Spielplan

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The Medium / Satyricon

Gian Carlo Menotti 1911-2007
Bruno Maderna 1920-1973

The Medium

Tragödie in zwei Akten
Text vom Komponisten
Uraufführung am 8. Mai 1946, Brander Matthews Theater, Columbia University, New York

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Satyricon

Oper in einem Akt
Text vom Komponisten nach Satyricon (um 60 n. Chr.) von Petronius
Uraufführung am 16. März 1973, Circustheater, Scheveningen

Mehrsprachig mit deutschen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot

The Medium

Musikalische Leitung Nikolai Petersen
Madame Flora Meredith Arwady
Monica Louise Alder
Mrs. Gobineau Barbara Zechmeister
Mr. Gobineau Dietrich Volle
Mrs. Nolan Kelsey Lauritano

 SATYRICON

Musikalische Leitung Simone Di Felice
Trimalchio Peter Marsh
Fortunata Susanne Gritschneder 
Habinnas Theo Lebow
Scintilla Ambur Braid
Criside Karen Vuong
Eumolpus Mikołai Trąbka

(…) Bei Menottis Einakter hatte Nikolai Petersen die musikalische Leitung. Im Vergleich mit anderen Menotti-Interpretationen war hier eine deutliche Reduzierung des Süßstoff-Anteils im klingenden Post-Puccinismus zu bemerken. (…)
Die Dialektik des Kontakts mit Toten, die das Tote lebendig und das Lebende tot macht, hatte aber anrührende Qualität, was nicht zuletzt an den wunderbaren Darstellern von Madame Flora (Meredith Arwady), Monica (Louise Alder) und Toby (Marek Löcker in stummer Rolle) lag. Phänomenal der Gesang und die Aktion der beiden weiblichen Rollenträger, wobei Meredith Arwady als Furie der geschäftstüchtigen Übersinnlichkeit eine Klasse für sich ist. Allein wegen ihres Auftritts lohnt sich der ganze Abend.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Hans Walter Richters Regie und Nikolai Petersens quicklebendiges Dirigat lassen die Oper kurzweilig Revue passieren. (…)

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) die heranwachsende Monica erlebt selbst die Verwirrung der Gefühle zu dem stummen Toby, den die Mutter aus Europa mitgebracht hat und der in ihr nicht mehr nur die liebevolle ältere Schwester sieht. Eine tolle Partie für den lyrischen Sopran von Louise Alder, die klangschön, einfühlsam und sehr anrührend singt. Der Titel The Medium gehört ihrer Mutter, aber auf sanfte Art ist sie die Spielmacherin.
Arturo Toscanini soll von Menottis Oper so begeistert gewesen sein, dass er sie gleich drei Mal nacheinander besuchte. Es wäre kein Wunder, wenn der eine oder andere Opernfreund in Frankfurt es ihm nachtäte. Denn das kompakte Stück bietet in zwei Akten und einer Stunde alles, weswegen man die Oper liebt: The Medium ist dramaturgisch stringentes, inhaltlich vielschichtiges, intelligent unterhaltendes Musiktheater, in dem Text, Komposition und Szene sehr eng aufeinander bezogen sind. Meredith Arwady ist mit kraftvollem Alt die despotisch strenge Mutter und resolute Spiritistin, die ihr Haus für die Besuche ihrer Kundschaft präpariert hat. Toby (Marek Löcker füllt die stumme Rolle mit starkem Körperspiel) bedient die Seilzüge, die bei der Séance den Tisch wackeln lassen, Monica lässt die Stimmen der Toten seufzen und singen.
(…) Hans Werner Richters Regie gelingt die psychologische Verdichtung, hat Gespür für den menschenfreundlichen Witz, während sie doch die tragische Verstrickung unerbittlich zuzieht. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) In The Medium spürt Dirigent Nikolai Petersen die dramaturgischen Triebkräfte dieser süffigen Musik beispielhaft auf, in Satyricon besitzt sein Kollege Simone Di Felice die nötige Aufmerksamkeit für das Spiel mit wechselnden Tonfällen und geschickten Übergängen; Maderna hat sein Stück in 16 Nummern und fünf Zuspielbändern komponiert, deren Reihenfolge variabel ist.
Nelly Dankers Regie setzt ganz auf die knallbunte, abwechslungsreiche Karikatur, aus der sie Trimalchio als den Manipulator seiner Freunde herausschält. Peter Marsh stattet ihn mit Kraft-Tenor und dem nötigen Zynismus aus, Susanne Gritschneder macht einen Spaß aus der dümmlichen Gattin Fortunata, Theo Lebow nutzt die Gelegenheit der einzigen großen Arie für weiche Tenorklänge. Viel Handlung gibt es nicht, zu Menottis Medium ist Satyricon eine eher leichtgewichtige Zugabe. Aber die Aktionen des gut gelaunten Orchesters lohnen die Aufmerksamkeit bis zum Schluss.

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier


(…) Komplexer liegen die Dinge im zweiten Teil des Abends, in Madernas Satyricon um den Römer Trimalchio (schön exaltiert: Peter Marsh). So schonungslos, wie Petronius in seinem antiken Text über dessen Gastmahl eine dekadente Gesellschaft darstellt, bildet sich das auch in Nelly Dankers Regie ab. Ihr gelingt es dabei, einerseits Madernas enge Orientierung am antiken Text zu wahren und dabei zugleich die Freiheit der Werkanlage prall umzusetzen. Die Phallussymbole kommen vom Fließband, die drei Sklaven des Petronius bringen lasziv ihre ganze Körperlichkeit ein, Sopranistin Ambur Braid (Scintilla) feuert sogar kopfüber ihre ekstatischen Koloraturen ab, und das hier von Simone di Felice geleitete Opern- und Museumsorchester streut Zitate von Verdi, Wagner oder Bizet ein. Am Ende dieses absolut skurrilen Opern-Happenings steht freilich auch hier, ganz ernst, der Tod.

Axel Zibulski, Hanauer Anzeiger


(…) Dass der deutsch-japanischen Regisseurin Nelly Danker mit Madernas Satyricon ein locker leichtes Orgien-Soufflé gelang, ist ihr (…) hoch anzurechnen. Die 1973 komponier­te, lose Szenenfolge aus fünf Ton­bändern und 14 Live-Sequenzen ist beliebig zu variieren. Thema des Petronius-Fragments ist ein dekadentes Fest beim neureichen Auf­steiger Trimalchio, der sich von sei­nen Gästen feiern lässt und seine ei­gene Beerdigung inszeniert.
(…)
Freigeräumt wie ein Laufsteg ist jetzt die Bühne (wieder Kaspar Glarner), die Kostüme von Cornelia Schmidt sind ein einziger glitzern­der, blinkender, unseriöser Gla­mour. Tenor Peter Marsh begeistert als selbstverliebter, von Blähungen heimgesuchter Großkotz, der nicht nur des Genusses, sondern auch der traditionellen Klänge überdrüssig scheint. So besteht sein Auftritt in einer einzigen Zitatensammlung – beginnend bei Wagners verrutsch­ten Walhall-Klängen bis hin zu Aidas Triumphmarsch.
Danker setzt die Orgie durchaus verhalten, mehr lyrisch als handfest um, verweilt bei den als unsingbar geltenden, hier sogar teils kopfüber dargebotenen Sopran-Koloraturen Scintillas (grandios: Ambur Braid), zoomt auf Susanne Gritschneders ordinäre Fortunata und verleiht Karen Vuongs „Ekstase der Liebe“ (Criside) erlösenden Schimmer. Im­merfort tanzen drei Lustsklaven über die Bühne und vergöttern Tri­malchio pflichtschuldigst. Aber auch sie verduften sofort, als er ih­nen die Freiheit schenkt. So ver­bleibt der Gastgeberpfau ganz allei­ne inmitten seines weißen Sarges, denn Freunde kann man sich be­kanntlich nicht kaufen.
Am Pult weiß Simone Di Felice nicht nur Madernas Zitierfreudigkeit und seine Aleatorik perfekt zu justieren, er erstellte auch eine le­bendige, schlüssige Fassung von dessen letzter Oper.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Die Zusammenarbeit von Regie (Nelly Danker) und musikalischer Leitung (Simone Di Felice) scheint in jedem Fall außergewöhnlich gut funktioniert zu haben. Denn es gibt in Madernas Oper keine Handlung im herkömmlichen Sinne und doch erscheint dieser bunte Musik- und Bilderreigen sehr organisch und beinahe übergangslos von einer Szene in die nächste zu gleiten. Das macht sehr viel Spaß anzusehen und ist in jedem Moment kurzweilig, ohne bloß unterhaltend zu sein. Peter Marsh ist ein großartig exaltierter Trimalchio, der seine Frau, die Gäste und Sklaven mit starker Hand und gleichzeitig faszinierender Leichtigkeit zusammenhält. Scintillas Vokalisen (Ambur Braid), gesungen im Akrobatentuch kopfüber von der Decke hängend, sind dabei so beeindruckend wie das homoerotische Sklaven-„Ballett“ im Silbercatsuit spitzfindig und witzig ist. Viel Liebe zum Detail steckt sowohl in der Inszenierung als auch in der musikalischen Performance. (…)

Ulrike Hartung, www.die-deutsche-buehne.de


(…) Eine schwarze Guckkasten­bühne als naturalistisch korrekten, dunklen, klaustrophobisch an­mutenden Salon für Menotti, eine breite, bespielbare Treppe in einem offenem Raum  für Mader­nas Stück. – Die autistische Isolation, die Einsamkeit der Figuren, ihre Kommunikations­unfä­hig­­keit, das Problem mit dem Tod und die Frage nach Diesseits und Jenseits verbindet die Stücke Menottis und Madernas trotz ihrer konträren musikalischen Machart. Ein überzeu­gender Spagat und  ein zum Nachdenken anregender Abend.

Dieter David Scholz, Deutschlandfunk / Musikjournal

Madame Flora inszeniert Séancen, die sie sich gut bezahlen lässt. Ihre tagträumende Tochter Monica und der stumme Waisenjunge Toby, für den Monica liebevolle Gefühle hegt, helfen ihr dabei. Floras Klienten sind fest davon überzeugt, durch sie Kontakt mit verstorbenen Angehörigen aufnehmen zu können. Sie selbst hält wenig vom Übernatürlichen — bis zu dem Tag, an dem sich ihr aus dem Nichts eine kalte Hand um den Hals zu legen scheint. Die verunsicherte Flora macht Toby dafür verantwortlich, und das Unglück nimmt seinen Lauf … Gian Carlo Menottis Begegnung mit einer englischen Baronesse, welche regelmäßig »Kontakt zu ihrer verstorbenen Tochter aufnahm«, hatte den Komponisten so tief erschüttert, dass er das Thema zum Sujet seiner Oper machte. Nachdem sich Arturo Toscanini als großer Fan des Werks entpuppte, gelang Menotti mit The Medium der internationale Durchbruch. Allein in New York wurde das Werk im Jahr 1947 rund 200 Mal gespielt. Kurz darauf kam aus Rom der Auftrag zu einer Verfilmung, die der Theaterenthusiast Menotti selbst realisierte und die bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 1952 ausgezeichnet wurde.Kritische Stimmen bezeichneten die musikalische Sprache Menottis immer wieder als »banal« oder »oberflächlich«. Die immense Popularität des Komponisten sowie seine Verwurzelung in der Tradition schienen ihnen in die Hände zu spielen. Dem hielt Menotti gelassen entgegen: »Die Tonalität mag vielleicht nicht notwendig sein, aber ihre dramatische Funktion ist bisher durch kein äquivalentes Mittel ersetzt worden. Wie die Schriftsteller und Lyriker der Gegenwart bediene ich mich lieber einer ›gesprochenen Sprache‹.«

Wenn Trimalchio zum Diner lädt, dann wird aus dem Vollem geschöpft, als gäbe es kein Morgen. Der ehemalige Sklave, inzwischen auf unlauterem Weg zu Reichtum gelangt, frönt ganz unverschämt Ekstase und Überfluss. Seine Frau Fortunata, ein zügelloses Luxusweib, findet unter den Gästen schnell einen Lustknaben, während der Hausherr seine Unersättlichkeit mitteilsam auskostet. Die große Fresserei mit ihren lebensumarmenden Geschmacklosigkeiten kann jedoch über die Verfallszeit in einer Wohlstandsgesellschaft nicht hinwegtäuschen. Petronius' Romanfragment Satyricon um einen Haufen dekadenter Römer ist ein wahres Kaleidoskop erotischer Freizügigkeit und frivoler Verderbtheit. Nachdem Federico Fellini mit einer schillernd-grotesken Adaption 1969 sein großes Kinocomeback feierte, zog kurz darauf der italienische Avantgarde-Komponist und Dirigent Bruno Maderna nach und kreierte auf Basis der »Cena Trimalchiones« sein letztes Musiktheater. Indem er 16 autonome Nummern und 5 Tapes zusammenstellt, die variabel angeordnet und kombiniert werden können, fordert er die Interpreten auf, eine eigene Form für seine Kammeroper zu entwickeln. Mit der Gegenüberstellung von Szenerien aus dem antiken Rom und der eigenen aktuellen Wirklichkeit intendiert Bruno Maderna einen »politschen Akt«. Der Offenheit und Freiheit des Materials entspricht auf musikalischer Seite der Einsatz von Aleatorik und die immense Vielfalt an Allusionen und Zitaten. Wie der Komponist selbst schmücken sich seine Figuren mit fremden Federn und Sprachen. Zugunsten des theatralen Experiments verabschiedet sich Maderna von der Idee eines fixen Werks und formuliert mit seinem wilden Ritt durch die Musik(theater)geschichte, der auch längst überhörte »Klassiker« nicht verschmäht, einen Kommentar auf die Institution Oper.