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Otello

Gioachino Rossini 1792-1868

Dramma per musica in drei Akten.
Text von Francesco Maria Berio nach Jean François Ducis und Giovanni Carlo Cosenza, basierend auf William Shakespeare.
Uraufführung am 4. Dezember 1816, Teatro del Fondo, Neapel.
Übernahme einer Produktion des Theater an der Wien, Premiere 19. Februar 2016.

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Sesto Quatrini

Otello Enea Scala
Desdemona Nino Machaidze (8., 12., 21., 29.9.) / Karolina Makuła° (03., 12., 20.10.)
Jago Theo Lebow
Rodrigo Jack Swanson
Elmiro Thomas Faulkner
Emilia Kelsey Lauritano°
Doge Hans-Jurgen Lazar
Lucio / Ein Gondoliere Michael Petruccelli°

°Mitglied des Opernstudios

(…) Die Geschichte des Mohren von Venedig lässt Damiano Michieletto in der Gegenwart ankommen, ohne den Kern der Handlung aus dem Auge zu verlieren. (…)

Nikolaus Schmidt, Badische Neueste Nachrichten


(…) Im Mittelpunkt der Inszenierung von Damiano Michieletto steht weniger das Eifersuchtsdrama als vielmehr die Angst der etablierten Gesellschaft vor dem Eindringen des Fremden. Michielettos Otello ist ein Feldherr unserer Zeit: ein arabischer Geschäftsmann, der sich nicht im Krieg, sondern im Finanzkampf bewährt und nach Venedig mit vielversprechenden Aufträgen in seiner Aktentasche, die das Schwert als Attribut ersetzt hat, kommt. Dementsprechend findet die Handlung in einem schicken Palazzo statt, den Paolo Fantin als Bühnenbild entworfen hat, und die Figuren tragen allesamt heutige Businessanzüge (Kostüme: Carla Teti).
Aber in dieser glitzernden Welt wird Otello von der ersten Szene an mit Misstrauen beäugt. Und als er als Gastgeschenk Desdemona einen Schal bringt und ihn ihr zum Kopftuch anlegt, schreckt die gesittete Gesellschaft auf. Von da an dreht sich die Spirale des Unglücks, bis die beiden Liebenden, von Jago und Emilia mit teuflischer Energie manipuliert, tot sind.
Die Inszenierung macht sichtbar, dass der Fremde als Geschäftspartner geduldet, aber als Mitglied der Gesellschaft abgelehnt wird. Auch deshalb macht Michieletto seinen Otello zum Sympathieträger und führt die Selbstgefälligkeit einer profitgierigen, patriarchalisch verkrusteten Oberschicht vor. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die beiden Liebenden Opfer des Familien- und Gesellschaftsgeflechts werden.
Das Patriarchat wird durch geradezu brutalen Übergriffe, mit denen der Vater sich seine Tochter hörig machen will, verdeutlicht und durch das große Gemälde, das an der Rückwand hängt: Der Tod von Paolo und Francesca von Gaetano Previati (1887) weist auf eine der berühmtesten Liebesgeschichten der italienischen Literatur hin, die Dante im 5. Gesang des Inferno erzählt und in der es auch um eine von ihrem Vater verheiratete Tochter geht, die schließlich ihre richtige Liebe findet und Ehebruch begeht – und zusammen mit dem Geliebten in der Hölle landet. (…)

Stefana Sabin, www.faustkultur.de


(…) Der größte Trumpf der Unternehmung ist der junge, geradezu schockierend jung aussehende Amerikaner Jack Swanson als Rodrigo, der eine noch anstrengendere, insgesamt noch höher liegende Partie hat als der Titelheld. Die Gefahr, dass aus dem Gesang doch ein Geplärr oder eine Zirkusnummer würde, wäre bei ihm am größten, Swanson aber lässt es so leicht und drucklos wirken, dass er als glückloser Liebhaber in spe sogar noch einen geschmackvollen Kontrast zum etwas dunkler timbrierten, kraftvolleren, sozusagen männlicheren Otello (und Desdemona-Eroberers) des Italieners Enea Scala bieten kann. Beide nachher umjubelte Frankfurt-Debütanten werden flankiert von einem Ensemblemitglied, Theo Lebow als Jago, der nicht nur stimmlich blendend mithält, sondern auch mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung aufwartet. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Musikalisch bewegt sich der Abend auf hohem Niveau. Nino Machaidze, die die Partie der Desdemona bereits in Wien mit großem Erfolg verkörpert hat, ist kurzfristig für die erkrankte Karolina Makuła eingesprungen und begeistert mit sattem Sopran und strahlenden Höhen. Ein Höhepunkt stellt ihr gefühlvolles Lied von der Weide im dritten Akt dar, das mit dem betörenden Klang der Harfe unter die Haut geht. In den Duetten mit Otello und Rodrigo glänzt sie durch große Dramatik. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Qualitativ sehr gut besetzt ebenso die kleineren Partien: Kelsey Lauritano (Emilia) mit warmen Mezzotönen, Thomas Faulkner, die einzige dunkle Stimme des Abends, verhalf mit wohlklingendem Bassbariton dem gestressten Vater zweier Töchter Elmiro Barberigo zu Autorität, Hans-Jürgen Lazar (Doge) und Michael Petruccelli (Lucio), wiederum zwei Tenöre, bereicherten ebenso die  temporeichen Ensemble-Szenen. (…)

Gerhard Hoffmann, www.der-neue-merker.eu


(…) Mit welcher Delikatesse der Gastdirigent Sesto Quatrini die Holzbläser des flexiblen Opernorchesters perlen lässt und den leichten Rossini-Ton trifft, ist von hohem Erlebniswert. (…)

Volker Milch, Allgemeine Zeitung Mainz


(…) Michieletto nutzt die bildhaft inszenierte Körpersprache im Einklang mit der Musik, um Charaktere wie Situationen deutlich hervorzukehren. Jago ist ein psychotischer Intrigant, Emilia eine hinterlistige Schwester, Rodrigo der Inbegriff des wohlerzogenen, aber charakterschwachen Vorzeige-Söhnchens mit Doppelleben, der Doge ein Pate, Emilio der mit Geld in die feine Gesellschaft Aufgestiegene.
(…)
Gastdirigent Sesto Quatrini am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters garantierte Zuverlässigkeit, bändigte in den heiklen virtuosen Passagen die Tempi dezent zugunsten der Klarheit und war im Augenblick klanglicher Pracht immer auf den idealen Ausgleich mit den Stimmen bedacht. Wunderbar gelangen die einzelnen Soli von Oboe, Horn und Harfe, kleine Minikonzerte, und jene verhältnismäßig umfassenden reinen Orchesterpassagen, die Rossini einstreute, um das Atmosphärische im Augenblick wirken zu lassen. Der Chor der Oper Frankfurt agierte stimmlich souverän und mimte überzeugend die wenig sympathische Gesellschaft. So erlebte das Publikum einen in der Gesamtheit gesehen packenden und musikdramatisch hochspannenden Rossini’schen Otello.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Für die drei anspruchsvollen männlichen Hauptrollen müssen Tenöre gefunden werden, zu denen sich noch zwei kleinere Tenorpartien gesellen. Bei den Herren sorgt nur ein Bass, Desdemonas böser Papa Elmiro, für ein tieferes Kontrastprogramm.
(…)
Frankfurts Oper, wo man bekanntlich ein Händchen für Raritäten wie für Stimmen hat, nimmt auch diese Hürde: Der italienische Tenor Enea Scala verbindet in der Titelpartie Durchsetzungskraft mit Beweglichkeit, während Ensemblemitglied Theo Lebow eine an Jack Nicholson erinnernde Charakterstudie des intriganten Bösewichts Jago beisteuert und der amerikanische Tenor Jack Swanson das Publikum als in extremer Höhenlage virtuoser Rodrigo begeistert. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Michieletto hat gründlich nachgedacht über Rossinis Otello. Sein Titelheld ist ein arabischer Businessman unserer Tage, den Liebe und Geschäft nach Venedig verschlagen haben. Schon zur Ouvertüre lässt der Regisseur im gediegenen venezianischen Salon, der sich schnell auf Zimmergröße verkleinern lässt (Ausstattung: Paolo Fantin), sein Personal paradieren, dessen Körpersprache Konflikte aufzeigt. (…)

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Die drei Frankfurter Tenöre spielen und singen grandios und liefern ein Feuerwerk an Koloraturen und Spitzentönen ab. Der hyperaktive Jago ist beim stimmlich agilen Theo Lebow in besten Händen. Enea Scala ist ein metallisch geschärfter Otello, mit leicht dunkel timbrierter Stimme, exorbitanter Höhe und kraftvollem Ausdruck. Die tenorale Krone aber gebührt dem blutjungen Jack Swanson als Rodrigo, der gestochene Koloraturen singt, die Spitzentöne schier mühelos meistert und dazu noch über einen betörenden Schmelz verfügt.
Doch ist Rossini nicht nur Spektakel. Die ergreifendsten Momente liegen in den Ensembles, wo sich die Musik ausschwingen kann, oder im Weidenlied Desdemonas, das Nino Machaidze berührend singt. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt Rossini so virtuos trocken und spritzig, als hätte es nie etwas anderes getan. Und Sesto Quatrini dirigiert mit unglaublicher Präzision, gleichwohl immer federnd und biegsam. Davon wollen wir mehr.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Der Otello von Gioachino Ros­sini setzt in der Regie von Damiano Michieletto auf psychologische Be­ziehungen. Um die venezianischen Figuren ein wenig näher zusam­menzurücken, wird aus Emilia die Schwester der Desdemona, und Jago hat plötzlich einen Cousin: Rodrigo. Das Einheitsbühnenbild von Paolo Fantin zeigt in den drei Ak­ten ein Marmorzimmer mit ange­schlossenem Marmorsaal (…).
Otello ist bei seiner Rückkehr nicht der siegreiche Feldherr afrika­nischer Abstammung, sondern ein Muslim. Ein erfolgreicher Ge­schäftsmann mit Vollbart, Turban und gut gefülltem schwarzen Ak­tenkoffer. Gleichwohl singt er nach wie vor davon, die Angreifer be­siegt zu haben. Otello geht in sei­nem Business über Leichen. Alle feiern ihn vordergründig. Die Her­ren tragen dunkle Anzüge, die Da­men zeigen ihre Roben (Kostüme: Carla Teti). Und so wirkt die Misch­poke auf der Bühne wie ein italieni­sches Dallas, nur die schlichtende Miss Ellie fehlt, weshalb das Ganze tragisch endet.
(…)
Regisseur Michieletto sieht seine Arbeit als Drama über die Angst vor dem Fremden. Bei seinem Re­giedebüt am Main in der vergange­nen Spielzeit mit Franz Schrekers Der ferne Klang versetzte er die Handlung in ein Seniorenwohn­heim. Dazu passt im Otello das großformatige Gemälde von Gaetano Previati, das den Tod zweier Liebender zeigt. Die beiden schreiten, fleischgeworden, mehrmals stumm über die Bühne und reichen ein Schwert als mögliches Mordwerk­zeug. Sie verdeutlichen: Dieser ara­bische Hengst hat in der veneziani­schen Oberschicht keine Zukunft. Sobald er den Einheimischen zu nahe kommt, beginnt die Ausgren­zung. Als Otello seiner Desdemona eine schwarze Stola ums Haupt legt und sie zum „Kopftuchmädchen" machen will, geht tatsächlich ein Raunen durchs ausverkaufte Haus. (…)

Manfred Merz, Frankfurter Neue Presse


(…) Gleich fünf Tenöre wetteifern in höchsten Tönen in Rossinis Otello, der jetzt an der Oper Frankfurt für Furore sorgt. Denn die Inszenierung von Damiano Michieletto, vom Theater an der Wien übernommen, schickt den Shakespeare-Tragöden und seine Widersacher auf Sigmund Freuds Psycho-Couch und sorgt so für Dauerspannung im weidlich bekannten Eifersuchtsdrama. Zumal Rossinis feinnervige Musik beim römischen Gastdirigenten Sesto Quatrini in besten Händen ist.
(…) Ein Fest fürs rasant, aber immer präzise aufdrehende Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das dramatisch zu verdichten versteht, wenn die Tragödie hochkocht. Dazu verlustiert sich der dynamisch zielstrebige Frankfurter Opernchor (Tilman Michael) als glamouröse Feiergesellschaft. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Otello ist in Michielettos Lesart kein „Mohr“, sondern als arabischer Geschäftsmann ein Außenseiter, der trotz seiner Erfolge (im Ölhandel?) in der besseren Gesellschaft auf erheblichen Widerstand stößt. Das wird besonders deutlich, wenn der energische Araber – aktuelle Debatten lassen grüßen – seiner Desdemona mit einem schwarzen Kopftuch ein Geschenk macht, das auch Besitzanspruch markiert.
Desdemona, der die georgische Sopranistin Nino Machaidze vokale und szenische Intensität vermittelt, zeigt eher Bereitschaft, solchem Anspruch nachzugeben, als ihr Vater Emilio. Diesen gibt Thomas Faulkner als machtkalten Firmenchef, der den blassen Otello-Rivalen Rodrigo bevorzugt. Der Dogen-Sohn, den der Vater (Hans-Jürgen Lazar) im Rollstuhl mit deutlichem Mißvergnügen beobachtet, ist aber wohl eher Jago als dem weiblichen Geschlecht zugeneigt.
(…) Emilia, Desdemonas Vertraute, wird in Michielettos Inszenierung zum kleinen Schwesterchen mit Luder- Qualitäten. Opernstudio- Mitglied Kelsey Lauritano macht diese Emilia zum funkelnden, das Kleidchen schwingenden Mezzo-Miststück, das am Ende triumphiert: Sie bekommt ihren Rodrigo.

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) Fazit: Spannend, intelligent, fantastische Sänger*innen = HINGEHEN!!!

Kaspar Sannemann, www.oper-aktuell.info

Diesmal ist alles anders: Desdemona hat Krach mit ihrem Vater, Otello singt Koloraturen und Jago intrigiert mit Tenorstimme.

Auf der Höhe seiner Karriere wandte sich Rossini der Figur des Mohren von Venedig zu, der nur selten mit seiner Oper, viel mehr mit Shakespeares Drama oder mit Verdis Vertonung in Verbindung gebracht wird. Befreit man sich von der Erwartung, eine möglichst nah am elisabethanischen Dichter komponierte Oper zu erleben, zeigt sich ein inspiriertes Musikdrama mit überraschenden Akzenten, das nicht weniger spannungsgeladen als die berühmte Vorlage ist. Shakespeares Werke erfreuten sich Anfang des 19. Jahrhunderts zwar großer Beliebtheit, wurden aber in verschiedenen Bearbeitungen gespielt. Auch Rossinis Fassung weicht deutlich von der Vorlage ab. Rossinis Interesse galt weniger der Eifersucht des Titelhelden als dem Konflikt zwischen Desdemona und ihrem Vater. Aus theaterpraktischen Gründen musste er Partien für drei herausragende Tenöre schaffen, weshalb die Rolle des Rodrigo stark aufgewertet und auch Jago einer hohen Stimme anvertraut wurde. Diese Akzentverschiebungen greift der Regisseur Damiano Michieletto auf und deutet Rossinis Otello-Vertonung als Drama über die Angst vor dem Fremden. Er positionierte den Titelhelden als Araber, als einen Angehörigen eines neureichen Golfstaats, der im Westen erst umworben, später aber verachtet wird. Dieser Otello kommt zunächst in der venezianischen Oberschicht an und wird so lange willkommen geheißen, wie er zum wirtschaftlichen Aufschwung beiträgt. Als er sich familiären Strukturen annähert, beginnen Verachtung und Ausgrenzung.

Mit freundlicher Unterstützung