Spielplan

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Dalibor

Bedřich Smetana 1824-1884

Oper in drei Akten
Text von Josef Wenzig
Uraufführung der ersten Fassung am 16. Mai 1868; zweite Fassung am 2. Dezember 1870, Neustädter Theater, Prag
Deutsche Fassung von Kurt Honolka

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Die Produktion wird vom Hessischen Rundfunk in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet.
Sendetermine: 9. März 2019, 20.04 Uhr hr2-kultur, 13. April 2019, 19.05 Uhr Deutschlandfunk Kultur

Musikalische Leitung Stefan Soltesz
Dalibor Aleš Briscein
Milada Izabela Matuła
Vladislav Gordon Bintner
Budivoj Simon Bailey
Beneš Thomas Faulkner
Vítek Theo Lebow
Jitka Angela Vallone

Das kann schon sein: Die Rolle, die früher Monarchen eingenommen haben, spielen heute Talkmeister. Regent und Richter in einer Person, mit Daumen rauf und Daumen runter in der flankierenden Welt der sozialen Medien, deren Nutzer sich ihrerseits gar nicht so selten nach absolutistisch klaren Positionen sehnen. Bedřich Smetanas des Mordes an einem Gegner angeklagter Ritter Dalibor sieht sich in der Frankfurter Neuproduktion der nach ihm benannten Oper jedenfalls nicht vor ein spätmittelalterliches Königsgericht gestellt, sondern vor das Publikum eines als solches deklarierten „TV-Tribunals“. Er dürfte es freilich als ähnlich bedrückend empfinden, denn die Meinungsfraktion, die unter dem Hashtag „deristsosüß“ für ihn Partei ergreift, unterliegt gnadenlos der Meinungsmache unter „#schmeißfliege“. Das Resultat ist eindeutig: Der des Mordes Angeklagte muss in den Kerker, lebenslang.
(…) Ludwig van Beethovens Fidelio (…) diente Smetana ersichtlich als Vorbild: So wie sich Leonore als Mann verkleidet, um im Gefängnis zu Florestan zu gelangen, schlägt sich auf der Prager Burg Milada zu Dalibor durch. In Florentine Kleppers Frankfurter Regie ist der Kerker konsequenterweise ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem der politische Gefangene wohl auch mancher psychischen Tortur ausgesetzt ist.
Unterstellen darf man ihm, Dalibor, freilich größtes Charisma. Denn zum einen hat er Milada, immerhin die Schwester des Ermordeten, so für sich eingenommen, dass sie von der Anklägerin zur Liebhaberin geworden ist. Zum anderen inspiriert er aus der Ferne die Aufständischen. Dass sie, verkörpert vom exzellenten Frankfurter Opernchor, zwischenzeitlich nicht an Burgmauern, sondern an der Fassade des Fernsehstudios rütteln, gehört zu den Drolligkeiten, die als Tribut ans eigentlich bedenkenswerte Regiekonzept in Kauf zu nehmen sind (Bühne: Boris Kudlička). (…)

Axel Zibulski, Darmstädter Echo


(…) Smetana, das zeigt die Oper Frankfurt, kann mehr als Moldau und Verkaufte Braut.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Wirft die Inszenierung einige Fragen auf, lässt die musikalische Gestaltung des Abends keine Wünsche offen. Izabela Matuła gibt als Milada in Frankfurt ein umjubeltes Debüt. Mit großem dramatischem Sopran gestaltet sie die Partie der jungen Frau, die stimmlich und darstellerisch eine Mischung aus Wagners Elsa und Beethovens Leonore darstellt. Im Gegensatz zu Leonore ist ihr allerdings kein glückliches Ende vergönnt. Aleš Briscein begeistert in der Titelpartie mit strahlendem Tenor und sauber ausgesungenen Höhen. Mit Matuła findet er in dem großen Duett des zweiten Aktes zu einer betörenden Innigkeit. Seine große Arie im zweiten Akt, wenn er vor Miladas Auftreten mit seinem Schicksal hadert, erinnert stark an Beethovens Florestan. Gordon Bintner stattet den König Vladislav mit markantem Bariton aus und gestaltet die Figur darstellerisch als schmierigen Entertainer. Thomas Faulkner punktet als Gefängniswärter Beneš mit gewaltigem Bass. Simon Bailey kehrt als Kanzler Budivoj nach Frankfurt zurück und überzeugt mit kräftigem Bass. Angela Vallone und Theo Lebow runden als Jitka und Vítek das Ensemble großartig ab. Auch der von Tilman Michael einstudierte Chor begeistert stimmlich durch homogenen Klang. Stefan Soltesz lotet mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester Smetanas Partitur, die mit ihren romantischen Anklängen an die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas antiquiert klingt, differenziert aus, so dass es für die musikalische Gestaltung des Abends einhelligen Beifall gibt.  (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Die Regisseurin Florentine Klepper zeigt freilich gleich, sind die ersten Fanfarenattacken des gleich in einen Protestchor übergehenden Vorspiels verklungen, zwischen verblassenden Videos von heutigen Demonstrationen eine starr stehende, doch aufbegehrende Masse: die da draußen; sie halten freilich leere Schilder und Transparente hoch. Klepper geht es nicht um das konkrete Ereignis der Revolte, sondern um das Prinzip heutiger Unterdrückung und zweifelhafter Richtersprüche in den Zeiten von Fake News und Manipulation durch die angeblich sozialen Netzwerke. Dafür wechselt sie sofort nach drinnen, in ein Fernsehstudio, das ihr Boris Kudlička in nüchtern ambivalentem Kerkergrau gebaut hat. Wir sehen (…) eine Show als virtual, aber dann doch ziemlich reale reality. Aber das funktioniert ganz gut mit dem kruden Plot, der Transzendenz und Glaubensgewissheit samt aller melodramatisch möglichen Ungereimtheiten im feinen Freiheitslied der Geige vereint. Kleppers Personenregie ist nicht sonderlich subtil, aber sie macht deutlich, was sie will.
(…)
Florentine Klepper findet für diese ominösen Mechanismen einfache, aber einprägsame Bilder, stimmungsvoll ausgeleuchtet von Jan Hartmann. (…)

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de


(…) Gordon Bintner als König Vladislav glänzte mit der schönsten, geschmeidigsten Stimme. Der Dalibor Aleš Brisceins stand dem kaum nach, sieht man von einem auffälligen Anschleifen der Töne ab. Angela Vallone als Jitka kam immer besser und zuletzt strahlend ins Spiel. Izabela Matuła als Milada hatte sehr schöne Momente in den lyrischen Partien, bewältigte aber auch die Aufstiege zum hohen C. Trefflich auch Thomas Faulkner als Gefängniswärter Beneš sowie Simon Bailey als der böhmische Pizarro Budivoj. Der Chor als Show-Claqueure und Streetfighter war tadellos. Stefan Soltesz ließ mit dem blendenden Opernorchester den Smetana-Ton nicht dick werden, blieb geschmeidig und wahrte eine gute Balance zwischen Melodiösem und forciert Rhythmischem.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Hat Regisseurin [Florentine] Klepper ihr gutes Händchen in Sachen Personenregie schon bei den intimeren Szenen gezeigt, so präsentiert sie die von Kos­tümbildnerin Adriane Westerbarkey absolut individuell, aber immer originell einge­kleideten und wieder auf den Punkt von Tilman Michael einstudierten Chormassen in einprägsamer Choreografie.
Dass unter vermeintlich nur „guten" Befreiern auch ein Maskenmann Dalibors Ziehtochter Jitka an die Wa­sche will, gehört zu Kleppers Konzept, die der Aktualisie­rung mit dem Holzhammer unverdächtig ist: Es gibt in Dalibor nur Verlierer. Und da hat die junge Regisseurin gewiss das Optimale aus ei­ner Oper herausgeholt, die nicht zu Unrecht selten auf den Spielplänen auftaucht.

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Zumal die Regisseurin, die es gegen Ende des scheiternden Aufstands durchaus bedrohlich knallen lässt, den nach innen gewandten Szenen keine Gewalt antut. An erster Stelle steht das Liebesduett von Milada und Dalibor im zweiten der drei Akte, das die junge polnische Sopranistin Izabela Matuła und der so glockenhell wie gefestigt singende tschechische Tenor Aleš Briscein als musikalische Schlüsselszene beglaubigen. Ihnen sind Dirigent Stefan Soltesz und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester eine vorzügliche Stütze; in vitaler Umsetzung der Partitur arbeiten sie gleichermaßen beredte Leitmotive und tschechisches Kolorit heraus. Gordon Bintners glitzerblauer Moderatoren-König Vladislav (Kostüme: Adriane Westerbarkey), Thomas Faulkners einfühlsam porträtierter Gefängniswärter Beneš, auch das forsch den Aufstand anführende Paar Jitka und Vítek (Angela Vallone und Theo Lebow) erweisen sich als vorzüglich aus dem Frankfurter Ensemble besetzte Kräfte. Sie tragen profund zum Besten bei, was diese Produktion leisten kann, nämlich ein nahezu unbekanntes Werk auf seine Gegenwartsrelevanz hin zu befragen und zur Diskussion zu stellen.

Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier


(…) Mit Stefan Soltesz stand ein umsichtiger Dirigent am Pult, der mit romantischem Impetus durch die nach Lohengrin klingende Gerichtsszene des ersten Aktes pflügte, aber auch manch slawische Terzenseligkeit mit brodelnder politischer Anarchie aufzuladen verstand.
(…)
Von den Gästen beeindruckte die in Frankfurt debütierende, polnische Sopranistin Izabela Matuła als Milada, die mit hochdramatischer Wagner-Wucht aufwarten konnte. (…)
Musikalisch und darstellerisch setzten die Frankfurter Ensemblemitglieder mit ihren Charakterstudien Ausrufezeichen: Gordon Bintner war ein schillernder König Vladislav, Thomas Faulkner als bedauernswerter Kerkermeister Beneš selbst ein Opfer des Systems, das Liebespaar Jitka und Vítek war mit Angela Vallone und Theo Lebow packend besetzt. Auch Simon Bailey, bis 2015 beliebtes Frankfurter Ensemblemitglied, tat sich als düsterer Budivoj szenisch eindrücklich hervor. Tilman Michael hatte den Chor wie immer bestens für seine wenigen, dafür umso effektvolleren Auftritte präpariert.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse

Es war ein großer Feiertag. Das Bier floss in Strömen. Am 16. Mai 1868 wurde der Grundstein für das Prager tschechische Nationaltheater gelegt. 13 Jahrespäter, als die antiösterreichischen Demonstrationen ihren ersten Höhepunkt erreichten, wurde es mit Smetanas festlichem Singspiel Libusa eröffnet. Kurz darauf brannte das Theater ab. Am Freudentag von 1868 aber waren Zehntausende aus den böhmischen und mährischen Landesteilen angereist; viele von ihnen in alter volkstümlicher Kostümierung. Bedřich Smetana, der Sprecher der tschechischen Künstlerzunft, sagte in seiner Rede: »In der Musik ist das Leben der Tschechen.« Am Neustädter Theater, das immerhin 4000 Besucher fasste, wurde an jenem Maiabend sein durchaus als Nationaloper gedachtes Werk Dalibor, einziges tragisches Musikdrama aus seiner Feder, uraufgeführt.

Die Geschichte eines spätmittelalterlichen tschechischen Ritters, der wegen Tyrannenmordes in einem Gefängnisturm der Prager Burg auf seine Exekution wartete und auf die Hilfe von Milada, einer ihn liebenden Frau, rechnen konnte, die ihn in Männerkleidern zu befreien versuchte, geriet aber keineswegs zum lang ersehnten Erfolgsstück. Im Gegenteil! Man bezichtigte den Komponisten der Deutschtümelei und schlimmer noch — nicht nur wegen Adaption der Leitmotivtechnik — des untschechischen Wagnerismus. Smetana, dessen Libretto ursprünglich in deutscher Sprache angelegt war, litt sehr an dieser Reaktion. Gleichwohl galt ihm bis zu seinem qualvollen Tod 1884 das großangelegte Bühnenwerk, sein Sorgenkind, als das geglückteste Stück seines Schaffens — im Gegensatz zu Die verkaufte Braut, die er gerne als marginale Gelegenheitsarbeit abtat. Die dreiaktige, rhythmisch und harmonisch entschieden avancierte Oper, die stofflich sowohl Elemente der klassischen Befreiungsoper, aber durchaus, etwa in der anfänglichen Gerichtsszene, auch eine Nähe zum romantischen Lohengrin erkennen lässt, offenbart im Kern das einfache Gleichnis einer tragisch endenden Liebe: einer in der Kerkerfinsternis entflammten Leidenschaft vor dem Hintergrund der sich zum Schicksal aufbauschenden Politik. Ein wahrhaft unvergängliches, universelles Sujet.

Mit freundlicher Unterstützung