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Król Roger

König Roger

Karol Szymanowski 1882-1937

Oper in drei Akten
Text von Jarosław Iwaszkiewicz und vom Komponisten
Uraufführung am 19. Juni 1926, Teatr Wielki, Warschau

In polnischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
König Roger Lukasz Goliński
Roxana Sydney Mancasola
Der Hirte Gerard Schneider
Edrisi AJ Glueckert
Der Erzbischof Alfred Reiter
Die Diakonissin Judita Nagyová

(…) An diesem besonderen Abend grei­fen alle Künste ausdrucksstark inei­nander: Johannes Eraths kluge, den scheinbar schlichten Erzählstrang beständig hinterfragende Personen­regie, das Dirigat Sylvain Cambrelings mit seinen wuchtigen Klang­kathedralen, Johannes Leiackers kippender, nur sparsam angedeute­ter Kirchengiebel mitsamt Bibi Abels surrealen Videowelten, der sowohl musikalisch als auch mi­misch überragend disponierte Chor, Extra- und Kinderchor, sowie alle Gesangssolisten: Vom polni­schen Gaststar Łukasz Goliński in der Titelpartie über die grandiosen Ensemblemitglieder Sydney Man­casola als Königin Roxana bis hin zu Gerard Schneider in der dank­baren Rolle des verführerischen, fremden Propheten bleiben bei die­sen Idealbesetzungen nahezu keine Wünsche offen. AJ Glueckert ist ein geheimnisvoller Edrisi und damit Königsberater, Alfred Reiter ein strenger Erzbischof und Judita Nagyová als Diakonissin seine streitba­re Gegenspielerin. (…)

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Zusammen mit dem Opern- und Museumsorchester beglaubigt Sylvain Cambreling, bis 1995 Frankfurts Generalmusikdirektor und nun erstmals dorthin zurückgekehrt, die zentrale Rolle, die Szymanowskis Partitur mit ihrer gewaltigen und farbsinnlichen Anlage einnimmt. Mit allen Andeutungen, Schattierungen und Zwischentönen ereignet sich dieses innere Drama in der Musik, deren hohe Eigenständigkeit nur den vagen Vergleich mit den Zeitgenossen erlaubt, hinsichtlich der raffinierten Instrumentation mit Richard Strauss, hinsichtlich der rhythmisch-tänzerischen Komplexität mit Igor Strawinsky. Zeittypisch ist die Lage an der Grenze der Tonalität, an der sich der stark geforderte (und gefeierte) Opernchor samt Kinderchor bewegt. (…)

Axel Zibulski, Offenbach-Post


(…) Erzählt wird die Geschichte dieses ominösen Predigers, der ein ganzes System auf den Kopf stellt. Und die Geschichte des Herrschers Roger, der das System bewahren und für Ordnung sorgen soll. Er soll festlegen, was gut und was böse ist. König Roger kapituliert aber. Was macht man, wenn der Fremde daherkommt und uns die Welt neu erklärt? Wenn auf einmal alles durcheinander gerät durch den Fremden? Das ist die Frage, die Regisseur Johannes Erath auf der Bühne verhandelt. Erath erzählt die Geschichte von König Roger und seiner Frau Roxane sehr originalgetreu und in klaren Bildern. Er erzählt diesen alten Normannenstoff aus Sizilien aber nur, um eine tiefer liegende Geschichte darzulegen. Erath zeigt an der Figur König Roger, wie es ist, wenn das Fremde ungeahnt in uns aufbricht.
(…)
Wenn unsere eben noch geordnete Welt plötzlich aus den Fugen gerät, dann entsteht pure Ektase. So sieht es jedenfalls Karol Szymanowski, der hier eine überbordende, ekstatische, rauschhafte Musik komponiert, mit der er den Ausnahmezustand in immer neuen Umdrehungen, in immer größeren Steigerungen, immer lauteren, absolut überbordenden Klängen ausmalt. Sylvain Cambreling baut großen Bögen, stellt die Musik in riesigen Gesten wie eine gotische Kathedrale auf die Bühne. Immer wieder ist es der am Ende fast donnernde Chor, der einen gefangen nimmt. Łukasz Goliński ist ein perfekter König Roger, Sydney Mancasola eine Roxane, die es mit dem riesigen Chor aufnimmt: groß in der Stimme, genau richtig im Timbre, nie schwer, aber von betörender Durchschlagskraft. Alle Solo-Partien dieser Oper sind ein Kraftakt. Wie extrem die Anstrengungen sind, hat man in der Frankfurter Premiere keinem angehört. Gerard Schneider als Hirte und AJ Glueckert als Edrisi sind eine perfekte Wahl.
(…)
Johannes Erath bringt König Roger an der Oper Frankfurt als Mysterium auf die Bühne, nicht als Erzähloper, sondern als musikalisches Psychogramm. Dass ihm das so fantastisch gelingt, liegt vor allem an der Bühne, die ihm Johannes Leiacker gebaut hat. Leiacker schafft einen strengen, durch klare Linien aufgeteilten schwarz-weißen Bühnenraum. Es ist ein zeitloser Ort, in dem Gut und Böse, Schwarz und Weiß streng getrennt sind, und sich die Wirklichkeit unmerklich in magische Realität verwandelt. Das kann nur Oper!

Natascha Pflaumbaum, BR-Klassik / Allegro


(…) Sylvain Cambreling animiert Sänger und Opernorchester in Frankfurt zu wunderbar duftig-seidenweichen Klängen. Melismenreiche, arabisch anmutende Töne auch im 2. Akt der Oper: Roxane tanzt mit dem Hirten, der Volkschor ahmt sie zunächst, etwas steif, nach – bevor es zum handgreiflichen Tumult unter den ewig gestrigen Hardlinern kommt. Und König Roger? Er ist in sich gespalten – so wie die Bühne von Johannes Leiacker: Den weißen Dielenboden, den er leicht schräg gestellt und hinten zum Bühnenhimmel hin abgeknickt hat, durchzieht in Johannes Eraths schlüssigem Regiekonzept ein schwarzer Graben (…).

Ursula Böhmer, Deutschlandfunk / Musikjournal


In den herbeigesehnten Gefilden der Verzauberung und Verführung gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das ist leichter getan als gesagt, wenn eine Oper wie Karol Szymanowskis Król Roger auf eine Überwältigung zielt, die stumm macht, zugleich aber kompliziert ist, weit entfernt von bequemen Angeboten, ein mysteriöses Mysterium. Der Titelheld folgt ihm ja auch nicht, dem Zauber, und wird es nicht betreten, das „Land der Ekstase“, und der Regisseur erst recht nicht, und dies keineswegs in einem verunglückten Widerspruch zur Musik. Vielmehr wird so der Weg für den wahren Zauberer und Verführer frei, der im Orchestergraben hockt. Johannes Erath macht in seiner Inszenierung nicht ansatzweise den Versuch, mit dem Komponisten Szymanowski und dem Dirigenten Sylvain Cambreling zu konkurrieren. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau
 

(…) Die Regie von Johannes Erath setzt zu der  emotionalisierenden Musik einen deutlichen Gegenpol. In dem in strenger Schwarz-Weiß-Optik gehaltenen absolut abstrakten Raum von Johannes Leiacker erzählt Erath die Handlung einerseits deutlich und in präziser Personenregie, reichert sie aber mit zahlreichen Symbolen an, die versteckte Hinweise für eine Deutung der Handlung geben.  (…) Gleichwohl erkennen Interpreten besonders in der Figur der Königs Roger ein Abbild des Komponisten selbst und in Rogers Ringen um die Akzeptanz der sinnlichen Verführung des Hirten einen künstlerisch sublimierten Findungsprozess Szymanowskis selbst.
Behutsam weist Eraths Inszenierung in diese Richtung, wenn er als deutlichste Zeichen die Rollen des Erzbischofs und der Diakonissin aus dem 1. Akt später gleichsam wie Elternfiguren agieren lässt, die Rogers zaghafter Öffnung gegenüber den Verlockungen des Hirten strafend begegnen. Hinzugefügt hat die Regie einen Jungen, der sich spontan und frei dem Hirten anvertraut, so als sei er ein Wunschbild dafür, wozu der erwachsene König selbst nicht imstande ist. (…)

Christoph Wurzel, www.omm.de


(…) Vorzüglich besetzt ist die Neuproduktion auch mit AJ Glueckert als Edrisi und dem polnischen Bassbariton Łukasz Goliński in der Titelpartie. Er verleiht der Zerrissenheit dieser Figur auch szenisch große Glaubwürdigkeit. Ein Verdienst der Inszenierung ist es ohnehin, dass sie immer wieder starke Bilder für eine Einsamkeit findet, von der Roger am Ende singt. Die Sonne, der er sein Herz als Opfer darbringen will, darf man im gleißenden Gegenlicht des auf starke Kontraste setzenden Bühnenbilds wiedererkennen.

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) In Szymanowskis Mittelalter steckt eher Nietzsche, aber auch die Antike ist präsent, und so macht der Regisseur der Frankfurter Neuproduktion, Johannes Erath, das einzig Richtige und verlegt die Handlung auf eine räumlich und zeitlich nicht näher zu verortende Bühne (Johannes Leiacker), die mit weiß strahlenden Planken ausgelegt, ansonsten von tiefem Schwarz umgeben ist. Chor und Sänger tragen schwarze Abendgarderobe, nur der göttliche Jüngling und der Berater des Königs sind weiß gekleidet, die Königin wechselt von Schwarz in Weiß. Der Regisseur tappt nicht in die Mittelalterfalle, desavouiert auch nicht das Christentum, betreibt keine Religionskritik, bleibt nicht im Biographismus hängen, denn im Hirten zeichnet Szymanowski auch ein Bild von sich selbst. Aber Johannes Erath setzt auch nicht die penibel ausgebreiteten Regieanweisungen des Komponisten um. Er vertraut der Macht der Symbole und der Erotik der Musik und erkennt im traurigen König Roger einen einsamen Menschen, der seine Einsamkeit durchbricht, durchbrechen will oder davon träumt, diese zu durchbrechen. (…)

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) Musikalisch ist die klangmagische Vereinigung von Orient und Okzident, von Christentum und Antike ein Triumph an der Oper Frankfurt. Mit Łukasz Goliński in der Titelrolle, Gerard Schneider als Hirte und AJ Glueckert in der Partie des Edrisi wird ein Sängerfest gefeiert. Sydney Mancasola ist als Roxana die pure Sinnlichkeit der Verführung. Für den Chor und Kinderchor ist es eine absolute Sternstunde, ebenso wie für das Orchester. Sylvain Cambreling wird zu Recht für sein perfektes Dirigat an jenem Haus gefeiert, dem er in den 1990er Jahren als Chefdirigent vorstand. (…)

Bernd Künzig, SWR 2 / Journal am Mittag


(…) Johannes Leiacker entwarf einen archaischen, zeitlos-modernen, geometrisch streng angelegten Bühnenraum. Jorge Jara entschied sich bei den Damen für elegante schwarze Abendkleider, die Herren im Anzug. Joachim Klein sorgte für weißes Licht. Ansonsten fanden sich nur spärlich Requisiten auf der ehedem menschenvollen Bühne, wenige Stühle, ein Tisch mit spiegelnder Unterseite und viel Kleinkram, den die Damen aus ihren Handtaschen angelten, um ihn gleich wieder hineinzupacken, doch alles voller Bedeutung wie die roten Schuhsohlen der Königin und das rote Innenband der Königskrone. (…)

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Im Orchestergraben entfesselte der einstige Generalmusikdirektor und künstlerische Leiter der Oper Frankfurt, Sylvain Cambreling, spannungsreiche Klangfluten, die vom kühl choralen Einstieg über die süffigen, orientalischen Melismen Roxanas bis hin zum überwältigenden C-Dur-Schlusspanorama reichten. Großer, einhelliger Jubel belohnte alle Beteiligten für ihre außergewöhnlichen Leistungen.

Bettina Boyens / Wieland Aschinger, www.musik-heute.de


(…) Der Regisseur Johannes Erath setzt im Bühnenbild von Johannes Leiacker (…) auf eine Stilisierung, die das üppig blühende Werk in oratorische Strenge fasst. Zu diesem Eindruck trägt sogleich die schwarze Gewandung des Chors bei, der wie eine gehobene Trauergesellschaft auf der Bühne erscheint.
In dieser steifen Gemeinschaft taucht der Hirte als Kontrastprogramm im weißen Anzug auf. Ein Strahlemann, der ein wenig nach Schlagerstar ausschaut und bald die Leidenschaften entfesselt. Die partiell freiliegende Männerbrust von Gerard Schneider weist auf ein Verführungspotenzial hin, das bei diesem Tenor stimmlich auf jeden Fall gegeben ist. Das Echo darauf erklingt im Sopran von Sydney Mancasola, die ihre Stimme der Königin Roxana leiht. In semitransparenter Kostümierung verkörpert sie bald Verführung und verströmt das dazu passende Melos. In den Orientalismen des Werks fühlt man sich ohnehin manchmal wie im Schleiertanz der lasziven Prinzessin Salome von Richard Strauss. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Schlummert nicht in uns allen ein wenig Król Roger und Hirtenprophetie? (…)

Helmut Wäldele, www.hboscaiolo.blogspot.com

 

Wie können die Kräfte von Chaos und Ordnung, Vernunft und Triebhaftigkeit zusammenwirken und kreativ gestaltet werden? Diese Fragen, verbunden mit Zweifel, Experiment, Rausch und Niederlage begleiteten das Leben des polnischen Komponisten Karol Szymanowski. Er gilt als Schlüsselgestalt der Musik des 20. Jahrhunderts, dennoch werden seine Werke viel zu selten aufgeführt.

Król Roger nutzt Szymanowski die Zeit der Herrschaft des Normannenkönigs Roger II. auf Sizilien als Folie für die Gestaltung einer symbolistischen Handlung, einer ins christliche Umfeld transponierten Variante der Bakchen des Euripides: Roger herrscht über mehrere Kulturen, hält sich einen arabischen Intellektuellen als Berater, gibt sich als Rationalist aus und stützt sich gleichzeitig auf die starre, byzantinisch geprägte Kirche. Diese Machtsituation wird von einem unbekannten Hirten, einer Mischung aus Erdgeist und Wanderprediger, Christus und Dionysos infrage gestellt. Er gründet seinen eigenen Kult und zieht mit seinen Anhängern über das Land. Mit Reden über einen schönen, jungen Gott verführt der Hirte erst das Volk und dann Königin Roxana.

Die dionysische und rauschhafte Musik bei seinem Erscheinen bestimmt den gesamten zweiten Akt und steigert sich mit einem Mänadentanz zur Ektase. Gleichzeitig etabliert sich eine musikalische Gegenwelt als Vertreterin der erzkatholischen Tradition, von Szymanowski durch die harmonische Strenge der mittelalterlichen Kirchenmusik charakterisiert. Die beiden Welten geraten in Konflikt, es werden gegensätzliche Kräfte exponiert, die auf die Seele, auf das Dilemma der Titelfigur einwirken. Eine dramatische Entwicklung im herkömmlichen Sinne gibt es erst in den letzten beiden Minuten des Werkes, als Roger seine eigenen Abgründe erkennt, den Rausch hinter sich lässt und sich dem Tag, dem Leben und dem Bewusstsein zuwendet. Die Musik von König Roger besticht durch überwältigende Momente, die ein faszinierendes Psychogramm der Hauptfigur zeichnen. Die Klangvision eines suchenden Menschen, der am Ende durch Selbsterkenntnis eins mit sich wird.