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La gazzetta

Gioachino Rossini (1792-1868)

Dramma per musica in zwei Akten
Text von Giuseppe Palomba nach Carlo Goldoni. Uraufführung am 26. September 1816, Teatro dei Fiorentini, Neapel.

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Bockenheimer Depot

Musikalische Leitung Simone Di Felice

Don Pomponio Storione Sebastian Geyer
Lisetta Elizabeth Sutphen
Filippo Mikołaj Trąbka
Alberto Matthew Swensen
Doralice Angela Vallone
Madama La Rosa Nina Tarandek
Monsù Traversen Danylo Matviienko°
Anselmo Franz Mayer

°Mitglied des Opernstudios

(…) Digitale Partnerbörsen sind ge­rade in. 1816, zu Zeiten der Ent­stehung von Rossinis komischer Oper, gab es schon die Zeitungs­annonce. Vor allem Tochter Lisetta hätte lieber die Dienste heuti­ger Singlebörsen in Anspruch ge­nommen, als sich von ihrem geltungssüchtigen Vater Don Pomponio in einer Pariser Zeitung als heiratswillig anpreisen lassen zu müssen. Doch wenn Sergio Mariotti im Verein mit der stilsiche­ren Kostümbildnerin Raphaela Rose zwischen die aufragenden Metallstreben des alten Frankfur­ter Eisenbahndepots hinein ein Pariser Vier-Sterne-Hotel der 20er Jahre zu schwarz-weißem Zellu­loid-Leben erweckt, schaut man gerne zu, wie sich darin die zu­nehmend emanzipierte Lisetta den Einflüssen ihres Vaters zu er­wehren lernt. Sie liebt bereits den unstandesgemäßen Hotelier Filippo, lange bevor ihr Vater be­schließt, sie meistbietend unter die Haube zu bringen. (…)

Bettina Boyens, Offenbach-Post


(…) Die Regisseurin Caterina Panti Liberovici erfindet viele kleine Geschichten, um das Gesche­hen zu bereichern, das sie in die 1920er Jahre verlegt hat – passt nicht schlecht dazu, dass hier die Frauen ein emanzipiertes Verständnis von Liebe entwickeln. Bühnenbildner Sergio Mariotti lässt die Handlung auf einem Bahnhof spielen, mit dem er die Architektur des alten Straßenbahndepots aufgreift. Verschiebbare Wände sorgen für rasche Szenenwechsel, und weil in dieser Geschichte alle allen etwas vorspielen, setzt die Inszenierung auf große theatra­lische Gesten. Das Finale des ersten Aktes gelingt sehr origi­nell: Die Musik nimmt an Fahrt auf, die Szene hält in Zeitlupe dagegen. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Simone Di Felice führt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester souverän durch die temporeiche Partitur und erntet zum Schluss verdienten Applaus.
Auch die Solisten lassen keine Wünsche offen. Mit großer Komik begeistert Sebastian Geyer in der Buffo-Partie des Don Pomponio und stolziert als arroganter neureicher Händler über die Bühne, mit dem man beim Maskenball kaum Mitleid hat, wenn sich die anderen über ihn lustig machen. Während er sich seiner Tochter Lisetta sehr hart und unnachgiebig zeigt, erweist er sich beim bevorstehenden Duell als absoluter Hasenfuß. Mit beweglichem Bariton gestaltet er die Figur auch musikalisch überzeugend. Mikołaj Trąbka begeistert als Filippo mit profundem Bariton, der eine enorme Durchschlagskraft besitzt und deutlich macht, dass er den Kampf um seine geliebte Lisetta gewinnen wird. Matthew Swensen verfügt als Alberto über einen höhensicheren Tenor, der auch in den Spitzentönen über große Strahlkraft verfügt.. (…) Elizabeth Sutphen gestaltet die Partie der Lisetta mit strahlendem Sopran und glockenklaren Höhen. Bewegend gelingt ihr Duett mit Trąbka, in dem Lisetta und Filippo nach anfänglichen Differenzen wieder zueinander finden. Angela Vallone punktet als Doralice mit warmem Mezzosopran und keckem Spiel (…). Nina Tarandek überzeugt als Madama La Rose mit einem satten Mezzosopran und einer enormen Bühnenpräsenz. Danylo Matviienko lässt als Monsù Traversen mit dunkel gefärbtem Bariton aufhorchen. Für die Partie des Anselmo kehrt das langjährige Ensemble-Mitglied Franz Mayer an die Oper Frankfurt zurück und überzeugt in der kleinen Partie mit kräftigem Bassbariton, so dass es für alle Beteiligten verdienten Beifall am Ende gibt. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) La gazzetta (drei Monate älter als Otello und drei Jahre älter als Bianca e Falliero) ist das Leichtgewicht darunter und das Bockenheimer Depot der ideale Ort dafür.
Regisseurin Caterina Panti Liberovici und Bühnenbildner Sergio Mariotti passten sich ihm zudem charmant an, Hauptschauplatz ist ein meist in nächtliche Blautöne getauchter Bahnhof: Die Bühne setzt die Architektur des einstmaligen Straßenbahndepots mit eleganten Stahlsäulen und -trägern fort. Auch die rollenden (und grollenden) Zwischenwände sind massiv und funktional.
(…)
Dezent vermittelt das die Zukunft von einst, und auch wenn die Idee, die Geschichte in die 1920er Jahre zu verlegen, vor allem eine Deko-Entscheidung ist, so ist sie doch klug. Die Regie kann damit die Volkstümlichkeit dieses ziemlich buffonesken „Dramma per musica“ beiseitelassen und ihm eine bekömmliche Schlankheit und kühle Frische geben. Dazu passt, dass Panti Liberovici und Raphaela Rose (Kostüme) den „alla turca“-Appeal der Verkleidungspossen und des nachher vorgesehenen Maskenballs ignorieren beziehungsweise allein seine Sinnfälligkeit mitverwenden: Ein Mummenschanz gibt Gelegenheit, sich gehen zu lassen, und dazu taugt auch der elegante Operettenmaskenball-Chic.
Die Figuren haben in dieser Umgebung die Chance, die stereotypen Bezirke der bräsigen Väter, motzigen Töchter, entrüsteten Liebhaber und reingelegten Alten zu verlassen. Ferner zeigt sich, dass Rossinis Musik auch mit Blick auf Modetänze der Zwanziger tauglich ist (Choreografie: David Laera).
(…)
Panti Liberovici und Raphaela Rose (Kostüme) spielen aber nicht bloß geschmackvolle Verkleidungsspiele in Schwarzweißfilmtönen mit goldenem Glamour. Sie geben Lisetta und Doralice auch eine Emanzipationsgeschichte mit, die sich in modischen Typveränderungen spiegelt. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Mit dem wendigen Bariton Se­bastian Geyer ist ein nahezu per­fekter Don Pomponio zu erleben, der als engstirniger Vater durch die Lektionen seiner Tochter, ih­res Liebhabers und der kommen­tierenden Gesellschaft glaubhaft Lernkurven durchläuft. Seine Spielfreude, mit der er als einge­bildeter Neureicher, dessen Name sich angeblich von „Pompa, Pom- pilio und Pompeiano" ableitet, anfangs über die Bühne stolziert, um auf dem finalen Verklei­dungsball kläglich in Frauenklei­dern herumzustolpern, ist allein den Besuch des Abends wert.
(…) Das Rossini- Glück perfekt macht Dirigent Si­mone di Felice, der seit der Spiel­zeit 2017/2018 zum Kapellmeister aufgestiegen ist und das Orches­ter zu immer neuen, prickelnd fe­dernden Belcanto-Höhen führt.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Das Bockenheimer Depot bie­tet dafür auch klanglich gute Voraussetzungen. Das Opern­haus- und Museumsorchester in schlanker Besetzung musi­ziert wendig und präzise, der Dirigent Simone de Felice lässt kleine Schauer der Erregung durch die delikaten Streicherfi­guren wehen, lenkt die Auf­merksamkeit auf hervorblitzen­de Bläsersoli, hat Gespür für die pulsierende musikalische Dra­maturgie, die dem Lebensgefühl der Figuren entspricht, wenn die großen Szenen auf die wohlgeordnete Konfusion zusteuern. Im Getriebe ihrer Intrigen fühlen sie sich, als stecke der Kopf in einer Maschine, singen sie – es ist die Komödienmechanik, die Rossini hier mit musikali­schem Treibstoff versorgt. Dabei achtet Simone Di Felice darauf, den Stimmglanz nicht zu über­decken, denn der Abend hat eine, durchweg sehr hörenswerte Besetzung. Elizabeth Sut­phen lässt das zickige Mädchen Lisetta zur Frau reifen, die sie mit locker sitzenden Koloratu­ren ausstattet.
(…)
Mikolaj Trabka ist mit kraftvol­lem, unverkrampften Bariton ihr Geliebter Filippo, und die Rolle des despotischen Alten ist ein erkennbare Vergnügen für Sebastian Geyer, der das neapo­litanische Großmaul mit mar­kantem Bariton auf die-Bühne stellt; Angela Vallone als Doralice singt so zauberhaft, wie ihr Name klingt, sie findet die Lie­be in Alberto (Matthew Swen­sen), der wohlgeformte Tenorlinien zeichnet: Hier finden auch zwei bemerkenswerte lyrische Stimmen zueinander. Nina Tarandek ergänzt die Runde der Hauptrollen als Intrigen-Gehil­fin Madama la Rose mit vollem, gut artikulierten Mezzo-Klang.
Das ist musikalisch ein großes Vergnügen. (…)

Johannes Breckner, Darmstädter Echo

Don Pomponio, Neapolitaner, geschäftstüchtig und neureich, versucht seine Tochter mit einer Heiratsanzeige loszuwerden – doch sie hat andere Pläne.

Seit 1815 werden Rossinis Opern wie am Fließband gespielt – und das nicht nur in Italien. Der Komponist erhält den Auftrag, dem stagnierenden Opernbetrieb Neapels mit gleich drei Opern in einem Jahr neues Leben einzuhauchen. So entsteht 1816 für das Teatro Fiorentini die beinahe in Vergessenheit geratene La gazzetta zwischen seinen beiden Kassenschlagern Il barbiere di Siviglia (1816) und La Cenerentola (1817) – so gesehen das eigentliche »Aschenputtel« dieser drei Opern, und das, obwohl die Uraufführung als ein großer Erfolg gefeiert wurde. Rossini schreibt an seine Mutter: »Die Oper hat Furore gemacht, und alle sind überrascht, mit wie viel Leichtigkeit und Effekt ich den neapolitanischen Dialekt in Musik setzen konnte. Ich versichere euch, dass ich mein Herz nie stärker habe klopfen hören als bei der Premiere dieser Aufführung.«

Gut fünfzig Jahre nach der Uraufführung von Carlo Goldonis Il matrimonio per concorso benutzt Rossini das Schauspiel als Vorlage für seine Gazzetta. Das Sujet steht damals hoch im Kurs. In der Zwischenzeit sind mindestens fünf verschiedene Opern entstanden, denen die Geschichte um jene Heiratsanzeige zugrunde liegt. Die Texte ähneln sich. Auch manche musikalische Nummer ist bekannt – etwa aus Il turco in Italia oder La Cenerentola, die sogar die Ouvertüre mit La gazzetta teilt.

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