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Lost Highway

Olga Neuwirth *1968

Libretto von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth nach dem Drehbuch zum Film Lost Highway (1997) von David Lynch und Barry Gifford
Uraufführung am 31. Oktober 2003, Helmut-List-Halle, Graz

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot

Musikalische Leitung Karsten Januschke
Pete John Brancy
Fred Jeff Burrell
Renee / Alice Elizabeth Reiter
Mr. Eddy / Dick Laurent David Moss
Mystery Man Rupert Enticknap
Andy / Wärter / Arnie Samuel Levine
Mutter von Pete Juanita Lascarro
Vater von Pete Jörg Schäfer 
Ed / Detective Hank Nicholas Bruder 
Al / Detective Lou / Gefängnisdirektor Jim Phetterplace jr.
Arzt / Der Mann Jeff Hallman

Zum ersten Mal ist in Deutschland die multimediale Oper Lost Highway von Olga Neuwirth zu sehen. Die Premiere am Mittwoch im Bockenheimer Depot in Frankfurt war ein irrer Trip durch alle Genres: Die Sänger-Schauspieler wurden unter anderem via Greenscreen in Animationen und Filmszenen eingeblendet.
(…)
Das 2003 in Graz uraufgeführte Werk der 1968 geborenen Österreicherin basiert auf dem gleichnamigen Film von David Lynch. Das Libretto für die Opernversion verfasste Neuwirth zusammen mit der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Regie führte der Amerikaner Yuval Sharon, ein weltweit gefragter Spezialist für medienübergreifende Arbeiten.
Seine Frankfurter Version von Lost Highway ist modernes Musiktheater, das mit der gängigen Vorstellung von Oper kaum etwas zu tun hat (…). Eine surreale Krimihandlung. Klänge, neu und nervenzehrend wie Filmmusik. Bis Ende September gibt es fünf weitere Aufführungen.

Sandra Trauner, Deutsche Presse-Agentur (dpa)


(…) [Yuval] Sharon ist zufällig momentan auch der heißeste junge Opernregisseur in Deutschland (…)

Mark Swed, Los Angeles Times (Übersetzung: Oper Frankfurt)


(…) Der Regisseur Yuval Sharon eilte umweglos von seiner Bayreuther Lohengrin-Inszenierung zur Frankfurter Aufgabe, in der er sich weit mehr zu Hause fühlte. Es entstand eine durchdachte, in jedem Detail überzeugende Aufführung! Klarer hätte man eine scheinbar verzweifelt wirre, zumindest sehr komplexe Story nicht präsentieren können. (…)
Originell diesmal die Präsenz des für den Instrumentalpart verantwortlichen Ensemble Modern. Es versteckt sich hinter der Bühnenwand, wird aber phasenweise auf der Projektionsfläche sichtbar gemacht. Den gesamten Ablauf muss man als ein Wunder an Präzision bezeichnen. Selbstverständlich sind Qualität und Prägnanz des Orchesteranteils unter der engagierten Leitung von Karsten Januschke untadelig. Wie das alles mit dem live-elektronischen Sounddesign (Markus Noistering, Gilbert Nouno, Norbert Ommer) und den minuziös arrangierten Bühnenbild-, Video- und Lichteffekten abgestimmt ist (Jason A. Thompson, Kaitlyn Pietras), musste geradezu als mirakulös wahrgenommen werden.
Im nahtlosen Zusammenspiel von Manpower und Technik, in der spielerischen Lust am Umgang mit allen Facetten narrativ-theatralischer (Un-)Wirklichkeit war dieser Abend ein Manifest des aktuell lebendigen Musiktheaters. (…)

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Ein spektakuläres Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton, aus (Über-)Blendung und Bewegung haben Jason H. Thompson und Kaitlyn Pietras da für Sharons psychologisierende Tiefenbohrung entfesselt. Ein Kunstwerk, das über 90 Minuten den Blick des Zuschauers in sich einsaugt wie eine Windhose. Und seien wir ehrlich: Diesem Strudel des verirrten Sinnes entkommt man leichten Herzens nicht, weil er wirkt wie eine (synthetische) Droge – und weil er, einem LSD-Trip vergleichbar, Bilder kreiert, die aus dem Teufelskreis jener Wunsch- (oder Wahn-)Vorstellungen stammen, die, bei Dunkel betrachtet, vermutlich in jedem von uns wohnen.
Lost Highway in Frankfurt, das ist Musikfilmtheater (Filmmusiktheater? Theaterfilmmusik?) der Grausamkeit, der Insinuation und Manipulation. Mit Darstellern, die sich mit choreografischer Präzision in ihre Rollen einfinden, sie sich geradezu einverleiben. (…)

Jürgen Otten, Opernwelt


(…) Es dauert eine ganze Weile, bis alle Raffinessen der komplizierten Bühne wirksam durchschaut sind. Während Schauspieler Jeff Burrell als Fred unten im Green Screen live agiert, setzen die Video-Spezialisten Jason H. Thompson und Kaitlyn Pietras ihn im oberen Teil in mysteriöse, extrem künstlich flirrende Film-Sets. Unten glaubt Fred, autonom zu handeln, in Wirklichkeit wird sein Leben manipuliert.
Das Ergebnis: Alle seine Beziehungen wirken entfremdet, vor allem die zu seiner Frau, von Elizabeth Reiter als düstere Reinkarnation einer kühlen Hitchcock-Lady gesungen und gesprochen. Sie agiert in ihrer Zwillingsrolle als Renee / Alice ebenfalls in einem Green Screen, ebenso wie das hervorragende Ensemble Modern. Nur selten zeigt eine Live-Kamera das Orchester hinter einem feinen Gaze-Vorhang aus der Vogelperspektive.
Als sich Fred in der Gefängniszelle in Pete verwandelt, wandelt sich die Oper komplett in einen live gedrehten Film. Und der formt sich immer stärker zur undurchsichtigen Struktur aus vorgefertigtem Bühnenbild, sprechenden Sängern und singenden Schauspielern. Auf diese überzeugende Weise findet Yuval Sharon eine adäquate künstlerische Übersetzung für die zunehmenden Avatar-Erfahrungen unserer digitalen Zeit.
(…)
Wer Yuval Sharons flirrend-erratischen Klang-Film-Raum noch nicht gesehen hat, muss sich sputen. Die weiteren fünf Termine bis zum 23.September sind nahezu ausverkauft.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Auch dem Darstellerensemble glückt die virtuose Gratwanderung zwischen Film, Computeranimation und Musiktheater auf grandiose Weise. Nicht nur der Schauspieler Jeff Burrell als Fred verleiht seiner Partie rasiermesserscharfe Konturen.
Auch die Sopranistin Elizabeth Reiter, die als Renee und Alice erotische Coolness mit glutvollen Gesangsausbrüchen verbindet, sowie der Vokalkünstler David Moss als brutal aufbrausender Mr. Eddy und der Bariton John Brancy als stimmstrotzender Mechaniker Pete erreichen – nicht zuletzt dank Yuval Sharons perfektionistischer Personenregie – eine Leinwandpräsenz, die bei jedem noch so strengen Casting überzeugt hätte.

Silvia Adler, Darmstädter Echo

(…) Dass die Darsteller den Zuschauer derart beeindrucken, liegt auch an den charakteristisch-fantasievollen Kostümen, die Doey Lüthi ihnen hat schneidern lassen. Vor allem aber an Yuval Sharon, der mit ihnen so genau gearbeitet hat. Und an dessen Video-Partnern Jason H. Thompson und Kaitlyn Pietras, die mit Sharon das raffinierte Bühnenkonzept ausgetüftelt und so brillant realisiert haben. Sobald Fred in der Zelle sitzt, verschwindet die grüne Wand und hinter Gittern sitzt nun auf der oberen Ebene Pete – es dauert einige Zeit, bis der Zuschauer begreift, dass da oben zwischen und hinter Videoprojektionen nun reale Darsteller handeln. Und es dämmert ihm, dass das Video im ersten Teil ebenfalls live, nur eben versteckt, aufgenommen war. Auch die Musiker des Ensemble Modern tauchen immer mal wieder auf der Gaze auf, dazwischen die typischen Schlieren vom Vor- und Rückspulen oder Farbverläufe wie einst in Kubricks 2001, dem das Frankfurter Filmmuseum gerade eine Rückschau widmet.
Jene Odyssee im Weltraum hatte ja auch dadurch eine so große Wirkungsmacht, weil sie realistisch tat, aber ganz unwahrscheinliche Vorgänge zeigte – dies war der erste große Science-fiction- und Fantasyfilm. Und wie 2001 vor 50 Jahren etwas zeigte, das absolut auf der Höhe der Zeit war, so vermittelte auch der Frankfurter Abend mit Lost Highway den Eindruck, hier seien Musik und Theater absolut im Hier und Jetzt und auf der Höhe der Kunst angelangt. Das kann man von Opernproduktionen nicht häufig sagen. Der Zuschauer war einerseits enthusiasmiert von einem außergewöhnlichen Kunstereignis, andererseits ging er aber auch beunruhigt nach Hause, weil die Bedrohung der Gesellschaft durch die Spaltung der Wahrnehmung ihn spätestens bei der nächsten Nachrichtensendung wieder einholen würde.

Bernd Feuchtner, www.klassikinfo.de


Ein multimediales Musiktheater mit psychologischem Tiefgang. Eine Inszenierung, die in Atem hält: Die Premiere von Olga Neuwirths Lost Highway nach dem gleichnamigen David-Lynch-Film in der Regie von Yuval Sharon war im Bockenheimer Depot ein voller Erfolg. (…)

Stefan Michalzik, Offenbach-Post

"Dick Laurent is dead". Über die Sprechanlage seines Hauses vernimmt der Jazzmusiker Fred diesen Satz, und es öffnet sich das Tor zu einem parallelen Universum. Auf einer Party behauptet ein mysteriöser Mann zur selben Zeit auch in Freds Schlafzimmer anwesend zu sein. Kurz darauf findet der sich blutverschmiert über die zerstückelte Leiche seiner Frau gebeugt dort wieder. In irreal verschobenen Situationen gerät Freds Wahrnehmung aus den Fugen. Aus Verwirrung wird schließlich Verwandlung, als statt Fred plötzlich der junge Mechaniker Pete in der Gefängniszelle sitzt. Wo verläuft die Grenze zwischen Täuschung und Realität? Lost Highway ist ein dunkles Labyrinth, ein Netz aus Wegen, die scheinbar ins Nichts führen. Ein Rätsel, das vermutlich unlösbar ist.

Basierend auf David Lynchs Kinofilm, einer faszinierenden Verbindung aus Psychothriller, Horror und Film noir, hat die österreichische Komponistin Olga Neuwirth gemeinsam mit Elfriede Jelinek 2003 ihr gleichnamiges Musiktheater vorgelegt. Entlang des Drehbuchs dieser "Fallstudie eines Menschen, der mit seinem Schicksal nicht fertig wird" (Barry Gifford), führt eine überaus ambitionierte Erzähltechnik jede vermeintliche Linearität der Handlung permanent in Sackgassen. Die Szenen wechseln fieberhaft: Zeit und Raum sind instabil wie Identitäten und Klangwelten. Neuwirths Partitur ist die höchst komplexe Notation eines intermedialen Geflechts: Überblendungen sich verändernder Tonräume, eine aufwändige Liveelektronik sowie der multiple Gebrauch von vokalen Ausdrucksmöglichkeiten wird in der Textur bereits mit der visuellen Dimension konfrontiert. Die Integration von Video lässt die fiktionalisierte Realität verstärkt ins Virtuelle kippen — ein Zustand, der eine Bedrohlichkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins erzeugt, sowohl für den Protagonisten als auch für das Publikum. Die Spannung zwischen einer extremen Künstlichkeit auf der einen und einem Hyperrealismus auf der anderen Seite spiegelt auf beängstigende Weise eine Lebenswirklichkeit, deren Abzweigung wir schon längst eingeschlagen haben.