Spielplan

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Rinaldo

Georg Friedrich Händel 1685–1759

Dramma per musica in drei Akten
Text von Giacomo Rossi, Szenarium von Aaron Hill
Nach dem Epos La Gerusalemme liberata (1574) von Torquato Tasso
Uraufführung der ersten Fassung am 24. Februar 1711, Queen's Theatre Haymarket, London

Premiere vom 16. September 2017

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot

 

Musikalische Leitung Simone Di Felice
Rinaldo Jakub Józef Orliński
Armida Elizabeth Reiter
Almirena Karen Vuong
Argante Gordon Bintner
Goffredo Julia Dawson
Eustazio Daniel Mirosław

(…) Nach der Xerxes-Wiederaufnahme am vergangenen Wochenende öffnet sich nun im Depot bei Rinaldo zum zweiten Mal in dem noch kurzen Jahr ein wahres Füllhorn an musikalischen Einfällen und melodiöser Schönheit. Man weiß als Zuhörer fast gar nicht, wo man zuerst hinhören soll! Sind es nun die zarten Streicher oder die sehr sensibel auftretenden Holzbläser oder aber die mit viel Bedacht und Stilgefühl inspirierten Sänger? Es ist wahrscheinlich ein glücklicher Mix von allem, der die Rinaldo-Wiederaufnahme knapp eineinhalb Jahre nach der Premiere beim Publikum am Ende zu einem wahren Triumph werden ließ. (…)

Matthias Gerhart, Frankfurter Neue Presse


(…) Wie auch bei Xerxes, der weiteren Wiederaufnahme in diesem unerklärten kleinen Händel-Festival, ist es vor allem ein Ausnahmekünstler, dem die Produktion auf den Leib geschneidert ist. Am großen Haus ist dies der Dirigent Constantinos Carydis, hier im Bockenheimer Depot der Countertenor Jakub Józef Orliński.
Bei der Vorstellung des Spielplans hatte Intendant Bernd Loebe ihn väterlich „unseren Jakub Orliński“ genannt und stolz verkündet, dass dieser neben der Wiederaufnahme auch für den Premierenzyklus von Händels Rodelinda im Mai neben der Countertenor-Legende Andreas Scholl gebucht ist. Die aktuelle Produktion jedenfalls wäre ohne Orliński in der Titelrolle kaum denkbar. Das Regieteam hat nämlich die Doppelbegabung des jungen Ausnahmekünstlers wirkungsvoll eingesetzt: Er ist nicht nur Sänger, sondern professioneller Breakdancer. Schon zur Ouvertüre präsentiert er mit einem weiteren Tänzer einen sehenswerten Schwertkampf in ausgefeilter Choreographie und mit akrobatischen Stunt-Effekten. Immer wieder gibt es im weiteren Verlauf der Handlung solche Momente von Artistik, die aber niemals aufgesetzt wirken. Stimmlich präsentiert der junge Sänger sich erneut mit klarer, gut geführter Counterstimme, die in zurückgenommen Momenten zu berühren und bei Koloraturfeuerwerken in atemberaubendem Tempo zu beeindrucken weiß.
Musikalisch ist die Produktion dem Premierenzyklus ansonsten sogar um einige Nuancen überlegen. Elisabeth Reiters farbiges und vielschichtiges Porträt der Zauberin Armida als der großen Gegenspielerin des Titelhelden präsentiert sich nun noch ausgereifter und noch differenzierter. Die Stimme ist voller und reicher geworden, hat aber ihre Geläufigkeit bei den Koloraturen nicht eingebüßt. Auch Karen Vuong (Almirena) kann ihre gute Leistung aus dem Premierenzyklus wiederholen. Verdienten Szenenapplaus erhält sie nach dem Wunschkonzert-Schlager „Lascia ch’io pianga“, den sie wieder mit ergreifender Innerlichkeit beginnt, schweben läßt und dann im Wiederholungsteil stilsicher und geschmackvoll ausziert. Julia Dawson überzeugt erneut in der Hosenrolle des Königs Goffredo, der absichtsvoll skurril als Karikatur eines Tattergreises dargestellt wird. Bei ihr wird besonders ohrenfällig, wie eine Stimme in kurzer Zeit reifen kann. Wo sie im Premierenzyklus noch ein wenig zu leichtgewichtig und hell wirkte, ist nun mehr Volumen und Fülle zu hören. Neu besetzt ist Gordon Bintner als Argante, der mit seinem saftigen Bariton die seinerzeitige (gute) Premierenbesetzung stimmlich übertrifft.
(…)
Abgerundet wird dieser erneut außerordentlich geglückte Abend durch die hohen Qualitäten des Orchesters. In bewährter Weise wurden Stammkräfte um Spezialisten für Alte Musik ergänzt. Auf dem Fundament vibratolos und intonationssicher spielender Streicher und einer ebenso konzentrierten wie flexiblen Continuogruppe brillieren charakteristisch gefärbte Holzbläser und knackige Naturtrompeten. Wie schon im Premierenzyklus führt der hauseigene Kapellmeister Simone di Felice, der sich zum Experten für Alte Musik gemausert hat, die hochmotivierten Musiker sicher durch die abwechslungsreiche Partitur.

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Mehr als 300 Jahre nach Rinaldos Uraufführung verliert die Oper nichts an ihrer Aktualität und Regisseur Ted Huffman greift mit seiner Inszenierung die zentralen Themen von Liebe, Hass und Vergebung gekonnt auf und schafft zwischen Märchenwelt und Zauberwald einen willkommenen Eskapismus, in den man sich nur zu gern hineinbegibt, um Händels zeitlos schöner und berührender Musik zu lauschen.

Alexandra Richter, www.bachtrack.com



Die fein ausbalancierte Stimme schwingt sich auf, springt, verweilt, schlägt Kapriolen, schwillt an, balanciert, überschlägt sich. Und der wohlproportionierte Körper ebenso, hat Kraft und Energie, rennt geschmeidig, schlägt sich mit dem Schwert, verharrt, posiert, stellt sich aus krümmt sich, hechtet, rollt ab. Ganz natürlich. Das doppelte Paket! Als wäre es nicht schon eine Vokalsache für sich, in der Titelpartie von Rinaldo vier der berühmtesten, alle (neben weiteren) in einer Rolle vereinten Arien Georg Friedrich Händels zu singen. Erst die beiden lyrischen, unmittelbar aufeinander folgenden Ruhepunkte, „Cara sposa“ und „Cor ingrato“, am Ende des ersten Aktes das siegesgewisse „Venti, turbini, prestate“ und kurz vor dem Finale, das von vierfachen Trompeten umschallte, machohaft koloraturgurgelnde „Or la tromba“. Doch der gerade zu Ruhm kommende polnische Countertenor Jakub Józef Orliński bewältigt nicht nur dieses Ausdrucksspektrum so vorbildlich wie individuell, mit schönsten, gut gestützten Piani und nie gellenden Spitzen. Die Stimme ist rund, ausgeglichen, dunkel, aber klar, er phrasiert und atmet fein, gestaltet mit eigenwilliger, nie auf das pure Virtuose setzenden Sensibilität, stellt sich aus und bleibt doch in der Rolle. So wie er auch, bleichgeschminkt in schmutzigweißem Renaissancewams oder ohne, barfuß die völlig leere Bühne im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Oper Franfurt beherrscht. Eine der für die Oper geboren scheint, sicher, ausstrahlungsstark, geschmeidig sich streckend, beweglich wie eine Wildkatze, immer auf dem Sprung tänzelnd und mit den Muskeln spielend. Michelangelo oder Leonardo da Vinci hätten den allzu gern Modell stehen lassen. Der Sänger, der eben auch ein Vorleben als Breakdancer hat, er ist der hier ideal eingesetzte, dabei stille Star dieser schönen, eigenwilligen Händel-Wiederaufnahme, für den Kampf Tanz und Tanz Gesang ist. (…)

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de

 

Fabelhafte Wesen schleichen wie Rauch durch den Raum. Tapfere Krieger suchen nach festem Boden unter den Füßen. Rinaldos Schritte in die Schlacht sind zögerlich, die Liebe hält ihn zurück und stellt seine Aufgabe in Frage. In einem Zauberreich widersteht er den Verlockungen und stürzt die Amazone Armida in tiefe Verzweiflung. Von Abenteuern und Liebesverwirrung weiß Georg Friedrich Händels Oper zu erzählen, von tiefer Trauer und süßester Verzückung zu singen. Arien wie »Lascia ch’io pianga«, »Cara sposa« und »Ah, crudel« zählen zu den ergreifendsten Gefühlsporträts aus der Feder des Hallenser Komponisten, eingebettet in eine farbenreiche Instrumentierung und kontrastreiche Dramaturgie. Die bei Händel angelegte szenische Fülle mit lebendigen Vögeln, fliegenden Karossen, feuerspeienden Drachen und rauschenden Wasserfällen verspricht barockes Spektakel par excellence. Ted Huffman »zaubert« in seiner gefeierten Inszenierung jedoch beinah aus dem Nichts und erweckt mit einer durchdachten Personenführung sowie sparsamen Theatermitteln die magische Geschichte zum Leben. Auf einer leeren Schräge formen die Körper der SängerInnen und TänzerInnen die Architektur des Raumes. Der Choreograf Adam Weinert integriert Elemente barocker Tanznotationen in das zeitgenössische Bewegungsvokabular und macht die emotionale Kraft von Händels Musik physisch erfahrbar.