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Mina

Uwe Dierksen *1959

Musik von Jugendlichen und Uwe Dierksen
Text von Jugendlichen und Sonja Rudorf

Einführung / Vorführung eines Films mit Interviews jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot.

Aus dieser Aufführung kommt man mit einer solchen Fülle an Gedanken, Gefühlen und Anregungen, dass es schwer fällt, sie zu sortieren. Über ein Jahr haben Jugendliche aus Frankfurt und dem Umland mit Profis der Frankfurter Oper ein eigenes Stück entwickelt. Sie schrieben die Texte zusammen mit der Schriftstellerin Sonja Rudorf, komponierten die Musik mit dem Komponisten und musikalischen Leiter Uwe Dierksen, studierten den Gesang mit der Sopranistin Anna Ryberg, das Schauspiel mit der Regisseurin Ute M. Engelhardt und den Tanz mit dem Choreografen Andrew Cummings ein. Bühne und Kostüme entwickelt Mara Scheibinger sehr passend. Das Projekt im Bockenheimer Depot steuert Adda Grevesmühl zusammen mit Anna Ryberg. Die ungeheure Energie, die Buntheit, Poesie und Nachdenklichkeit der jungen Leute, lässt, neben der behutsamen Anleitung durch die Profis, die Uraufführung der Oper Mina zu einem durchschlagenden, ja überwältigenden Erfolg werden.
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Auch das Orchester wird von Jugendlichen, jeweils mit erfahrenen Stimmführern, gebildet. Avantgarde-Mittel – Streicher, die gleichzeitig singen, Geräusch-Improvisationen und mehr – erweitern das Spektrum der Darstellung zu einem mitreißenden, umfassenden Gesamtkunstwerk. Es gibt den Gefühlen einer Generation Ausdruck, die wieder auf die Straße geht, um die Rettung ihrer Zukunft zu fordern.

Dietrich Stern, Darmstädter Echo


(…) Ein Mädchen, gepeinigt von Verlusterfahrungen und Blockaden, steht im Fokus von aufbrechender Liebe, Gruppenzwang und anderen alltäglichen Zumutungen, die Entscheidung, Anpassung und Beweglichkeit erfordern. Exzellent balanciert die Titelfigur zwischen Eigensinn und Selbstquälerei ohne psychologisierende Pseudoerklärungen. Zwei männliche Liebes- und Bezugsfiguren wirken wie Vergangenheit und Zukunft, licht und düster, zart und abgründig. Trefflich die Zeitgenossen der Alterskohorte, sei es als städtisches Straßen-, sei es als Kinopublikum. Muntere, aufgedrehte oder streunende Personen, die mal zu Tanzgruppen formiert sind oder als über die Bühne rennende Massen fungieren. Die angenehm zurückhaltende Regie liegt in den Händen Ute M. Engelhardts.
Eine zum Orchester hin sich senkende schiefe Ebene mit wenigen Requisiten macht die Bühne aus. Dazu kommt seitlich ein zweistöckiger Hochsitz wie eine Bleibe aus Baumhaus oder Hausboot des Mina-Freundes Finn. Die Rollen von Mina, Finn und Rey sind mit Lena Diekmann, Ole Schwarz und Jago Schlingensiepen grandios besetzt – sowohl stimmlich als auch in der Interaktion. Gleiches gilt für den Chor und die weiteren, oft halbsolistischen Rollen.
Am nachdrücklichsten ist die musikalische Realisation. Mehr als nur ein Hauch von Helene Fischer, Roland Kaiser oder Silbermond samt Intonationen Kurt Weillscher Provenienz, aber auch geräuschhafte Sounds bestimmen die Atmosphäre im Depot. Dierksen hat hier sicher sachte seine Kompetenz, griffige Klangchiffren für Ausdruckstypik zu finden, zur Geltung gebracht. Die brillante Orchestrierung mit mächtigen, ergreifenden Aufschwüngen wird vom Orchester der jugendlichen Spieler fast professionell umgesetzt. Und die Emphase, mit der der romantische Klang-Populismus der Großen des Geschäfts hier erfüllt ist, das geht ganz aufs Konto von Künstlern, die noch nicht abgeschliffen, die mit pochendem Herzen dabei sind.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Von Koblenz bis Fulda, von Hanau bis Schwalbach: Respekt einflößend, wie die Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren das Libretto zu Mina, unter Leitung von Uwe Dierksen, über ein Jahr lang auskomponiert und jetzt im Bockenheimer Depot uraufgeführt haben. Dabei ist ihr selbstgewähltes Thema so alt wie die Menschheit: die Sehnsucht nach Freiheit.
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Wie sich Finn und Mina trotzdem näher kommen, sie ihn schließlich als zu oberflächlich zurückweist und am Ende ihre inneren Stimmen überwindet, davon erzählt das 80-minütige Musiktheater. Immer kreativ unterstützt von der subtilen Bühnenschräge Mara Scheibingers, den Choreografischen Tricks Andrew Cummings und der klugen Personenregie von Ute M. Engelhardt.
Lena Diekmann als Mina gibt mit ihren 15 Jahren eine berührende, weil völlig ungezwungene Vorstellung. Von der anfänglich zur Schau gestellten Unsicherheit, mit der sie kämpft und die sich in den herunterhängenden Telefonschnüren als Nabelschnurersatz zur toten Mutter manifestieren („Seit Mamas Tod ist alles still") bis hin zur emotionalen Erweckung auf dem Hausboot von Sonnyboy Finn („Ich sehe einen Stern"): Lena Diekmann wirkt immer authentisch. Überzeugend auch der 19-jährige Frankfurter Ole Schwarz als aufgeräumter Finn an der Akustischen, der mit seiner Band auf dem schwimmenden Kahn Töpfe, Pfannen und Konservendosen zu Trommeln macht. Als ausdrucksstark erweist sich auch Jago Schlingensiepen in der Rolle Reys, dem die Sirenen Josephine Oeß und Paulina Geschwandner mit lyrischen Freiheitsgesängen zur Seite stehen. Zwei Wow-Auftritte haben Zinah Edzave als coole Leindwanddiva und Martha Badenhop, die als schrille Kellnerin Entertainerqualitäten beweist. (…)

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Die Jugendlichen waren aber (fast) völlig frei, Sujet, Handlung und musikalische Formen zu wählen, wenn auch professionell gelenkt. Herausgekommen dabei ist Erstaunliches, wie Intendant Bernd Loebe in seiner kurzen Begrüßungsansprache bemerkte: „Die Waffe der Jugend heute ist Poesie! Da war ich sehr überrascht. Nicht Social Media, Integration oder dergleichen sind die brennenden Themen. Sondern Freiheit, Beziehungen und Solidarität.“
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Ute M. Engelhardt inszeniert das etwas skurrile Geschehen auf einer steil ansteigenden Schräge schnörkellos, mit viel Tempo und revueartigen Elementen wie chorischen Formationen und gelegentlichen Tanz-Miniaturen. Alle AkteurInnen tragen Mikroports, müssen sprechen und singen (manchmal auf Englisch). Nicht weniger als 21 Schülerinnen und Schüler stehen solistisch auf der Bühne, dazu ein dreizehnköpfiger Chor, außerdem gibt es eine vierköpfige Band, ein nur hier und da professionell verstärktes Orchester mit Streichern, einer starken Blechbläserfraktion, Saxophon, Flügel und Cembalo.
(…) Uwe Dierksen mixt das alles souverän und mit untrüglichem Gespür für Timing zusammen und sorgt stets für hohes Tempo.
So hängt nichts durch an diesem Abend und die Hauptrollen sind famos und rollendeckend besetzt, alle singen wacker bis hervorragend. Lena Diekmann ist eine glaubwürdig zerrissene Titelheldin und Ole Schwarz als Finn ein einnehmender Singer-Songwriter mit Klampfe und gelben Socken. Gelegentliche Wackler sowohl im Spiel als auch im Gesang sind kein Verlust, sondern verleihen dem Ganzen den Zauber jener Authentizität, die nur in einem bestimmten Zeitfenster – eben dem der Heranwachsenden – abrufbar ist. Diese Unmittelbarkeit, gepaart mit einer gewissen Unsicherheit und einer noch ungetrübten schwärmerischen Romantik, das erinnert jeder gern. „Es wird diese Rückkopplungen geben“, hatte Loebe zu Beginn freundlich gewarnt. So war es. Großer Jubel im brechend vollen Auditorium für ein sympathisches und rundum gelungenes Projekt.

Regine Müller, www.die-deutsche-buehne.de

Vor gut einem Jahr startete ein einzigartiges Jugendprojekt: Musiktheaterbegeisterte SchülerInnen im Alter von 13 bis 20 Jahren entwickelten unter der Leitung des Komponisten Uwe Dierksen (*1959) und der Schriftstellerin Sonja Rudorf (*1966) ein eigenes Bühnenwerk. In intensiven Improvisationssessions entstand eine außergewöhnliche Musik: Sie changiert zwischen Pop, Barock und experimenteller Musik. Das »Schreibteam« beschäftigte sich zunächst mit der Suche nach einem Plot und der Frage: Was beschäftigt uns so sehr in unserem Alltag, dass wir es auf die Bühne bringen möchten? Schnell einigten sich alle Mitglieder dieses Teams auf ein von den aktuellen Nachrichten unabhängiges, aber dennoch allgegenwärtiges Thema: Freiheit. Im Zentrum der Handlung steht Mina, eine unter Zwangsstörungen leidende junge Erwachsene, die durch den plötzlichen Tod ihrer Mutter aus ihrem eintönigen, durchstrukturierten Alltag herausgerissen wird, und ihren Weg in ein selbstbestimmtes Leben sucht.

Seit November 2018 schlüpfen die Jugendlichen nun in andere Rollen, in die der OrchestermusikerInnen und SängerInnen. Unter der musikalischen Leitung Uwe Dierksens studieren Jungen und Mädchen als Streicher, Blechbläser aber auch E-Gitarristen, Bassisten und Schlagzeuger die Partitur ein. Die Frankfurter Bläserschule, geleitet von Sunhild Pfeiffer, bildet mit ihren SchülerInnen den Kern des Bläserensembles und unterstützt die Oper Frankfurter intensiv bei den Coachings der jungen BlechbläserInnen. Die Regisseurin Ute M. Engelhardt, ehemals als Regieassistentin an der Oper Frankfurt tätig, erarbeitet die Szene. Alle zusammen präsentieren sie schließlich im Rahmen der Uraufführung am 2. Februar 2019 ihr Werk im Bockenheimer Depot.

Mit freundlicher Unterstützung