Spielplan

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Pénélope

Gabriel Fauré 1845-1924

Poème lyrique in drei Akten / UA 1913
Text von René Fauchois nach Homer

In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Joana Mallwitz

Pénélope Paula Murrihy
Ulysse Eric Laporte
Euryclée Joanna Motułewicz
Eumée Božidar Smiljanić
Antinous Peter Marsh
Eurymaque Sebastian Geyer
Léodès Ralf Simon
Ctésippe Dietrich Volle
Pisandre Danylo Matviienko°
Cléone Nina Tarandek
Mélantho Angela Vallone
Alkandre Bianca Andrew
Phylo Julia Moorman°
Lydie Monika Buczkowska
Ein Hirte Solistin des Kinderchores der Oper Frankfurt

°Mitglied des Opernstudios

(…) man muss sich ein bisschen hineinhören – und dann kann man sich besoffen hören!

Imke Turner, hr2-kultur / Kulturfrühstück


(…) Die derzeit als Wunder bejubelte Dirigentin Joana Mallwitz lässt diese durchkonstruierte und sich konsequent dem großen Gefühl verweigernde Musik ganz natürlich aus dem Orchestergraben des Frankfurter Opernhauses aufsteigen. Sie formt den Klang weich, flexibel, feingliedrig, sie lässt die Musik atmen, sich ausbreiten, zusammenziehen, verkriechen. Dieser Klang ist voll einem pochenden Leben, das sich nie frei äußern darf, er malt alles das hin, was im Unbewussten der Titelheldin umgeht. (…)

Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung


(…) Das Regie-Team um Corinna Tetzel interessiert sich vor allem für die Frage, was jahrelanges Warten auf einen geliebten Menschen mit einer Frau in der heutigen Zeit macht. So sieht Tetzel Pénélope als durchaus emanzipierte Frau, die sich in den 20 Jahren von Ulysses Abwesenheit von ihm merklich entfremdet hat. Als „starke“ Frau trägt Pénélope einen schwarzen Hosenanzug, der sie mit der sie umgebenden Männerwelt in Form der fünf Freier auf eine gleichberechtigte Stufe stellt. Das Leichentuch, das sie für Ulysses Vater webt, trägt sie unter diesem Hosenanzug am eigenen Leib. Durch eine Hochzeit mit einem der Freier würde sie sich folglich gewissermaßen selbst begraben. Doch so weit will sie es nicht kommen lassen. Deshalb löst sie die ineinander verschlungenen Bänder des weißen Gewandes immer wieder auf. Wenn die Freier den Bogen von Ulysse spannen sollen, werden sie vorher von den Dienerinnen mit weißen Tüchern, die als Fäden des Leichentuchs interpretiert werden können, „umsponnen“, was andeuten mag, dass sie nun selbst dem Tod geweiht sind. Der zu spannende Bogen existiert nur in der Fantasie. Stattdessen hält Pénélope einen Dolch in der Hand, den Ulysse in Richtung der Freier führt. So ist es scheinbar sie selbst, die sich mit Ulysses Hilfe der Freier entledigt. Der Beziehung zwischen Pénélope und Ulysse vertraut Tetzel am Ende nicht. So lässt sie das Ehepaar beim Schlussjubel der Musik in einiger Entfernung voneinander stehen.
(…)
Musikalisch weist das Werk wunderbare Passagen auf, die bedauern lassen, dass die Oper so selten zu sehen ist. Faurés Musik hat einerseits leitmotivischen Charakter, was sie in die Nähe von Richard Wagner rückt, begeistert andererseits durch spätromantische Klangfülle und pendelt zwischen impressionistischer Farbigkeit und klassizistischer Schönheit. Dabei wird deutlich, dass Fauré ein erfahrener Liedkomponist ist, da er stets die Stimme in den Mittelpunkt stellt und niemals vom Orchester überdecken lässt. Joana Mallwitz lotet mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester diese Nuancen detailliert aus und lässt das Publikum in einen bewegenden Klangrausch eintauchen. Die Solisten lassen ebenfalls keine Wünsche offen. Paula Murrihy kehrt für die Titelpartie an ihre langjährige Wirkungsstätte nach Frankfurt zurück und setzt mit warmem Mezzosopran und intensivem Spiel Akzente. Murrihy gestaltet Pénélope als moderne Frau, die es durchaus mit den Freiern aufnehmen kann und für die der zurückgekehrte Ulysse ein Fremdkörper bleibt. Eric Laporte begeistert in der Partie des Ulysse mit leuchtendem Heldentenor und sauber ausgesungenen Höhen, die eine bewegende Leichtigkeit besitzen und zu keinem Zeitpunkt angestrengt klingen. Mit Murrihy gelingen ihm vor allem im zweiten Akt musikalisch großartige Momente. Darstellerisch macht auch er deutlich, dass er nicht weiß, wie er mit der Rückkehr nach 20 Jahren umgehen soll. Joanna Motulewicz stattet die Amme Euryclée mit dunkel gefärbtem Mezzosopran aus. Auch sie lässt sich von den Freiern nicht einschüchtern. Peter Marsh, Sebastian Geyer, Ralf Simon, Dietrich Volle und Danylo Matviienko überzeugen stimmlich und darstellerisch als unsympathische Freier mit aufdringlichem Spiel. Božidar Smiljanić punktet als alter Hirte Eumée mit dunklem Bass. Die Dienerinnen (Nina Tarandek, Angela Vallone, Bianca Andrew, Julia Moorman und Monika Buczkowska) und der gut disponierte Opernchor unter der Leitung von Markus Ehrmann runden den musikalischen Genuss überzeugend ab, so dass es am Ende verdienten Applaus für alle Beteiligten gibt, in den sich auch das Regie-Team einreiht. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Die Regisseurin Corinna Tetzel rettet die Sache vor allem, indem sie sich mit den vielen uninteressanten Details nicht weiter aufhält und ganz auf die Mezzosopranistin Paula Murrihy in der Titelrolle setzt. Murrihy macht aus dem Abend eine Charakterstudie Pénélopes, sie singt und agiert in edler Einfalt und stiller Größe, nahezu unbewegt von den Gefühlsanwallungen aus dem Orchestergraben, sie zeichnet einen Charakter, der auf die harte Tour gelernt hat, skeptisch zu sein, auch gegen das eigene Sehnen und Begehren. (…)
In Frankfurt tritt der Held nicht mit angeklebtem Bart auf, sondern ganz ohne Maske: Er ist alt geworden, und das nicht zu seinem Vorteil. Den daraus erwachsenden Konflikt erkennt Tetzel als den wahren Kern des Stücks: Pénélope vermisst Ulysse auch noch, als er längst wieder da ist. Auf den, der da zurückkommt, hat sie nicht gewartet.
Sehen kann man diese Nöte nicht. Aber man kann sie hören – und dies ist das Verdienst von Joana Mallwitz am Pult, die sich die Partitur mit großer Gründlichkeit zu eigen gemacht hat und mit dem Orchester, das an vielen Stellen so fein klingt, als wäre es ein zu groß geratenes Streichquartett, in allen Schattierungen auslotet.
Das zeigt sich nicht nur, aber vor allem im Finale. Es ist spektakulär angelegt: Um ihre Tauglichkeit zu beweisen, müssen die Männer mit Ulysses Bogen einen Pfeil durch zwölf Axtringe schießen; wem das gelingt, dem soll Pénélope gehören. Man kann sich ausmalen, wie ein solcher Showdown bei Rossini, Berlioz oder Wagner klänge. Es liegt aber ohnehin auf der Hand, wie die Sache ausgeht, also verzichtet Fauré auf alles Getöse und legt in den Noten lieber Pénélopes Seele offen. Und zum Glück verzichtet folgerichtig auch die Regisseurin auf alles Kampfgetümmel, das das Textbuch vorschreibt – und überlässt den Sieg der Dirigentin. Der Abend erzählt somit nicht nur eine Heldinnengeschichte, er ist selbst eine. (…)

Florian Zinnecker, Die Zeit


(…) In Frankfurt hatte das bedeutende Werk von 1913 jetzt, 17 Jahre nach seiner deutschen Erstaufführung in Chemnitz, Premiere in einer grandiosen Darstellung durch Corinna Tetzel, die dem knappen, auf den Kern reduzierten Ansatz Faurés völlig gerecht wird. Ein begehbares Dach eines größeren Gebäudes ist der treffliche Spielort (Bühne: Rifail Ajdarpasic). Hier versammeln sich die in zeitgenössischem Business-Dress gekleideten Freier mit ihrem weiblichen Escort-Anhang in safrangelber Wellness-Dienstkleidung. Die Königin ebenfalls ganz geschäftsmäßig im Business-Look, unter dem sie das Totenhemd ihres hinhaltenden Wartens trägt. Ausdruck ihrer Verschlossenheit, aber auch ihrer Selbstbewahrung. Einmal wird sie, als sie von ihren Hoffnungen spricht, sich ein Ballkleid umwinden, das dann wie ein größeres Totenhemd wirkt (Kostüme: Raphaela Rose).
Corinna Tetzel hat in der Bebilderung, gleich einem regielichen Odysseus, alle Klippen der Versuchung tagesaktuellen Mitläufertums souverän umschifft. Nichts lenkt von der Musik ab. Die Video-Zusätze Bibi Abels haben stimmungshaften, raum- und zeitfokussierenden Charakter. (…)
(…) [Es] gelingen Personen-Konstellationen oberster Klasse. Der Augenblick im schon beginnenden Kampfgetümmel, als die Eheleute sich erkennen und nahekommen, ist in Verbindung mit der kurz aufrauschenden Musik schlichtweg überwältigend. Dass Tempofragen nicht allein solche der Musik, sondern auch der Personenführung sind – hier wird’s Ereignis. Und der Mut, Sänger minutenlang nicht zu bewegen und sie damit aus dem Korsett aktivistischer Scheinhaftigkeit zu entlassen, war dem Beharrungsvermögen der Titelpartie ebenbürtig. (…)

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) In der aktuellen Produktion ist die Irin Paula Murrihy als Pénélope zu erleben und kehrt das noble und edle dieser Partie heraus. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Joanna Mallwitz lässt die Partitur glänzen und glitzern. (…)

Sabine Weber, www.klassikfavori.de


(…) Erotisches Begehren und Gewalt gehen (…) Hand in Hand.
Subtil zeigt das die wechselnde Lichtrahmung (Jan Hartmann), die sich gelungen an der Musik mit ihrer erkennbaren Sympathie für das sinnliche Verhalten der Freier und der Mägde orientiert. (…)

Karsten Mackensen, Wiesbadener Kurier


(…). Stark in Schmerz und Leid, aber auch anrührend im Hoffen und Bangen ist Paula Murrihy mit hellem, ausdrucksstarkem Mezzosopran. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Transparenter, zarter, bruchloser und farbiger könnte der fließende Orchesterklang nicht sein – ein Pluspunkt nun auch der Frankfurter Aufführung. Joana Mallwitz führt das Opern- und Museumsorchester durch wahre Wunderwelten entspannten Musizierens, betörende Flöte- und Harfenmusiken stehen stets gedämpften Streicherwolken zur Seite – bis hin zum Schluss­akkord in wohligem Dur, mit sanf­ten Hörnern und Posaunen im Zentrum, zwischen saftigem Bass und sphärischen Höhen. Ein Genuss – wenn man nicht operntypische Eruptionen, existenzielle Dramatik oder eitle Selbstdarstellungen der Figuren erwartet, wie sie die zeitgleich komponierenden Ri­chard Strauss oder Giacomo Puccini maßstäblich boten.
Paula Murrihy singt die Titelpar­tie. die schon so prominente Stars wie Régine Crespin oder die jüngst verstorbene Jessye Norman verkör­pert hatten. Ihre Pénélope ist eine verletzliche Frau, genervt von den Belästigungen der aufdringlichen Freier; wachsende Melancholie lässt nur vorsichtige Annäherungen an den Neuankömmling zu, der Odysseus zu kennen vorgibt – und es in Wahrheit selber ist. Keine Freude bricht aus ihr heraus, allenfalls Erleichterung in schönen Tönen einer gepflegten Stimme, die durch Schlichtheit betört und berührt. Ulysse ist Eric Laporte, ein lyrischer, heller und klar zeichnender Tenor. Auch er wird nirgendwo wütend und rastet selbst dort nicht aus, wo er Nebenbuhler zur Strecke bringt. (…)
(…) Den hellen Stimmen des „hohen Paares" stellt Fauré einen dunklen Mezzo (Euryclée) und Ba­riton (Eumée) zur Seite, charakte­ristisch gesungen Von Joanna Motulewicz und Božidar Smiljanić – auch sie sanfte, ruhige, unerschüt­terliche Pole in einer gänzlich unaufgeregten Oper. Luise Rahe aus dem Kinderchor singt einen Hirten und steckt für Odysseus weiße Rosen in schwarze Flaschen. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) das alles prallt an dieser Penelope ab, die so zu einer Ikone des Wartens wird und die das Totenhemd von Laërte, an dem sie Nacht für Nacht webt und es wieder auflöst, selbst anhat. Dieses Totenhemd ist ein weißes Kleid aus langen Stoffbändern, ein schöner Einfall der Kostümbildnerin Raphaela Rose. (…)

Richard Lorber, WDR 3 / Opernblog


(…) Paula Murrihy beherrscht sowohl den liedhaften Ton Faurés – der an die Verlaine- Lieder erinnert oder an die „Mélodies“ – als auch, mühelos und glänzend, die selteneren, aber eindrucksvollen dramatischen Ausbrüche. Die alte Ordnung kann nicht wieder hergestellt werden Ihr zur Seite agiert ein stimmlich vorzüglicher Eric Laporte als Ulysse. Fantastischer kann man nicht buchstäblich nebeneinanderher singen: Während noch die Musik die alte Liebe beschwört, entwickelt Pénélope ganz eigene Pläne, das Wiedererkennen verweigert sie. Hier spätestens widerstrebt die Inszenierung dem Text – trotzdem bleibt sie glaubwürdig. Die alte Ordnung soll und kann nicht einfach restituiert werden. (…)

Karsten Mackensen, Darmstädter Echo


(…) Mallwitz gelang es mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester, den subtilen Spätstil Faurés in einem durchsichtigen und doch energiegeladenen Mischklang zu erfassen. (…)

Nikolaus Schmidt, Badische Neueste Nachrichten

Eine Frau. Ein Mann. Der Faden ist gerissen. Die Erinnerungen und Hoffnungen verlieren sich in der Zeit.

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit er in den Krieg gezogen ist. Einsam harrt sie – die treue Penelope – seiner Heimkehr, während er – der listenreiche Odysseus – von einem Abenteuer ins nächste irrt und woanders Geschichte schreibt. Auf Gesängen der Odyssee basierend, konzentriert sich Gabriel Faurés einzige Oper auf Penelopes eigene Geschichte: Eine vielschichtige Frauenfigur, die keineswegs nur wartet und webt und des Nachts ihr Tagwerk wieder auftrennt, um dem Ultimatum der sie belagernden Freier zu entgehen. So präsent Penelope ihren Mann Odysseus auch hält – als er tatsächlich wiederkehrt, ist er ein Fremder, den sie nicht erkennt. In der Annäherung beider stellt sich die Frage, ob Liebe die Zeit überwinden kann.

Das Interesse an der griechischen Antike sowie der Anstoß einer Sängerin ließen die zahlreichen Versuche Faurés, in fortgeschrittenem Alter doch noch eine Oper zu schreiben, fruchtbar werden. Der Komponist hatte seine Gabe Melodien zu erfinden in Liedern, Kammermusik und Orchestersuiten zur Meisterschaft geführt. Mit psychologischem Feinsinn und einer eleganten, transparenten Orchestersprache zeichnet er in Pénélope das plastische Porträt einer lebendig fühlenden, starken Frau. Im kunstvollen Verweben von klaren Leitmotiven leuchtet unverkennbar der Einfluss von Wagners Musikdramen auf, im fließenden, dialogischen Vokalstil auch die Nähe zu Debussys Pelléas et Mélisande. Voller Empathie für seine Figuren ging es Fauré darum, den Erfahrungsraum des Mythos in seiner eigenen Gegenwart greifbar zu machen, in einer Welt ohne Götter, durch »menschliche Gefühle mit mehr als menschlicher Musik«.

Mit freundlicher Unterstützung