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Tamerlano

Georg Friedrich Händel 1685-1759

Dramma per musica in drei Akten / UA 1724
Text von Nicola Francesco Haym nach Libretti von Agostino Piovene und Ippolito Zanelli, basierend auf Jacques Pradon.

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot.
 

Musikalische Leitung Karsten Januschke

Tamerlano Lawrence Zazzo
Bajazet Yves Saelens
Asteria Elizabeth Reiter
Andronico Brennan Hall
Irene Cecelia Hall
Leone Liviu Holender

Ausverkauft. Das gilt für alle Aufführungen von Georg Friedrich Händels Tamerlano im Bockenheimer Depot in Frankfurt noch vor der Premiere. Längst hat sich herumgesprochen, dass man in der Experimentierspielstätte der Oper Frankfurt etwas erlebt, das gleichermaßen erschüttert und enthusiasmiert. So am Premierenabend. Wenn der letzte Ton von der Dunkelheit aufgesogen ist, bleibt nur noch die Last der Tragödie, die bleischwer im Raum erstarrt. Stille, angehaltener Atem, es dauert, bis der Applaus einsetzt, begeistert, Bravi für alle, die da noch ganz in ihrer Rolle verdreckt, abgerissen, voll Blut, erschöpft und strahlend sich verneigen.
(…)
Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather verlegt das historische Ereignis in die Gegenwart seines Heimatstaates. Tamerlano, ein Cowboy, Texaner, Ölmagnat oder von allem ein bisschen, schlendert über die Bühne, schwingt eine Schlüsselkette, schließt den Drahtkäfig auf und bitte das Orchester auf seine Plätze. Dann schließt er wieder ab, gibt das Signal zum Beginn. Er ist der Boss, zu Macht und Reichtum aufgestiegen, gibt sich jovial und mischt sich unter die Zuschauer. Doch hinter seiner Maske wütet der Sadist. Nur die so reich verzierte Musik, die Lawrence Zazzo als Tamerlano bravourös virtuos aussingt und alle Facetten zwischen Hass und Ironie auch mit jeder Faser seiner Muskeln ausleuchtet, kündet schon im ersten Akt von seinem Charakter, den er offen auslebt, wenn er sich im zweiten Akt die Maske vom Gesicht reißt und, grell geschminkt, den Blick eines Wahnsinnigen auf das Publikum richtet.
Sie, die Zuschauer, sitzen auf der Tribüne, bekommen Dosenbier vom Herrscher und sind dennoch ebenso Gefangene in diesem Bunker, den Bühnenbildner Paul Steinberg bis an die Decke in das Bockenheimer Depot einpasste. Konfetti, Bänke, ein Drahtgestell mit Getränkedosen auf der Spielbühne neben dem Orchesterkäfig und das Bühnenpersonal im blauen Kittel mit „Crew“ als Aufschrift suggerieren ein Umfeld am Rande eines Footballspiels, das eben stattgefunden haben könnte.
(…)
Für diese packende Aufführung maßgeblich verantwortlich war der Dirigent Karsten Januschke, der nicht nur souverän alle Fäden in den Händen hielt, sondern alle Beteiligten zu einer höchst sensiblen Interpretation anhielt. Das ausnahmslos hervorragend besetzte Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizierte nach barocker Art, spieltechnisch perfekt, brillant im Ton, ausdrucksintensiv in den Affekten, höchster Genuss und Überzeugung pur für Händel als Meister des Affektes.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Der amerikanische Regisseur R.B. Schlather, sein Bühnenbildner Paul Steinberg und die Kostümbildnerin Doey Lüthi finden einen klugen Durchgang zwischen Offenheit und Spielerei. Das meiste setzt sich erst im Kopf zusammen.
Eine Geschichte unter Amis: hier ein Cowboy, da ein Baseballspieler, dort eine Discokönigin, man trägt Jeans und als es ernst wird, gibt es für den Gefangenen einen Guantánamo-orangefarbenen Jogginganzug. Die Figuren sind aber keine Karikaturen und wenn sie es sind, machen sie klar, dass sie eine Rolle spielen.
Schlathers Ansatz unterscheidet sich dadurch deutlich von anderen gewitzten, ebenfalls zum Teil durchaus minimalistischen Barockmusikaufführungen, wie sie nicht zuletzt dank der Oper Frankfurt auch im Bockenheimer Depot zu sehen sind. Schlather und das großartige Ensemble können ebenfalls sehr witzig werden, aber das ist offenbar nicht der springende Punkt. Der Minimalismus, mit dem sich der Regisseur in den USA bereits einen Namen gemacht hat, bezieht sich nicht allein auf das Dekor, er bezieht sich ebenso auf die Bewegungssprache, die Mimik. Ständig erwartet man Klamauk, aber er kommt in Dosen (Budweiser). Selbst die Normalität und Natürlichkeit der Figuren wird nicht ostentativ herausgestellt, sie soll einfach da sein, und da ist sie.
(…) Funkelnd erst recht das Orchester. Neben Laute und Gitarre sorgen interessante Holzblasinstrumente, Blockflöten, Chalumeaux, für besondere Farben, die Karsten Januschke auch herrlich herausarbeiten lässt. Händel klingt knallfrisch, tanzbar, extrem abwechslungsreich. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Anfangs im schwarzen Westerndress samt knallender Reitpeitsche, maskiert sich Psychokiller Tamerlano, sprühend leutselig mit angeklebter Nase und ulkigem Charles-Bronson-Bart als harmloser Sugar-Daddy. Countertenor Lawrence Zazzo in der Titelpartie fällt dabei durch unbändige Spielfreude auf, schießt Konfettikanonen ab, platziert sich singend mitten im Publikum, lacht schriller als nötig und macht doch immer klar, dass alle bösartigen Spielchen stets nach seinen Regeln ablaufen werden. Später, wenn Asteria sich ihm mutig verweigert, legt er den Hebel um, zieht Perücke und Maske ab und attackiert die Widerspenstige bis aufs Blut.
Alle sechs Solisten intonieren nicht nur ihre furiosen und feinsinnigen Arien in anbetungswürdiger Schönheit, sie zeichnen auch beeindruckende Charakterstudien. Tenor Ives Saelens als Bajazet ist ein Despot auf Augenhöhe, spannt aber in seiner fünfteiligen Selbstmordszene eine immense Bandbreite an Gefühlen: rührende Liebe zu seiner Tochter, selbstlose Todesverachtung und rasende Tyrannenanklage. Elizabeth Reiter verleiht Asteria weibliche Wucht und wahnsinnige Wut, die sie ihr beständiges Ausgeliefertsein ertragen lässt. Gemeinsam mit ihrem Geliebten Andronico, den der Frankfurt-Debütant und schwarze Countertenor Brennan Hall mit tiefster Zerrissenheit ausgestaltet, gelingen dem Paar innige Szenen, die für immer im Gedächtnis haften bleiben.
Cecelia Hall als Glitzerschnecke Irene, die Kaugummi kauend und mit Motorradhelm in die Szene platzt, lässt zeitgleich ihren Mezzosopran zu hochdramatischen Girlanden auffahren, sodass nicht nur dem bewegenden Bariton Liviu Holender als Leone beim Auftritt der Mund offen stehen bleibt.
Schlathers Tamerlano transportiert eine Dichte an Emotionen, die sich niemand entgehen lassen sollte. Das Problem: Fast alle acht Vorstellungen der Serie sind bereits ausverkauft.

Bettina Boyens, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Der farbige Countertenor Brennan Hall ist hier im Baseball-Outfit für Arien tiefen Seelenleids gut. Und Rockerbraut Irene, die Tamerlano versprochen ist, sieht ihre Felle schwinden. Kaugummi kauend steuert Cecilia Hall ihren profunden Mezzosopran. Sogar der im blauen Overall steckende Gefängnis-Aufseher Leone leidet, Liviu Holender, mit dunkel timbriertem Bariton.
Stimmlich agiert Tamerlano, der bei zunehmendem Konflikt seine Cowboy-Maskerade ablegt, mit Zuckerbrot und Peitsche. Händelspezialist [Lawrence] Zazzo wartet hier mit artistischen Koloraturen auf, und deckt das Publikum zur vorgeblichen Hochzeitsfeier schon mal mit Bierdosen ein. Doch diese Zwangsehe ficht Asteria mit allen Mitteln an. Elizabeth Reiter entwickelt sich hier vom unter der Kapuze Schutz suchenden Menschlein zur großen Tragödin, ein starker Sopran. Nicht zuletzt beeindruckt der stimmlich standhafte Saelens, ein Sultan im Straßenanzug, dessen Freitod selbst den grausamen Tyrannen besänftigt.
Dazu liefern [Dirigent Karsten] Januschke und das Barock-Orchester einen auch rhythmisch hinreißenden Händel-Soundtrack, präzise auf die jeweilige emotionale Situation abgestimmt. Das Premierenpublikum in Jubelstimmung: Frankfurt hat einen neuerlichen Opern-Hit.

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…)  Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather macht den ganzen Raum zum Spielfeld und zwingt den Zuschauer dadurch, Stellung zu beziehen. Wie lange amüsiert uns das Handeln Tamerlanos? Wie lange ignorieren wir das Leid der anderen? Wann müssten wir eingreifen? Das korrespondiert mit dem (Nicht)Handeln der Figuren der Oper, die sich immer stärker in sich selbst zurückziehen, dann urplötzlich Verantwortung für andere übernehmen und am Ende Selbstmord begehen wollen. Händel verhindert das, doch hört das Orchester in Frankfurt einfach auf zu spielen. Die Überlebenden singen allein weiter, bis das Licht ausgeht und alles verstummt. So kann das gehen.
Was Karsten Januschke in dreieinhalb Stunden aus dem fabelhaften Orchester zaubert, ist sensationell. Mit dem Wissen um die historische Aufführungspraxis geht er kreativ um, lässt flüssig und farbig spielen, legt den Finger aber immer wieder in die Wunden, also dahin, wo es weh tut. Die umfangreichen Rezitative sind gekürzt oder werden gesprochen, oft gleitet der Gesang ab ins Flüstern oder Schreien. Lawrence Zazzo ist ein wunderbar-widerlicher Tamerlano, Elizabeth Reiter eine berührend zerrissene Asteria und Yves Saelens ein starrer, lebensverneinender, kalter Egoist. Oper kann so radikal, so modern sein. Oper kann alles.

Bernd Zegowitz, Badische Neueste Nachrichten

Macht und Starrsinn, Liebe und Begehren, Wahn und Beständigkeit – und am Ende ein Selbstmord.

Das Sujet dieser Oper basiert auf der historischen Begegnung zwischen dem mongolischen Heerführer Timur-Leng, der sich als Nachfolger Dschingis Khans stilisierte, und dem osmanischen Sultan Bayezid I., den Timur im 15. Jahrhundert unterwarf. Händels Dramma per musica treibt den Konflikt zweier Herrscher, die nach unterschiedlichen Ehrbegriffen handeln und von unterschiedlicher sozialer Herkunft sind, mit großer Stringenz auf die Spitze: Tamerlano, der eigentlich mit Irene verlobt ist, begehrt Asteria, die Tochter seines Gefangenen Bajazet, den er bis aufs Äußerste demütigt. Asterias Geliebter aber ist Tamerlanos Vasall Andronico. Innerhalb dieses Gefüges, in dem sich Privates und Politisches mischen und stabile Machtverhältnisse durch Provokation ins Wanken geraten, gibt es keine Chance für rationale Klärung, scheinen nur extreme Entscheidungen möglich. Eine Situation, die auch rund 300 Jahre nach der Entstehung von Tamerlano nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Händel, der in den 1720er Jahren als musikalischer Direktor die Royal Academy of Music in London leitet, befindet sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Mit seiner 18. Oper weiß der Komponist abermals zu überraschen: nicht nur durch einen hohen Anteil an rein instrumentaler Musik und einen erstaunlich freien Umgang mit ungewöhnlich langen Rezitativen, sondern auch, weil in der wichtigen Partie des Bajazet erstmals ein Tenor einem Kastraten und einer Primadonna gleichrangig besetzt ist.

Mit freundlicher Unterstützung