Spielplan

zur Übersicht

The Medium

Gian Carlo Menotti (1911-2007)

(Ersetzt LE GRAND MACABRE)

1. Teil:

Franz Schubert 1797-1828
Gesang der Geister über den Wassern D. 714
für Männerchor und tiefe Streicher
Uraufführung 1821, Wien

Johannes Brahms 1833-1897
Vier Gesänge op. 17
für Frauenchor, zwei Hörner und Harfe
Uraufführung 1860, Hamburg

Witold Lutosławski 1913-1994
Trauermusik für Streichorchester
Uraufführung 1958, Katowice

Chorwerke in deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln


2. Teil: The Medium

Tragödie in zwei Akten
Text vom Komponisten
Uraufführung am 8. Mai 1946, Brander Matthews Theater, Columbia University, New York

In englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführungen aktuell nur als Video (verfügbar auf YouTube)

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Madame Flora Dshamilja Kaiser / Claire Barnett-Jones (17.9., 19.9., 17 + 20.30 Uhr, 1.10., 4.10., 15.30 + 19 Uhr, 17.10., 17 Uhr)
Monica Gloria Rehm / Angela Vallone (17.9., 1.10., 4.10., 8.10.)
Mrs Gobineau Barbara Zechmeister
Mr Gobineau Simon Neal / Dietrich Volle (17.9., 1.10., 8.10.)
Mrs Nolan Kelsey Lauritano
Toby Marek Löcker

(…) Bejubelt wurde der (…) Opernschocker The Medium von Gian Carlo Menotti, der als wahnsinnige Totenséance bereits im Sommer 2019 im Bockenheimer Depot Premiere feierte. Regisseur Hans Walter Richter stellte die Inszenierung klug für das Große Haus um und konnte sich in Dshamilja Kaiser über eine ebenso wuchtige Sängerin der sadistischen Madame Flora freuen wie in der Originalbesetzung. Gloria Rehm überzeugte als mitleidvolle Monica, während der 18-jährige Schüler Marek Löcker sein überragendes stummes Spiel vom letzten Sommer wiederholte.

Bettina Boyens / Wieland Aschinger, www.musik-heute.de


(…) Damit ein etwas längerer Abend daraus wird und die Chöre auch wieder für ihr Pub­likum singen können, hat Weig­le eine Art Vorspiel zusammen­gestellt, das neben Witold Lutosławskis abgründiger Trauer­musik für Streichorchester zwei Raritäten bietet, in denen der Opernchor seine Klangkultur wahrscheinlich noch besser ausspielen kann als beim szeni­schen Einsatz. Die Herren sin­gen, von wenigen tiefen Strei­chern begleitet, Schuberts Goe­the-Vertonung Gesang der Geister über den Wassern, die Damen Vier Gesänge von Jo­hannes Brahms, die durch die aparte Begleitung mit Harfe und zwei Hörnern auffallen. Man kann auch das Konzert-Vorspiel als Inszenierung deu­ten mit gemessenen Auf- und Abgängen und dem feierlich synchronen Aufklappen der Notenkladden. Dass der zum Kostüm passend schwarze Mund- und Nasenschutz auch beim Singen nicht abgelegt wird, sieht ein wenig gespens­tisch aus, Einbußen im Klang sind aber nicht festzustellen.

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier


(…) Ein berührender, ein idealer Beginn: Er macht den unermesslichen Verlust sichtbar, den gerade die singende Zunft zurzeit hinnehmen muss. (…)

Bettina Boyens, Offenbach-Post


(…) Der dritte Abschnitt des ers­ten Teils, die Trauermusik von Witold Lutosławski (1913-1994), bringt jetzt die Streichergruppen des Orchesters und ihren Dirigen­ten auf die Bühne. Weniger Ver­zweiflung als elegische Gemüts­ruhe strahlt das Werk aus, in dem der Pole mit seiner eigenen Sicht auf Zwölftonreihen experimen­tiert. Die Zeitgenossenschaft zu Menotti ist damit erreicht, aller­dings in ganz anderer Ausformung. (…)
Dshamilja Kaiser [Madame Flora in The Medium] spielt und singt diese pragmatische, vom Unheimlichen oder ihrer eigenen Psyche kalt erwischte Frau mit hingebungsvoller Uneitelkeit. Der rasche Verfall von der alten Dame zur verwirrten Greisin ist beängs­tigend, aber nicht unrealistisch: der rasende Körper, die auffahrende Stimme. Gloria Rehm ist ihre Tochter Monica mit dem al­lerliebsten Sopran, eine seltsame Rolle, indem Monica zwar die Un­schuld vom Lande ist, aber doch bereitwillig der betrügerischen Mutter zu Diensten. Rehm, eine schöne, etwas kühle Darstellerin, zeigt die Doppelbödigkeit wun­derbar mit, ihr Sopran kann lieblich trällern, aber er kann auch anders. In der Luft liegt Lieblosigkeit.
(…)
Regisseur Hans Walter Richter zeigt die unerquickliche Ge­schichte in Kaspar Glarners dunkelwandigem Gespenstersalon und Cornelia Schmidts dezent historisierenden Kostümen als tüchtiges Schauerstück (…).
(…) Zwar legt Menotti es vom Text her nahe, über die unüberwindbare Gutgläubigkeit der Gobineaus und der jungen Mrs. Nolan den Kopf zu schütteln. Aber Barbara Zech­meister, Simon Neal und Kelsey Lauritano führen die Figuren sanft an der Lachhaftigkeit vorbei.
Das Orchester und Weigle las­sen Menottis Musik dabei wenig puccinihaft klingen, es ist ein her­ber, Straffer Spät-Verismo, der in Frankfurt das Auseinanderfliegen menschlicher Existenzen begleitet. Kein Entrinnen am Ende aus Glar­ners seinerseits gespenstischem Bühnenbild, denn selbst die Wen­deltreppe zum höher gelegenen Ausgang hat sich gegen die Men­schen verschworen. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Das Orchester zeigte sich in Bestform, auch als es zur nachfolgenden Oper wieder im Orchestergraben saß, aller Ausgedünntheit zum Trotz.
Wären die Zeiten andere, würde man mit diesem ersten Programmteil einen dramaturgisch schlüssigen, wie packenden Einstieg zu The Medium von Gian Carlo Menotti, dem Opernwerk des Abends, erlebt haben. (…)

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Die emotional aufwühlende Regie von Hans Walter Richter hatte bereits im Juni 2019 im Bockenheimer Depot Premiere – da­mals klug kombiniert mit der humoristischen Groteske Satyricon Bruno Madernas. Und auch diesmal schlägt die irre Totenséance wieder zuverlässig ein in das Nervensystem des Zuschauers.
Die grandiosen Neubesetzun­gen Dshamilja Kaiser (Madame Flora) und Gloria Rehm als unschuldshelle Monica machen den Abend zu einem stimmlichen Fest. Dass der Frankfurter Abiturient Marek Löcker den stummen Zigeunerjungen Toby mimt, dessen Verzweiflung schließlich in einen spektakulären Freitod mün­det, trägt entscheidend zum dunklen Stephen-King-Gruseln des Einakters bei.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Wenn sie selbst die Mutterrol­le spielt, kann Flora allerdings unberechenbar und gewalttätig sein, und das kommt zum Vorschein, als sie selbst eingeholt wird vom Schrecken unerklär­licher Ereignisse. Die Gewichte in diesem Familiendreieck sind durch die veränderte Besetzung ein wenig verschoben. Dshamilja Kaiser lässt in ihrem hel­len Mezzosopran die berech­nende Kälte, aber auch die Ver­unsicherung dieser Frau hören, Gloria Rehms sehr lyrischer Sopran passt wunderbar für die junge Monica, die zwischen Kindheit und Erwachsenwer­den steht und nicht recht weiß, wie sie mit den Gefühlen der Zuneigung von Toby umgehen soll. Wenn sie die ausrastende Mutter mit dem melancholi­schen Lied von einem schwar­zen Schwan besänftigt, hat die­se Aufführung ihren Höhe­punkt, von dem aus das Ver­hängnis nur umso zielgerichte­ter angesteuert wird. Die Sache geht finster aus, und Marek Löcker gestaltet die stumme Rolle des Toby mit großer Eindring­lichkeit.
Das ist großes Musiktheater in kleiner Besetzung und unbe­dingt hörens- und sehenswert. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Die Oper stand bereits im vergangenen Jahr auf dem Spielplan. Ihre volle Wirkung hat aber erst dieses Jahr angesichts der Ereignisse auf mich durchgeschlagen. Vielleicht auch wegen des klug gewählten Schubert-Brahms-Lutosławski-Vorspiels. Vielleicht auch wegen meines unbedingten Willens, mich endlich, endlich wieder dem lebendigen Klang hingeben zu wollen und berühren zu lassen. Wahrscheinlich wegen des Zusammenspiels dieser beiden Komponenten, angereichert durch die mit jedem Ton wachsende Dankbarkeit es erleben zu dürfen. Weil es eben nicht selbstverständlich ist, Kultur in ihrer besten Form live serviert zu bekommen.

Andrea Richter, www.faustkultur.de


(…) Die Choristen traten allesamt mit Mund-Nasen-Schutz auf, was erfreulicherweise dem klar konturierten und transparenten Klangbild ihrer Wiedergaben keinen Abbruch tat. Auch war die Wortverständlichkeit vorzüglich. Chorleiter Tilman Michael hatte seine Sängerschar hervorragend vorbereitet. (…)

Lars-Erik Gerth, Das Opernglas

Madame Flora inszeniert Séancen, die sie sich gut bezahlen lässt. Ihre tagträumende Tochter Monica und der stumme Waisenjunge Toby, für den Monica liebevolle Gefühle hegt, helfen ihr dabei. Floras Klienten sind fest davon überzeugt, durch sie Kontakt mit verstorbenen Angehörigen aufnehmen zu können. Sie selbst hält wenig vom Übernatürlichen — bis zu dem Tag, an dem sich ihr aus dem Nichts eine kalte Hand um den Hals zu legen scheint. Die verunsicherte Flora macht Toby dafür verantwortlich, und das Unglück nimmt seinen Lauf … Gian Carlo Menottis Begegnung mit einer englischen Baronesse, welche regelmäßig »Kontakt zu ihrer verstorbenen Tochter aufnahm«, hatte den Komponisten so tief erschüttert, dass er das Thema zum Sujet seiner Oper machte. Nachdem sich Arturo Toscanini als großer Fan des Werks entpuppte, gelang Menotti mit The Medium der internationale Durchbruch. Allein in New York wurde das Werk im Jahr 1947 rund 200 Mal gespielt. Kurz darauf kam aus Rom der Auftrag zu einer Verfilmung, die der Theaterenthusiast Menotti selbst realisierte und die bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 1952 ausgezeichnet wurde. Kritische Stimmen bezeichneten die musikalische Sprache Menottis immer wieder als »banal« oder »oberflächlich«. Die immense Popularität des Komponisten sowie seine Verwurzelung in der Tradition schienen ihnen in die Hände zu spielen. Dem hielt Menotti gelassen entgegen: »Die Tonalität mag vielleicht nicht notwendig sein, aber ihre dramatische Funktion ist bisher durch kein äquivalentes Mittel ersetzt worden. Wie die Schriftsteller und Lyriker der Gegenwart bediene ich mich lieber einer ›gesprochenen Sprache‹.«

Mit freundlicher Unterstützung