Spielplan

zur Übersicht

Tri sestry

Drei Schwestern

Peter Eötvös *1944

Oper in drei Sequenzen
Text von Claus H. Henneberg und dem Komponisten nach dem gleichnamigen Drama (1901) von Anton P. Tschechow
Uraufführung am 13. März 1998, Opéra de Lyon

In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Dennis Russell Davies und Nikolai Petersen

Irina Ray Chenez
Mascha David DQ Lee
Olga Dmitry Egorov
Andrei Mikołaj Trąbka
Natascha Eric Jurenas
Doktor Mark Milhofer 
Tusenbach Krešemir Stražanac
Soljony Barnaby Rea 
Kulygin Thomas Faulkner
Werschinin Iain MacNeil*
Anfisa Alfred Reiter
Rodé Isaac Lee
Fedotik Michael McCown

*Mitglied des Opernstudios

(…) Nach dem Tod ihrer Eltern leben die drei Schwestern Irina, Mascha und Olga zusammen mit ihrem Bruder Andrei und dessen Frau Natascha in der russischen Provinz. Man sehnt sich zurück nach Moskau, das Landleben nervt. Doch niemand hat die Kraft, daran etwas zu ändern. Es bleibt bei Träumen und Hoffnungen. In einem Prolog sinnieren die Schwestern über die Leere (…). In den folgenden drei Sequenzen erzählt Eötvös das sich wiederholende Geschehen rund um die Themen Liebe, Lust und Langeweile aus der Sicht von Irina, Andrei und Mascha jeweils neu.
Frankfurt folgt bei der Besetzung der drei Schwestern dem Plan des ungarischen Komponisten und präsentiert statt Frauen mit dem US-Amerikaner Ray Chenez (Irina), dem Kanadier David DQ Lee (Mascha) und dem Russen Dmitry Egorov (Olga) drei Countertenöre. Das hat seinen Reiz, da die Herren glänzend disponiert sind, über unterschiedliche Stimmfärbung verfügen und auch die Tiefen einwandfrei ausloten. Selbst die alte Haushälterin Anfisa (mit Schalk im Nacken: Alfred Reiter) erhält ein finsteres Basstimbre. Wäre da nicht die verstorbene Mutter, die hin und wieder stumm als Statistin durch die Szenerie geistert, es stünden nur Männer auf der Bühne.
Die Inszenierung geht auf das Konto von Dorothea Kirschbaum. Sie dient dem Haus seit 2013 als Regieassistentin und hat bereits mit Tschaikowskis Eugen Onegin ein Händchen fürs Sujet bewiesen. Auch den Eötvös zeichnet sie klar, macht aus dem Vorgarten einen Kinderspielplatz mit Sandkasten und Schaukel, aus dem Haus der Geschwister ein Wohnzimmer mit integrierter Küche, Esstisch, Bücherregal und Klavier. Nach der Pause stehen alle Utensilien spiegelverkehrt im Raum. Kirschbaum gewährt ihren Protagonisten im 60er-Jahre-Chic Zeit. Es wird Mikado gespielt, weil das Ende ungewiss ist und offen bleibt. Die Zeichentricksequenzen von Christina Becker zeigen Wünsche. (…)
Die Musik lässt im Ansatz ein wenig Gershwin hören. Eötvös zitiert in der ersten Sequenz die Arie des Gremin aus Eugen Onegin, die auch zur Tschechow-Vorlage gehört. Doch das Zauberwort heißt Glissandi. Sowohl im Orchester als auch bei den Sängern wird in die Töne hineingerutscht. Es zirpt und zerrt. Es quietscht und raunt. In den Duetten funktioniert das besonders gut. Wenn der verliebte Soljony (intensiv: Barnaby Rea) der jungen Irina näherkommt und die Streicher diesen Vorgang mit eindringlichem Auf- und Abgleiten unterstützen, wird das zu einer der stärksten Szenen des Premierenabends.
(…)
Die musikalische Leitung hat mit dem amerikanischen Dirigenten Dennis Russell Davies ein Experte für neue Tonkunst übernommen. Das Opern- und Museumsorchester ist zweigeteilt. Davies führt im Graben ein 18-köpfiges Kammer-Ensemble mitsamt Akkordeonspielerin fürs russische Kolorit. 50 weitere Instrumentalisten spielen als Orchester unter dem Dirigat des Frankfurter Kapellmeisters Nikolai Petersen hinter der Szenerie, auf einem eigens gebauten lichtgerahmten ersten Stock. Die beiden Dirigenten stehen über Monitore in optischer Verbindung. Der duale Klang mag die beiden Ebenen bei Tschechow symbolisieren, das ideelle und das reale, die Figuren auf der Bühne tun das ausdrücklich nicht. Die Instrumente des Ensembles repräsentieren in der Partitur jeweils einen oder mehrere Charaktere, weshalb beim aufdringlichen Soljony immer die Pauken bollern und bei der Nervensäge Natascha (hervorragend: Eric Jurenas), der Frau des leidgeprüften Andrei (zum Ende hin prächtig: Mikołaj Trąbka), das Saxofon quiekt. (…)

Manfred Merz, Frankfurter Neue Presse


(…) Dass Musik und Szene in dieser beispielhaften Inszenierung so enggeführt werden, liegt auch an der Regie von Dorothea Kirschbaum, die mit kleinen Zeichen viel erzählt von der Sehnsucht dieser Menschen und ihren Enttäuschungen. Sie alle sind zu spät dran fürs Leben. Irina entschließt sich, Tusenbach zu lieben, wenn der schon im Duell getötet wurde, und malt Protestplakate. Mascha hofft auf Werschinin (Iain MacNeil) und bleibt doch bei ihrem einfältigen Mann (Thomas Faulkner) hängen, und auch Olgas heimliche Liebe zu Werschinin wird in wenigen Gesten angedeutet. Andrei hängt an seiner Frau, obwohl er wie alle anderen angewidert ist von ihrer vulgären Herrschsucht; Eric Jurenas als Natascha macht mit kurzen, stampfenden Schritten eine schöne Karikatur aus dieser Rolle. Bei aller Melancholie findet dieser zweieinhalbstündige Abend sogar die Komik der Vergeblichkeit – und ist umso bewegender

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier


(…) Gleich zwei Orchester sind für Eötvös’ (…) Musik nötig: eine kammermusikalische Besetzung im Graben und das Opern- und Museumsorchester in lichter Höhe der Guckkastenbühne. Zudem hat sich die Oper Frankfurt eine Option des Komponisten zu eigen gemacht: Die wichtigsten Frauenrollen werden von Countertenören gesungen. Regiert Dennis Russell Davies aus dem Graben heraus, so dirigiert Nikolai Petersen das große Orchester oben, die modernistischen Töne mit spätromantischem Wohlklang unterfütternd. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) In dieser Szenerie ein ständiges Kommen und Gehen, aber auch so etwas wie rasanter Stillstand. Die Gruppen werden von der Regisseurin plausibel nach musikalischen Eckpunkten „geordnet“ oder bilden ein musikalisch gestütztes Chaos. Mit der Zeit zeigen sich die drei Schwestern in ihren Verschiedenheiten. Am „weiblichsten“ die charmante Mascha von David DQ Lee. Wie einfrierend in ihrer alternden Verklemmtheit die Olga von Dmitry Egorov. Und verhuscht in rotem Haarschopf Ray Chenez als Irina. Drei gleichermaßen virtuose, dabei plastisch charakterisierende Counterstimmen. Dazu noch die kratzbürstige Natascha (mit besonders stark zurückgedrängter Virilität: Eric Jurenas) und die in stiller Komik zum lang aufgeschossenen Hausmann stilisierte Amme Anfisa von Alfred Reiter. Dem Bruder Andrei ist in der zweiten Sequenz ein hochexpressiver Monolog vorbehalten – der betont jungenhaft aussehende Mikołaj Trąbka absolvierte ihn mit Verve und Durchschlagskraft. (…)

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Die weitere Garde der Funktionsträger aus der russischen Provinz sind mit Mark Milhofer als Doktor, Krešimir Stražanac als Tusenbach, Barnaby Rea als Soljony, Thomas Faulkner als Kulygin und Iain MacNeil als Werschinin vorzüglich besetzt. (…)

Achim Dombrowski, www.opera-online.com


(…) Ausstatter Ashley Martin-Davis lässt das Stück in einer modernen Wohnküche spielen, in der auch ein paar Polstermöbel herumstehen. Zur Linken schließt sich ein Innenhof an, in dem sich ein Sandkasten und Klettergerüste befinden – Erinnerungen an eine glücklichere Kindheit. Die zweite Sequenz nach der Pause zeigt das gleiche Bühnenbild, jedoch an der Mittelachse gespiegelt. Dieser einfache Kniff macht die Änderung der Erzählperspektive auch optisch deutlich. Regisseurin Dorothea Kirschbaum bespielt diesen unspektakulären Raum mit einem darstellerisch hochengagierten Ensemble in traumwandlerischer Sicherheit. Jede Figur wird unaufdringlich, aber prägnant charakterisiert. Aktionen und Interaktionen befinden sich stets im Einklang mit der von der Musik vorgegebenen Erzählstruktur. Der inhärente Humor des Stückes wird dezent ausgespielt, ohne in Slapstick umzukippen. Die tragischen Momente werden ohne Pathos dargeboten und erreichen damit eine stille Eindringlichkeit. Sehr dezent kommen drei kurze Comicfilm-Einblendungen zum Einsatz, die in jeder der drei Sequenzen jeweils die unerfüllten Lebensträume der Protagonisten zeigen.
(…)
Der Oper Frankfurt ist eine mustergültige Aufführung gelungen, die in souveräner Selbstverständlichkeit den Rang dieses herausragenden Beitrags zum zeitgenössischen Musiktheater unterstreicht.
Am Ende nimmt ein glücklicher Komponist gemeinsam mit dem Ensemble den für alle Beteiligten ungeteilten und kräftigen Applaus entgegen.

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) ein sensationeller Neuzugang im Ensemble: der polnische Bariton Mikołaj Trąbka.

Sandra Trauner, Deutsche Presse-Agentur (dpa)


(…) die vor 20 Jahren uraufgeführte Oper ist so unverbraucht stark, dass sie auch gelingen müsste, wenn Frauen Frauen singen. Aber ein Schaden ist es nicht für die Frankfurter Aufführung, die nicht einen Hauch von peinlicher Travestie zulässt und die drei Hauptrollen mit Ray Chenez (Irina), David DQ Lee (Mascha) und Dmitry Egorov (Olga) in stimmlicher und charakterlicher Differenzierung perfekt besetzen kann. Gemeinsam mit Mikołaj Trąbka als Andrei steht ein starkes Geschwister-Quartett auf der Frankfurter Opernbühne, vereint in der Sehnsucht nach der verklärten Vergangenheit, entzweit im individuellen Ringen um eine Zukunft, die hinausführen könnte aus der Ödnis und Enge der Provinz, die im Bühnenbild von Ashley Martin-Davis die Langeweile bildungsbürgerlicher Behaglichkeit meint. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Unter dem Doppeldirigat von Dennis Russell-Davies (Ensemble) und Nikolai Petersen (Hauptorchester) entfalteten sich ungeheuer spannende und emotional aufgeladene Klangwelten. (…)

Andrea Richter, www.faustkultur.de


(…) Die Rockrollen – wenn man das Begriffspendant zur etablierteren Hosenrolle verwenden möchte – gelangen Chenez, Lee und Egorov ohne jeden gekünstelten Affekt. Vielmehr erscheint das Spiel mit dem biologischen Geschlecht die Situation der drei Schwestern auf eine Abstraktionsebene zu heben. Nicht von russischen Frauen um 1900 ist hier die Rede, sondern vom Unglück des postmodernen Menschen überhaupt. (…)

Miriam Zeh, www.bachtrack.com

Ein Rückblick als Beginn: Die Schlussreplik aus Tschechows Drama erheben Peter Eötvös und Claus H. Henneberg zum Prolog ihrer Oper. Die Linearität der Handlung wird durchbrochen und im Musikdrama durch die Folge von drei Sequenzen ersetzt. Diese beleuchten das Geschehen um die vier Geschwister Irina, Mascha, Olga und Andrei, die in der russischen Provinz auf ein erfülltes Leben hoffen, aus drei unterschiedlichen Perspektiven: Im Fokus stehen die Jüngste, Irina, die von zwei Verehrern umworben wird, Andrei, der zwischen seinen Schwestern und seiner Frau Natascha schwankt, und schließlich die mittlere Schwester Mascha, die zwischen ihrem Ehemann Kulygin und dem Offizier Werschinin hin- und hergerissen ist. Am Ende ist alles Abschied — von Menschen und von Sehnsüchten — und es bleibt beim jeweils anders gefärbten »Traum von Moskau«. Denn keiner wagt den Schritt in die aktive Lebensgestaltung, welche die Überwindung der eigenen Unzufriedenheit bedeuten könnte. Durch die Form der episodenhaft abgewandelten Wiederholung pointiert die Oper im Zirkulären das Wesensmerkmal des Tschechow’schen Schauspiels. Und während die Sequenzen von Mal zu Mal kürzer werden, wird die Rotation schneller, spitzt sich der Stillstand weiter zu. Dabei blitzt in dem von Eötvös als »Komödie für Musik« bezeichneten Musiktheater reichlich Ironie auf – etwa im Gekreische Nataschas oder im Geklapper des Löffels in der Teetasse …

Nicht nur die musikalisch-dramaturgische Form, in die das Werk gegossen ist, auch die Besetzung — Irina, Mascha, Olga und Natascha werden von Countertenören gesungen — verleiht dem Drama Abstraktion und damit Allgemeingültigkeit. Von zwei unterschiedlich instrumentierten und positionierten Klangkörpern umschlossen, welche die Dimension des Räumlichen hörbar werden lassen, agieren die durch je ein eigenes Instrument charakterisierten Figuren oder »sprechen« aneinander vorbei – dann, »wenn man nicht mehr singen kann«: Es ergänzen sich ein kleineres Ensemble im Orchestergraben und ein großes, romantisches Orchester auf der Bühne. Nicht zuletzt dadurch entfaltet sich die emotionale Wirkung dieser großen zeitgenössischen Oper.