Spielplan

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I puritani

Vincenzo Bellini 1801-1835

Opera seria in drei Teilen
Text von Carlo Pepoli
Uraufführung am 24. Januar 1835, Théâtre-Italien, Paris
Koproduktion mit der Opéra Royal de Wallonie, Liège

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Musikalische Leitung Tito Ceccherini
Elvira Brenda Rae / Zuzana Marková (Januar)
Lord Arturo Talbo John Osborn
Sir Riccardo Forth Iurii Samoilov
Lord Gualtiero Valton Thomas Faulkner
Sir Giorgio Kihwan Sim
Sir Bruno Roberton Michael Porter
Enrichetta di Francia  Bianca Andrew*/ Kelsey Lauritano* (8., 14., 16.12.)
Darstellerin Sofia Pintzou

*Mitglied des Opernstudios

 

 

(…) Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Die hervorragende Sängerriege beschert mit wunderbaren Melodien den Zuschauern einen Glücksmoment nach dem nächsten und belegt, dass die Oper musikalisch wirklich ein Meisterwerk ist. Da ist zunächst Brenda Rae als Elvira zu nennen. Mit intensivem Spiel und glasklaren, halsbrecherischen Koloraturen gestaltet sie glaubhaft die Labilität und innere Zerrissenheit der jungen Frau. Mädchenhaft naiv präsentiert sie die Partie zu Beginn des ersten Aktes, wenn sie in einer Cabaletta mit ihrem Onkel Giorgio ihrer Freude darüber freien Lauf lässt, dass ihr Vater seine Zustimmung zu einer Hochzeit mit Arturo gegeben hat, und auch ihre Cabaletta „Son vergin vezzosa“, in der sie sich mit dem Schleier auf die bevorstehende Feier vorbereitet, gestaltet Rae mit frischer Leichtigkeit und großer Beweglichkeit in den Läufen. Regelrecht zerbrechlich präsentiert sie dann ihre große Wahnsinnsszene im zweiten Akt, „O rendetemi la speme“, wenn sie sich von Arturo verraten glaubt. John Osborn meistert die anspruchsvolle Partie des Arturo mit höhensicherem Tenor (…). Seine Auftrittskavatine im ersten Akt, „A te, o cara“, wenn er Elvira seine Brautgabe überreicht, und seine Verzweiflungsarie im dritten Akt, „Credeasi, misera“, wenn er fürchtet, zum Tode verurteilt zu werden, nachdem er erneut einen kurzen Moment des Glücks mit Elvira erleben durfte, avancieren mit Osborns weicher Stimmführung zu weiteren Höhepunkten des Abends.
Iurii Samoilov punktet als Riccardo mit markantem Bariton, der auch in den Höhen enorme Durchschlagskraft besitzt. Mit großer Emotion spielt er die tiefen Gefühle für Elvira aus und macht das Handeln der Figur damit gut nachvollziehbar. Kihwan Sim begeistert als Sir Giorgio mit kraftvollem Bass. Im Duett mit Rae findet er im ersten Akt zu einer betörenden Innigkeit, die nachvollziehbar macht, wieso Elvira ihren Onkel als „padre“ bezeichnet. Auch im zweiten Akt gelingt es ihm stimmlich sehr überzeugend, Riccardo von seinen Racheplänen abzubringen, da er erkennt, dass Elvira durch Arturos Tod nur noch größeres Leid erfahren würde. Das große Duett „Suoni la tromba“ wird von Sim und Samoilov sehr emotionsgeladen gestaltet. Bianca Andrew punktet als abgesetzte Königin Enrichetta mit warmem Mezzosopran. Thomas Faulkner und Michael Porter runden als Elviras Vater Lord Valton und Riccardos Freund Sir Bruno Robertson das Solisten-Ensemble überzeugend ab. Großes leistet auch der von Tilman Michael einstudierte Chor der Oper Frankfurt, der einiges auf und auch hinter der Bühne zu singen hat. Tito Ceccherini taucht mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester tief in die Partitur ein und zaubert wunderbare Melodienbögen aus dem Orchestergraben, so dass es verdienten Jubel für die musikalische Leistung des Abends gibt. (…)

Thomas Molke, www.omm.de


(…) Es gibt nicht nur viel zu hören, sondern auch zu sehen in Vincent Boussards Bellini-Interpretation. Hohen Anteil an einer gelungenen Premiere an der Oper Frankfurt haben Protagonisten wie Sopranistin Brenda Rae und US-Tenor John Osborn sowie ein auf I puritani melodisch und klanglich ideal eingestimmtes Frankfurter Opern- und Museumsorchester, dem Gastdirigent Tito Ceccherini die italienischen Impulse eingibt. Stimmschön und affektsicher singt zudem der Frankfurter Opernchor, mitfühlender Kommentator des tragischen Geschehens. (…)

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Angesichts von Brüchen und Unwahrscheinlichkeiten: die Republikanerin Elvira liebt den Royalisten Arturo; er lässt sie vor dem Gang in die Kirche sitzen, rettet die verurteilte Königin mit dem Brautschleier Elviras und muss für drei Monate untertauchen; sie verfällt dem Wahnsinn, gesundet aber bei Arturos Rückkehr und in den letzten drei Minuten gibt es per Amnestie für alle Royalisten ein opern-übliches „lieto fine“! – dafür holte Intendant Loebe Kenner: den von der Comédie-Française zur Oper gewechselten Regisseur Vincent Boussard und seinen langjährigen Partner Christian Lacroix für die Kostüme. Beide entschieden sich für eine vielschichtige Interpretation.
Da ist die Zeit nach der Revolution von 1830 zu sehen in dem leer gebrannten, schwarz geräucherten Theaterrund mit seinen drei offenen Logen-Rängen, die Johanes Leiacker als Einheitsbühnenbild bauen und von Joachim Klein raffiniert und zart wechselnd ausleuchten ließ. Am Ende lodert im Hintergrund neues Feuer auf: die Aufstände des „Giovane Italia“, des „Jungen Deutschland“ werden in die Revolution von 1848 münden.
Doch gleichzeitig durchzieht die „Schwarze Romantik“ die Kunst jener Jahrzehnte, mit Geistern, die in Mary Shelleys Frankenstein gipfeln. Da es im Umfeld Bellinis neben vielen Geliebten auch die Beziehung zu einer ominös bleibenden, schwarzhaarigen Italienerin gab, stilisierte Regisseur Boussard sie zu einem schwarzen Todesengel, der insbesondere das alter ego Bellinis, den Royalisten Arturo umspielte und, für die Bühnenfiguren unsichtbar, die Szene mysteriös und abgründig machte. So im hinzugefügten Vorspiel: Bellini sitzt im leeren Theaterrund am Flügel und spielt aus Liszts Hexameron die Variationen über ein Thema aus I Puritani; die heftige Liebesszene mit dieser schwarzkostümierten Italienerin endet tödlich, er stürzt neben dem Flügel ins Grab, aus dem sie seine Totenmaske emporhebt. Der Flügel als Symbol der unsterblichen Musik Bellinis wird präsent bleiben. Auf ihm ruht die als hypersensibel, seelisch zerquält (weil Riccardo versprochen) und buchstäblich „sterblich“ in Arturo verliebt gezeichnete, Hysterie nahe Elvira. Im Inneren des Flügels liegen der fatal missbrauchte Brautschleier, viele Rosen und die Totenmaske – als der Schalldeckel in den Wirren der Gefühle hochfährt, spiegelt er diese Irrealität – doch da sind die Zuschauer längst allem enthoben, denn zur Ouvertüre gibt es auf dem halbdurchsichtigen Zwischenvorhang eine filmische Grabsuche auf dem Friedhof Père Lachaise, der dann von einem Grabsteinauge durch eine durchscheinende Fotolinse in das ausgebrannte Theaterrund führt (unaufdringliches Video Isabel Robson).
Alles bleibt so in einer raffiniert kalkulierten Zwischenwelt-Schwebe, in überlegter Personenkonstellation auf dem Bühnenboden, beobachtet und kommentiert von mal halb realen, mal halb geisterhaften Opernbesuchern und Kriegsparteien, durchschritten vom die Figuren mal bedrohenden, mal umspielenden Todesengel… Kunst als die wahre und einzige Realität.
Boussard / Lacroix wagen eine kühne Lösung des unglaubwürdigen „lieto fine“: Elvira will Arturo „end-gültig“ für sich, erschießt ihn und stirbt an ihrer eigenen Tat, so auch Riccardo an all dem miterlebten Scheitern – Blackout – dann stehen alle Figuren als Schattenriss gegen den heller werdenden Hintergrund – Beifall rauscht von hinten auf – dorthin verbeugen sich alle: wir haben eine Aufführung im ausgebrannten Théâtre Italien erlebt – und um den zentral hereingerollten Flügel feiern die Künstler, Elvira umarmt ihren geliebten Arturo, Champagner wird gereicht – doch im Hintergrund erschießt sich der Todesengel – so wie etliche verlassene Geliebten Bellinis tragisch endeten. Doch das tat dem von einigen verstörten Buhs durchbrochenen Jubel über ein singuläres Belcanto-Erlebnis in Frankfurt keinen Abbruch.

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Große Gesten, starke Töne, tiefes Leid: Brenda Rae dient dieser Elvira nicht nur ihren außerordentlich wandlungsfähigen Sopran an, sondern beherrscht auch darstellerisch die Szene in einer Opera seria, bei der jede Arie ein Schlager ist. Und hat mit Tenor John Osborn einen Bühnenpartner, der als Retter und Liebhaber Arturo die höchsten Töne stemmt. Gefühlvoll vor allem im Duett mit Giorgio, dem noblen Mittler zwischen allen Fronten, den Bassbariton Kihwan Sim gibt, starke Stimme der Hoffnung (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Sämtliche weitere Solisten, aus wiederum sportlicher Sicht ein fulminanter Erfolg des Hauses, haben als jetzige Ensemblemitglieder im Opernstudio begonnen beziehungsweise sind derzeit dort engagiert (Bianca Andrew, den Kollegen ebenbürtig in der überschaubaren Partie der Königin). Großartig breiten sich Kihwan Sims fundamentaler Bassbariton als Elviras Onkel und Iurii Samoilovs weicher, staunenswert reifer Bariton als Arturos Rivale in der Tiefe aus. Ihnen gehört das wahre Herz der Puritaner mit dem Duett am Ende des 2. Aktes. Inhaltlich ein irres Teil, indem zunächst auf dieselbe Melodie grundlegend unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Weltklasse ist Brenda Rae als Elvira. Ihre Stimme bietet alles, was diese Rolle braucht: schmelzendes Legato, perlend virtuose Koloraturen, leichtes Staccato, kluge Atemführung. Zwei Wahnsinnsszenen billigt der Komponist dieser Partie zu, in beiden folgt das Publikum der im Frankfurter Ensemble großgewordenen Sängerin atemlos. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Die Neuentdeckung des Abends ist jedoch zweifelsohne die Mezzosopranistin Bianca Andrew aus dem Frankfurter Opernstudio, die Enrichetta nicht nur mit einer ausdrucksstarken kräftigen Stimme sang, sondern ihr auch eine expressive Bühnenpräsenz verlieh. Tito Ceccherini lieferte ein ebenso versiertes wie emotionales Dirigat ab und schuf einen ungeahnt runden und schönen Becanto-Klang im Frankfurter Opernhaus. So wurde dieser Abend musikalisch Bellinis Anweisungen, „die Oper muss die Leute zum Weinen bringen, mit Grauen erfüllen, sie durch Gesang sterben lassen“, gerecht.

Alexandra Richter, www.bachtrack.com

Trotz unwahrscheinlicher Wendungen und plötzlicher Brüche gilt Vincenzo Bellinis letzte Oper als Meisterwerk. Die mangelnde Glaubwürdigkeit der Handlung verliert an Bedeutung angesichts der musikdramatischen Kraft, seiner eleganten Melodieführung und seiner Kunst der Darstellung einzelner Extremsituationen. Bellini bietet in seiner wohl reifsten Partitur eine packende musiktheatralische Wunderwelt. Jenseits von historischen Vorlagen und Folien erzählt die Inszenierung von Vincent Boussard eine hochexplosive Geschichte und den seelischen Verfall von Elvira, einer betrogenen verunsicherten jungen Frau – inmitten der feinen Pariser Gesellschaft der Entstehungszeit der Oper:

Paris 1835: Trauerfeier von Vincenzo Bellini, dem ehemaligen Mittelpunkt der polarisierten Pariser Gesellschaft, die er mit seiner Musik verführt hatte. Man erinnert sich des skandalumwitterten Komponisten im Rahmen eines Balls der Schwarzen Romantik nach Motiven seiner letzten Oper I puritani. Die Gesellschaft erlebt und erleidet die Extremsituationen einer Liebesgeschichte, welche sich im englischen Bürgerkrieg um 1650 über die beiden feindlichen Lager hinweg abspielt.

Elvira, die Tochter des Puritaners Lord Valton, liebt Arturo Talbo, einen heimlichen Anhänger der Royalisten. Hochzeitsvorbereitungen sind im Gange. Riccardo ist verzweifelt, denn Valton hatte ursprünglich ihm die Hand Elviras versprochen. Er klagt seinem Freund Bruno sein Leid. Giorgio, Elviras Onkel, erzählt ihr, er habe bei ihrem Vater die Einwilligung zu ihrer Heirat mit Arturo erwirkt. Als Arturo zum Hochzeitsfest eintrifft, erkennt er in einer zum Tode ver-urteilten Gefangenen Enrichetta, die Witwe König Charles I. von England. Er verhilft ihr, in Elviras Brautschleier gehüllt, zur Flucht. Elvira, vom Geliebten verlassen und betrogen, wird darüber wahnsinnig. Arturo wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Elvira sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Giorgio hofft, eine gute Nachricht, wie die der Begnadigung Arturos, könnte ihren Wahn heilen. Giorgio versucht, Riccardo zu überreden, Arturo zu retten. Arturo kehrt heimlich zurück und will Elvira von seiner Treue überzeugen. In diesem Augenblick wird sich Elvira schlagartig seines Verrats bewusst. Sie handelt. Arturo stirbt.

Der Ball der exzentrischen Gesellschaft geht zu Ende. Die Masken fallen. Der gefeierte Komponist bleibt im Mittelpunkt, aber allein am Rande seines Grabes zurück.