Spielplan

zur Übersicht

Lady Macbeth von Mzensk

Dmitri D. Schostakowitsch 1906-1975

Oper in vier Akten / UA 1934
Text von Dmitri D. Schostakowitsch und Alexander G. Preis nach Nikolai S. Leskow.

In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Sebastian Weigle

Katerina Ismailowa Anja Kampe
Sergei Dmitry Golovnin
Boris Ismailow / Alter Zwangsarbeiter Dmitry Belosselskiy
Sinowi Ismailow Evgeny Akimov
Der Schäbige Peter Marsh
Sonjetka Zanda Švēde
Pope Alfred Reiter Polizeichef Iain Macneil
Verwalter / Sergeant Anthony Robin Schneider
Axinja Julia Dawson Hausknecht Mikołaj Trąbka
Polizist / Wachposten Dietrich Volle
Lehrer / 1. Vorarbeiter Theo Lebow
Betrunkener Gast / 2. Vorarbeiter Michael Mccown
3. Vorarbeiter Hans-Jürgen Lazar
Zwangsarbeiterin Barbara Zechmeister
Kutscher Alexey Egorov
Mühlenarbeiter Yongchul Lim

(…) Es donnert, es gleißt, es schießt scharf, es tanzt auf dem Vulkan. Es ist irre laut. Es hört eiskalt wieder auf, irre laut zu sein. Die zentrale Heldenrolle des langen, großen Opernabends, der auch ein großes Sinfoniekonzert ist, gehört dem Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Am heldischsten die Bläsergruppen: das Blech als strahlendes, diszipliniertes, aber auch unbarmherziges Edelmetall, und die Posaune bekommt den komischsten Moment der auch an Komik nicht armen Oper – das Abschlaffen in jenem beträchtlichen Abwärtsglissando zum Schluss des berüchtigten 124-Takte-Beischlafs, einem Feuerwerk, einer Eruption. Das versteht jeder, aber zur Sicherheit sieht man es hier außerdem, dezent und eindeutig.
Die Holzblasinstrumente mischen kommentierend wie menschliche Stimmen mit, lamentierend, japsend, betrübt. Die Streicher erscheinen sämig im Ganzen, brillant im Einzelnen. Wie ein weitergedrehtes Kaleidoskop kann sich minütlich alles neu zusammensetzen, das Gigantomanische verlangt äußerste Beweglichkeit und bekommt sie.
Aus diesem lebendigen Meer der Orchestermusik scheint sich alles weitere zu ergeben. Es ist so dominant, als setzte es die Figuren und die Handlung durch seine eigene Bewegung und Aufregung überhaupt erst in Gang. Ein ausgezeichnetes Ensemble steht dafür auf der Bühne zur Verfügung. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Der Frankfurter Schauspielintendant Anselm Weber inszeniert den reißerischen Krimi mit akkuratem Realismus, wenngleich er ihn in einem Russland der nahen Zukunft verortet. Das Kaufmannsmilieu des 19. Jahrhunderts aus Nikolai Leskows Vorlage bleibt da ebenso ausgespart, wie die Entstehungszeit der Oper. Geradlinig erzählt Weber die Geschichte der Katerina Ismailowa, die sich in den Arbeiter Sergei verliebt, den brutalen Schwiegervater Boris mit Rattengift umbringt und anschließend ihren Gatten mit Hilfe des Geliebten erwürgt. Alles fliegt auf, als die Figur des Schäbigen auf der Suche nach Alkohol im Keller auf die Leiche stößt. Die beiden landen im Straflager und Sergei bändelt mit der Nächstbesten an. Die Kaufmannsfrau hat ausgedient. Katerina stürzt sich mit der Rivalin in den kalten See und ertrinkt.
(…)
Der Abend gehört (…) Anja Kampe. Sie singt und spielt überwältigend und scheut sich nicht, die Mörderin nicht allein als tragische Figur, sondern als Heilige ihrer Gefühle darzustellen. Eine derartige Hingabe war selten bei einer Sängerin dieser ungemein anspruchsvollen Partie zu hören und zu sehen. In Frankfurt erleben wir ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts in einer meisterhaften Aufführung.

Bernd Künzig, SWR 2 / Journal am Mittag


(…) Die beiden Gegenspieler Katerina und ihr sadistischer Schwiegervater Boris waren mit der großen Sopranistin Anja Kampe und dem durchschlagenden Bassisten Dmitry Belosselskiy atemberaubend besetzt. Heftig bejubelt auch die beiden Frankfurt-Debütanten und dabei so farbenreich unterschiedlichen Tenöre Dmitry Golovnin als Liebhaber Sergei und Evgeny Akimov als Ehemann Katerinas. Dirigent Weigle verstand es vorzüglich, sowohl die bedeutende Bühnenmusik der Blechbläser, die in den Beleuchtungsklappen rechts und links über dem Orchestergraben platziert waren, als auch die gewaltigen Chortableaus und die vielen satirischen Charakterstudien zu einem farbenreichen Gesamtklang zusammenzuführen.

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


Stundenlange Krimispannung: Mit Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk hat die Oper Frankfurt jetzt einen neuerlichen Knüller aufgelegt. Uneingeschränkt Beifall und Bravos gab es zur Premiere des mordsmäßigen Grusicals. Weil Regisseur und Schauspielchef Anselm Weber in diesem Spiel um Liebe in Zeiten von Macht und Gewalt aus Figuren starke Charaktere formte. Weil Sebastian Weigle und das Opern- und Museumsorchester die vielen Schichten von Schostakowitschs Musik aufzudecken verstanden. Und weil es Titelheldin Anja Kampe schaffte, dass man final für eine Mehrfach-Mörderin Mitleid empfand. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Der Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle zeigt sich mit seinem Klangkörper nicht als Vertreter von akustischem Blümchensex. Es geht in der vom Publikum sehr anhaltend gefeierten Premiere bis an die Schmerzgrenze lautstark zu. Aber nicht nur. Das Opernorchester wartet auch mit wunderbar zarten Soli auf, die in Schostakowitschs Groteske aufleuchten dürfen und auch einen Subtext erzählen, wenn es auf der Bühne besonders fies wird. Zum Beispiel, wenn der Schwiegervater Boris Ismailow, dessen Brutalität Dmitry Belosselskiy mit großformatiger Basswucht unterstreicht, mit Rattengift aus dem Weg geräumt und vom munteren Popen (Alfred Reiter) mit dem letzten Segen versehen wird. (…)

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) Die Personenführung war so kraftvoll und wohl überlegt, dass hier lauter faszinierende Charakterköpfe beim gegenseitigen Schikanieren zu erleben waren. (…)

Peter Jungblut, Bayerischer Rundfunk / www.br.net


(…) Besonderes Profil, sängerisch wie in der Darstellung völlig unterschiedlicher Rollen, bewies Dmitry Belosselskiy. Authentisch als Oligarch und Schwiegervater, der das lüsterne Weib mit dem Handy überwacht und dazu mit donnernd grollendem Bassvolumen den Saal durchdringt, staunte man über seine Wandlungsfähigkeit in der Schlussszene. Vom Knaben geführt, auf den Stock gestützt, barhäuptig und mit gebrochener Stimme strahlte er als Mahnender messianischen Glanz aus. Am Ende gab es viel Applaus für die durchweg guten Leistungen und noch mehr Gesprächsstoff. Vielleicht hat sich Schostakowitschs Jahrhundertoper doch noch nicht so überlebt.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Vor allem aber ist die Sopranistin Anja Kampe nicht nur in der dramatischen Inbrunst eine überzeugende Interpretin der Titelpartie. Sie gibt dieser Katerina Ismailowa eine Wärme mit auf den Weg, die ihre Hörer zu den Mitleidenden einer Mörderin macht: Spätestens im vierten Akt ist man auf der Seite einer Frau, die tötend aufbegehrt. (…) Am Anfang steht die Langeweile in einer öden Ehe mit dem Kaufmann Sinowi Ismailow, einer Figur, der Evgeny Akimov tenorale Attraktivität verleiht. Wenn der Gatte auf Dienstreise ist, stürzt sich Katerina mit dem Vergewaltiger Sergei in einen regelrechten Kampf der Geschlechter, der dem sie überwachenden Schwiegervater nicht entgehen wird. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Gaststar Anja Kampe steht beides zu Gebote: Hochdramatische In­tensität und lyrische Wärme, mit der sie ihren Leidensweg beschrei­tet. Am Ende, wenn sie, vernichtet von Sergeis Verrat, in ihrer finalen Kantilene innerlich zerbricht, zeigt sich auch ihre ganze, darstellerische Größe. Mit Dmitry Golovnin als Sergei steht ihr ein spannungsgela­dener Liebhaber zur Seite, mit dem sie ringen, den sie lieben und den sie zutiefst hassen kann. Bassist Dmitry Belosselskiy brilliert nicht nur als omnipotenter Übervater, sondern zusätzlich als alter Zwangsarbeiter, den der Komponist als einzige emphatische Rolle in seine Partitur geschrieben hat. Evgeny Akimov ist ein windiger Sinowi, Peter Marsh ein bemitlei­denswerter Hofnarr, Alfred Reiter ein köstlich anzüglicher Pope, Iain MacNeil ein gefährlicher Polizei­chef und Zanda Švēde eine ernstzu­nehmende Konkurrentin Sonjetka. (…)

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse

Eine Frau, gefangen in einem System allgegenwärtiger Unterdrückung, Überwachung und trostloser Verrohung; als sie sich daraus befreien will, wird sie zur mehrfachen Mörderin.

Nikolai S. Leskow schrieb seine Novelle Lady Macbeth aus dem Bezirk Mzensk 1864, drei Jahre nach der Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland. Als Schostakowitsch den Stoff 1934 für seine zweite Oper aufgriff, war der Erfolg durchschlagend. Der Komponist gab vor, das Schicksal der Kaufmannsgattin Katerina Ismailova als Beispiel für den Klassengegensatz zu behandeln. Katerinas Aufbegehren beginnt damit, dass sie ein Verhältnis mit dem Arbeiter Sergei eingeht, während ihr Ehemann auf Reisen ist. Als ihr Schwiegervater Boris den beiden auf die Spur kommt, vergiftet sie ihn. Und als ihr Gatte zurückkehrt und die Liebenden überrascht, wird auch er aus dem Weg geräumt. Doch die Morde fliegen auf: Noch während des Hochzeitsfestes verhaftet die Polizei das Paar. Auf dem Weg ins sibirische Straflager macht Katerina ihrem Leben ein Ende und reißt Sonetka, mit der Sergei angebandelt hat, mit in den Tod.

Als Stalin die Oper zwei Jahre nach der Uraufführung erlebte, ließ er in der Prawda einen Artikel erscheinen, der den Komponisten und sein Werk unter dem bösen Titel »Chaos statt Musik« scharf angriff. Das löste bei Schostakowitsch Todesangst aus; er ging in die innere Emigration. Seine aufregende Lady Macbeth aber, in der die krasse Schilderung von Katerinas unerträglicher Lebenssituation mit Ausbrüchen ekstatischer Sinneslust und lyrischen Momenten, die uns tief in ihr Herz blicken lassen, abwechselt, hat sich seit Jahrzehnten einen festen Platz im Repertoire zurückerobert.

Mit freundlicher Unterstützung