liederabend war jeden­falls fast kein freier Platz mehr zu ergattern, trotz eher unbekannter Arien und Lieder.
Im ersten Konzertteil huldigten Orliński und sein sehr konzentrier­ter Klavierpartner Michał Biel ebenfalls Händel und der Barock­oper Italiens. (…)
In die polnische Heimat ging es nach der Pause – gerade Komponis­ten der Spätromantik hinterließen hier Hörenswertes. (…)

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Als Sänger und Mensch an der Rampe ist der 28-Jährige von stählerner Sicherheit, die Altstimme warm, eigen und außerordentlich groß. In der Höhe glänzt sie in allen kalten und warmen Farben und ist dermaßen unter Kontrolle, dass keine Vibratoschwingung dem Zufall überlassen scheint. In der beträchtlichen Tiefe wird sie bruchlos und einnehmend zur Stimme eines sehr jungen Mannes. Die abwechslungsreichen Koloraturen, denen das Programm nicht gewidmet ist, die aber wirkungsvoll platziert wurden, sitzen ohne Fehl, das Anstrengungslose hat schon eine freche Seite.
(…) Orlińskis Begleiter Michał Biel macht nicht nur hier auf sich aufmerksam, sondern den ganzen Abend über mit einem weichen, singenden Anschlag und einer unbeirrbaren Aufmerksamkeit für den Sänger. Wer am Klavier begleitete Barockopernarien trotzdem halbgar findet, konnte sich im zweiten Teil [von polnischen Liedern] vollends überzeugen lassen.
Ein geschmackvolles Sträußchen an Zugaben, am betörendsten Henry Purcells „Strike The Viol“, und auch eine Nummer von Orlińskis CD Anima Sacra, der just ein Opus Klassik zugesprochen wurde.

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

(…) Vieles hörte sich bei der Wieder­aufnahme an wie aus einem Guss: das von Rasmus Baumann mit viel Leidenschaft geleitete Opern- und Museumsorchester, Attilio Glaser in der Titelrolle und Cecelia Hall in der Hosenrolle des Sohnes Idamante. Ihm zur Seite Florina Ilie als Ilia. Das in gutem Gleichge­wicht agierende Ensemble vervoll­ständigen Ambur Braid (Elektra), Michael Porter (Arbace, Vertrauter des Königs), Michael McCown (Oberpriester) und Volodymyr Mykhatskyi als am Ende besänftig­ter und auf Ausgleich bedachter Neptun. Zahlreiche kraftvolle Auf­tritte hatte der Chor. Das von Til­man Michael geleitete Ensemble zeichnete sich durch Nuancenreichtum und klangliche Vielseitig­keit aus.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Hell und mit wunderbar sauber geführter, einnehmender Stimme intoniert Florina Ilie die trojanische Gefangene Ilia, Tochter des Priamus. Wunderschön harmoniert dazu der satte Mezzosopran von Cecelia Hall als Idamante. Frau Hall lässt ihre schön timbrierte Stimme mit ausdrucksvoller, jugendlicher Emphase aufblühen. Und wiederum hervorragend kontrastierend zu den beiden Liebenden der volle, mit dem notwendigen Hauch von Dramatik und Furor ausgestattete Sopran von Ambur Braid als Elettra. Sie versteht es, die Stimme mit aufgebrachtem Zorn und Eifersucht aufzuladen, daneben aber auch empfindsam ihre Gefühlswelt zu offenbaren. (…) Viel Lob verdient auch Attilio Glaser in der überaus anspruchsvollen Titelrolle. Sein Idomeneo klingt viril und zerbrechlich zugleich, ist geprägt von der traumatisierenden Kriegserfahrung und dem unsäglichen Versprechen an den Meeresgott Neptun, ihm als Dank für die Rettung den ersten Menschen zu opfern, dem er am Strand von Kreta begegnen werde – nicht ahnend, dass dies sein eigener Sohn sein wird. Attilio Glaser gestaltet musikalisch und darstellerisch diese Zerrissenheit zwischen dämonischer, traumatisierter Besessenheit und klarer, die Vaterliebe ausdrückender, Empfindsamkeit hervorragend. (…)

Kaspar Sannemann, www.deropernfreund.de

(…) Die Premiere fand noch Bo­ckenheimer Depot statt, doch mitt­lerweile hat die Radamisto-Inszenierung Tilmann Köhlers die Büh­ne des „Großen Hauses" am Willy- Brandt-Platz für sich erobert. Es war ein stimmungsvoller Auftakt in die neue Spielzeit, der besonders vom Opern- und Museumsorches­ter für Werbung in eigener Sache genutzt wurde.
(…)
Dem musikalischen Leiter Simo­ne Di Felice, der mit dem Barock­fach wie kein Zweiter vertraut ist, stand ein Vokalensemble voller Qualität und Klasse zur Verfügung. Von Dmitry Egorovs stimmlichen Fähigkeiten – insbesondere von sei­ner grandiosen, raumfüllenden Stimme – konnte man sich beson­ders gegen Ende der beiden Teile überzeugen. Zanda Švēde brachte als Zenobia zartes Kolorit und Jen­ny Carlstedt zauberte in der Rolle der Polissena Anmut und Seele her­vor. Kihwan Sim als Tiridate und Kateryna Kasper in der Rolle der Tigrane waren solide, zuverlässige Darsteller.
Bösewichte gibt es in dieser Handlung natürlich auch: Der in­trigante Fraatre (Vince Yi) und der cholerische Familientyrann Farasmane, der mit Božidar Smiljanić ei­nen adäquaten Darsteller erhielt. All dies erhielt den verdienten Bei­fall eines ausgelassenen Publikums.

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Kihwan Sims Tiridate, die prächtige Originalbesetzung, ist ein zutiefst komischer, chaplinesker Diktator, aber ein Diktator bleibt er doch. (…)
Auch im Opernhaus überzeugt Köhlers Inszenierung insgesamt durch einen reizvollen Umgang mit dem Statischen – fabelhafte Gemäldetableaus –, durch Details und nicht zuletzt durch ein sich in durchaus barocker Manier von Situation zu Situation Hangeln – es ist grandios, wenn Vince Yi (Fraarte) seine tröstliche, aber naturgemäß sentenzhafte Arien-Hauptaussage aus einem Glückskeks zieht. Die Personenführung ist ausgezeichnet und in der Wiederaufnahme frisch wie am ersten Tag. Sie erfasst nicht nur die Hauptfiguren, gerade Yi und Kateryna Kasper als Fraarte und Tigrane geben ein groteskes, windiges Pärchen ab.
Erneut ist der großartige Counter Dmitry Egorov als Titelheld zu erleben (bestimmt könnte er auch Glas zum Zerspringen bringen). An seiner Seite (beziehungsweise tragisch ihm entrissen) nun Zanda Švēde als stimmlich großformatige, wunderbar tief grundierte Zenobia. Jenny Carlstedt überzeugt über die Maßen als abgeklärte, auch stimmlich ganz feingliedrige Polissena. Überhaupt ist die Timbremischung des Ensembles auf schönste Abwechslung ausgerichtet – an sich zwingend bei einer derartigen Arienkette, aber keine Selbstverständlichkeit. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau