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Die lustige Witwe

Franz Lehár 1870-1948

Operette in drei Akten
Text von Victor Léon und Leo Stein
nach der Komödie L’Attaché d’ambassade (1861) von Henri Meilhac
Uraufführung am 30. Dezember 1905, Theater an der Wien, Wien

Mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer
Audio-Einführung

Musiaklische Leitung Joana Mallwitz
Graf Danilo Danilowitsch Iurii Samoilov
Hanna Glawari Marlis Petersen
Baron Mirko Zeta Barnaby Rea
Valencienne Kateryna Kasper, Elizabeth Reiter (13.5.)
Camille de Rosillon Martin Mitterrutzner
Vicomte de Cascada Theo Lebow
Raoul de St. Brioche Michael Porter
Bogdanowitsch Gordon Bintner 
Sylviane Elizabeth Reiter, Julia Dawson (13.5.) 
Kromow Dietrich Volle
Olga Maria Pantiukhova
Pritschitsch Franz Mayer
Praskowia Margit Neubauer
Njegus Klaus Haderer
Ein Pianist Mariusz Klubczuk
Tänzerinnen/Grisetten und Tänzer Gal Fefferman, Evie Poaros, Hannah Dewor, Madeline Ferricks-Rosevear, Marleen Jakob, Nami Miwa, Johanna Berger, Felicitas Hadzik, Kazia Kizior, Manuel Gaubatz, Rouven Pabst, Volodymyr Mykhatskyi, Andreas Bach, Christopher Basile, Robin Rohrmann, Joe Monaghan, Christian Arenas, Andrew Cummings

(…) Diese Frankfurter Operetten-Inszenierung rangiert weit, weit über dem Dreiviertel-Takt-Durchschnitt hierzulande, obwohl es eine eher melancholiesatte statt lustige Witwe geworden ist. Was bei Claus Guth aber niemand verwundert

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de


(…) Was Guth glänzend gelingt, ist das virtuose Vexierspiel von Sein und Schein: Das Publikum erlebt die Entstehung des Films samt überkandidelten Dialogen, rasanten Tanznummern und des von falschen Gefühlen nur so strotzenden Genres mit, während hinter den Kulissen und in den Künstlergarderoben Tränen fließen und die Fetzen fliegen. Seine Sicht auf Lehárs Operette behauptet: Nicht nur Hanna und Danilo hatten in der Vergangenheit eine Affäre, die schmerzhafte Wunden riss, auch die Filmdiva und den männlichen Star eint eine ähnliche Erfahrung.
(…)
Mehr noch, Guth lässt seine Sängerdarsteller mehrfach aus beiden Rollen fallen: Marlis Petersen nennt Iurii bei seinem Vornamen, er spricht sie in den neu eingerichteten Dialogen mit „Marlis“ an. Am Ende verschmelzen alle Ebenen, so dass keiner mehr weiß, um welches Liebespaar es eigentlich geht: Das Film-, das Sänger- oder das leibhaftig auf der Bühne stehende Paar. Auf mitreißende Weise mixt Guth hier Sentiment und Bussi-Scheinwelt, Kitsch und die blanke Kälte der Realität zu einem intelligenten, handwerklich glänzend gelösten und doch schmerzlich wehmütigen Operettenabend zusammen.
(…)
Jede einzelne der Premierenminuten, die sich Marlis Petersen und Iurii Samoilov, beide Debütanten in ihren Rollen, auf der Bühne umkreisen, lieben, hassen und beim Tanzen in tiefster Verfallenheit miteinander ringen, summieren sich zu zweieinhalb künstlerischen Sternstunden, die das Publikum von Beginn an elektrisieren. In der zweiten Liaison des Abends, diesmal ins Putzige gewendet, aber nicht minder virtuos gesungen und gespielt, glänzen die kurzfristig für die erkrankte Kateryna Kasper eingesprungene Elizabeth Reiter als raffiniert girrende und herrlich tanzfreudige Valencienne, mitsamt dem ihr verfallenen Martin Mitterrutzner als Camille de Rosillon.
Spaß an der überdrehten Klamotte entwickelt Barnaby Rea als strippenziehender Baron Mirko Zeta und Klaus Haderer in seiner Doppelrolle als Njegus und Filmregisseur, dessen österreichische Schmankerl akustisch leider oftmals im großen Filmgewusel untergehen. Auch Julia Dawson, die zweite Einspringerin des Abends, die für Elizabeth Reiter ihre eigentlich vorgesehene Rolle der Sylviane übernimmt, macht ihre Sache glänzend. Joana Mallwitz behält am Pult inmitten der Endlosschleifen, dem Wiener Walzerrauschen und den vielen Sekunden des Innehaltens stets die Übersicht und dirigiert, vom Grisetten-Can-Can über den Cake-Walk bis hin zum montenegrinischen Kolo, live auf der Bühne vorgetragen, voll Stilsicherheit und Konzentration.
Den muntersten Rocksaumwirbel aber produzieren die vielen Tänzerinnen und Tänzer, die alle drei Pariser Feste mit der psychologisierenden Choreografie von Ramses Sigl in schmissige Höhepunkte des Abends verwandeln. Der riesige Schlussjubel des Publikums, das auch reichlich Szenenapplaus spendierte, hatte es leicht, sich gegen einen einsamen Buhrufer durchzusetzen.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Die Künstlerin [Dirigentin Joana Mallwitz] mit dem sympathisch abgewetzten Taktstock schlägt präzise und groß, mit einem schier unendlichen Repertoire an Gesten und viel amüsierter Ironie im Blick. Dabei verfährt sie weder hochkontrolliert noch durchwegs nur intuitiv: Sie hört, was das Orchester ihr anbietet, und hebt geistesgegenwärtig die klanglichen Feinheiten hervor, sie denkt und handelt zugleich aus dem Moment heraus. Mal widmet sie sich einer absteigenden Linie im Fagott, mal einem Flötentriller oder einem gebrochenen Akkord in der Harfe – und bei aller Durchsichtigkeit bewahrt sie sich eine sehr ehrliche Freude an der leichten Muse. Starke Ritardandi, eine überzeichnete Dynamik und mitunter höllische Tempi entwickeln plötzlich einen ganz eigenen Witz. (…)

Hannah Schmidt, Die Zeit


(…) Der Kern des Geschehens ist die Möglichkeit, dass zwar alles Lug und Trug ist, aber es doch eine Wahnsinnsliebesgeschichte zwischen dem Leichtsinnspinsel Danilo und der coolen, liberalen Titelheldin Hanna, gibt, eine Liebesgeschichte in wirtschaftlich problematischen Zeiten (Staatsbankrott!), und gesellschaftlich nicht gerade fortschrittlichen. Aristokrat Danilo konnte seinerzeit Hanna aus erbschaftstaktischen Gründen nicht heiraten, Hanna konnte das aus zutiefst menschlichen Gründen nicht nachvollziehen, zumal es D. gelingt, jetzt auch noch die beleidigte Leberwurst zu spielen.
Das ist eine Screwball-Komödien-Konstellation, und so handhabt es Claus Guth in diesem ebenso leichtherzigen wie Maßstäbe setzenden Wurf. Wie bei allen Würfen funktioniert das nur, weil erstklassiges musikalisches und darstellerisches Personal zur Verfügung steht. Und wie bei allen großen Würfen wird das Problem (…) durch einen einfachen Trick gelöst, der nicht einmal neu ist, aber glanzvoll ausgeführt.
Indem die neue Frankfurter Lustige Witwe also während Dreharbeiten spielt – realistischerweise, die 1905 uraufgeführte Operette erlebte mindestens fünf Verfilmungen, darunter von Erich von Stroheim (1925) und Ernst Lubitsch (1934 in den USA) –, sind die Nummern, die Tableaux, die karnevalistisch wirkende Folklore, die Künstlichkeit der Dialoge bereits tadellos untergebracht. Sie dürfen drastisch operettenhaft wirken, in die Luft geworfene Tänzerinnen in fantastischen Kostümen können hemmungslos juchzen, ohne dass man einen roten Kopf bekommen muss. So ist eben das Geschäft, ein Kameramann ist fast immer dabei, das geduldige Scriptgirl, der gestresste Regisseur, der zugleich den Njegus spielt (Klaus Haberer als wunderbarer Komödienösterreicher).
(…)
Nirgendwo, auch hier nicht, geht es Guth um einen schroffen Gegensatz. Die Übergänge sind vielmehr fein, auch musikalisch. Nur das Metronom, die unnachgiebige Taktvorgabe für Musiker, klackt zuweilen unerbittlich (wohl auch als Memento mori). Sanft kann aber eine Probensituation in eine Drehszene übergehen, keiner soll sich hier die Seele aus dem Leib singen, und Mallwitz dirigiert entsprechend. Petersens perfekt austarierter, beweglicher und doch in sich ruhender Sopran kann sich unangestrengt in der Musik wiegen, eine lukullische Situation über die weitesten Strecken. Ihr Danilo Iurii Samoilov ist ein stimmlich und körperlich behänder Beau, den die Regie sympathisch und sympathisierend auf die leichte Schulter nimmt. Marlis und Iurii nennen sich bisweilen beim echten („echten“) Vornamen, die alte Geschichte betrifft auch sie. Und geht an dieser Stelle nicht gut aus, wie man leider sagen muss.
Auch beim zweiten Paar hat die Frau in Energiefragen die Nase vorn. Einspringerin Elizabeth Reiter ist eine hinreißende, ungezogene Valencienne, die nicht zwitschert, sondern glockenrein singt, ihr Camille, Martin Mitterrutzner, bemüht sich redlich (und vergeblich), alles so zu machen, wie sie es verlangt. Den Rosenknospen-Song singt er wie ein junger Gott. Ihr Häuslichkeits-Duett wird ihnen übrigens entzogen und in die Garderoben von Hanna und Danilo verlegt, die mehrfach getrennt voneinander duettieren. Ja, Liebende haben es nicht leicht. (…)

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau


(…) Im Graben steht mit Joana Mallwitz eine deutsche Nachwuchshoffnung im Dirigierfach am Pult. Die 32-Jährige gibt die Einsätze exakt vor, mit einer pulsierenden Dynamik, als ginge es hier nicht um die leichte Muse eines Lehár, sondern mindestens um Beethoven. Das gut aufgelegte Frankfurter Opern- und Museumsorchester folgt ihr beschwingt. (…)

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) das erfüllte sich als theatralisches Vexierspiel zwischen Traum und Realität (Dramaturgie: Konrad Kuhn), gipfelnd in Hannas Frage „Wer bist du eigentlich?“ – möglich aber auch nur, weil Claus Guth eben ein Meister der Personenregie ist und sogar mehrfache Brüche feinsinnig und im Moment nachvollziehbar gestalten kann – Bravo für ihn und sein ganzes Team.
(…)
Dazu kam dann auch ein musikalischer Triumph: das gesamte Ensemble gab Rollendebüts – und das mit Verve. Ramses Sigls rasante Choreographie verwischte oft die Grenze zwischen den 16 Tänzerinnen und Tänzern und dem von Tilman Michael so sicher einstudierten Chor, dass deren Tanzkarten-Jagd auf Hanna fast zur Menschenjagd wurde und dennoch „schön“ klang. (…)
All das funkelte, knallte, fegte und hielt mal süß, mal fein inne und sprudelte nach präzisem Zeichen wieder los, denn mit Joana Mallwitz stellte die Oper Frankfurt – nach einer Pelléas-Serie – nun in einer anspruchsvoll gebauten Neuproduktion nochmals eine der großen Dirigentinnen-Hoffnungen vor: so temperamentvoll sprühend, dass sich das Staatstheater Nürnberg auf sie als GMD ab Herbst nur freuen kann.

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Wenn zum wiederholten Mal das Vilja-Lied als Zwischenspiel ertönt, erweist sich der ebenfalls in die Witwe verknallte Korrepetitor als Rosenkavalier, dessen Sträuße von Mal zu Mal üppiger ausfallen. Da geht einem das Herz auf!

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


Seit 20 Jahren stand Franz Lehárs Erfolgsoperette Die lustige Witwe nicht mehr auf dem Spielplan der Oper Frankfurt. In der Inszenierung von Claus Guth feierte das Stück nun vor ausverkauftem Haus ein furioses Comeback. (…)
(…) Ein Kabinettstück, wie Claus Guth die Wechsel zwischen Filmdreh und Operettenwelt einsetzte, um Pathos in Komik und Ironie in Tragik kippen zu lassen. Ebenso prägnant und zielgenau agierte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Joana Mallwitz. Unbedingt hingehen!

Silvia Adler, Darmstädter Echo


(…) Zu sehen sind von Ramses Sigl schwungvoll choreographierte Tanzszenen, deren Schmiss und genau an der Musik orientierte Präzision Claus Guth in seiner lebendigen Personenregie fortführt. Zu sehen ist das perfekte Timing, welches Komödien benötigen, und das so schwer zu verwirklichen ist. Zu sehen sind aber auch fein dosierte tragikomische Momente, die noch nachhallen, wenn der überdrehte Operettentrubel verklungen ist. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Das wie immer perfekte Orchester wird von Joana Mallwitz präzis und feurig geleitet. (…)

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Und die Oper im Film lässt keine Wünsche offen. Da wird bunt kostümiert wild Can-Can getanzt, da werden alle Klischees bedient und jeden Moment, so glaubt man, könnte Peter Alexander auftreten. Das Filmsetting gibt Guth aber auch die Möglichkeit, alle Verletzungen, Enttäuschungen, Wünsche der Figuren, die das Stück nur verdeckt transportiert, sichtbar zu machen, weil er seinen Hauptdarstellern, also Marlis und Iurii, eine alte Liebesgeschichte mitgibt, die am Set wieder aufgewärmt wird. So bedient er die Erwartungen aller, nämlich die Balkansehnsucht der Operettenfans, die Schaulust der Opernfans und die kritische Sicht der an Adorno geschulten Intellektuellen. (…)

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg  

Noch Samuel Beckett zollt Lehárs Welterfolg von 1905 in seinem 1960 uraufgeführten Theaterstück Glückliche Tage Tribut: Die bis zur Hüfte, später bis zum Hals in einem Erdhügel steckende Winnie singt den unsterblichen Hit »Lippen schweigen«. Ganz nach dem Motto: Operette ist, wenn man trotzdem lacht. Der Plot des — fast könnte man sagen, ikonisch gewordenen — Stückes ist operettentypisch, aber nicht ohne emotionalen Kern. Alle wollen die reiche Witwe Hanna Glawari heiraten. Oder, besser gesagt, ihre Millionen. Nur einer nicht: Graf Danilo, ihre Jugendliebe, der sie einst verschmähte. Er will ihr partout keinen Antrag machen; sonst könnte sie ja denken, er habe es auch nur auf ihr Geld abgesehen! Außerdem ist ihm das Pariser Nachtlokal Chez Maxim’s zur zweiten Heimat geworden, und die dazugehörigen Grisetten ans Herz gewachsen. Ausgerechnet Danilo wird jedoch von seinem Dienstherrn Baron Zeta, dem pontevedrinischen Botschafter, auf die Witwe angesetzt, um deren Vermögen für das Vaterland zu retten. Nachdem sich die beiden drei Akte lang belauert, brüskiert, geneckt, provoziert und ihre Gefühle füreinander immer wieder versteckt haben, finden sie sich schließlich im Walzer. Und die Geigen müssen flüstern, was Danilo nicht über die Lippen bringt: »Hab mich lieb...«

Nachdem die frühe Phase der sogenannten »Goldenen Operette« mit den Hauptvertretern Jacques Offenbach und Johann Strauß zu Ende gegangen war, begründete der ungarische Komponist Franz Lehár mit der Tanzoperette einen neuen Typus der Gattung und eröffnete damit die sogenannte »Silberne Periode«. In der Lustigen Witwe, die auch im Film höchst erfolgreiche Spuren hinterließ, schaffen folkloristische Elemente wie das Lied von der Vilja ein Gegengewicht zur großstädtischen Eleganz und Raffinesse der Ensembles und Tanznummern.