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Xerxes

Georg Friedrich Händel 1685-1759

Oper in drei Akten
Text nach einem Libretto von Silvio Stampiglia
Uraufführung am 15. April 1738, King`s Theatre Haymarket, London

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Einführung eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

Xerxes Gaëlle Arquez
Arsamene Lawrence Zazzo
Romilda Elizabeth Sutphen
Atalanta Louise Alder
Amastre Tanja Ariane Baumgartner
Ariodate Brandon Cedel
Elviro Thomas Faulkner

Der König liebt einen Baum – er liebt aber auch Frauen. Und regieren tut er auch noch. Mit seiner skurrilen Liebeserklärung an eine Platane, »Ombra mai fu« – eine der schönsten Händel-Arien überhaupt –, beginnt das seltsame Spiel. Im Mittelpunkt der verwirrenden Tragikomödie steht der königliche Exzentriker Xerxes. Der liebestolle König und sein besonnener Bruder Arsamene sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Arsamene macht immer das, was richtig ist, auch wenn er von seinem Bruder und König dafür bestraft wird. Xerxes dagegen will immer das haben, was er nicht kriegen kann und wechselt zwischen strategischer Kriegsführung und seinen Frauen- und Platanen-Geschichten ungeniert hin und her. So plant er, eine gigantische Brücke für sein Heer zu bauen und zugleich die Geliebte seines Bruders, Romilda, zu erobern. Doch ist der König bereits standesgemäß mit der Königstochter Amastre verlobt, die das Ganze als Soldat verkleidet heimlich – und wütend – beobachtet. Liebe, Neid und Eifersucht sowie falsch zugestellte Briefe und irreführende Versprechungen sorgen für allerlei Wirbel, wobei Händel mit den einfachen Mitteln einer Stegreifkomödie die verlogene Gruppe der High Society beleuchtet. Am Ende wird Xerxes in seine Schranken verwiesen und muss einsehen, dass seine Macht keine Gefühle steuern kann. Kann er das Glück bei seiner geliebten Platane wiederfinden?

Xerxes zählt zu Händels letzten Opern. Sie zeugt vom ausgefeilten und virtuosen Spätstil des damals schon gesundheitlich angeschlagenen Komponisten. Nicht nur die überraschende, ganz für sich stehende erste Xerxes-Arie deutet auf eine Erneuerung seiner Musikdramaturgie hin, sondern auch der weitgehende Verzicht auf Da-capo-Formen bei den Arien und deren schnelle Wechsel mit kurzen Rezitativen. So nimmt die Oper ein schwindelerregendes Tempo auf. Händels Spätwerk ist eine bissige Persiflage auf die Sehnsüchte, die Verzweiflung und Macken sowie auf den (selbst)zerstörerischen Größenwahn des Machthabers und zugleich auf eine in sich verstrickte Gesellschaft.

(…) Erst 1924 gruben die Göttinger Händel-Bewahrer die Oper wieder aus. Heute zählt Xerxes zu den meistgespielten Händelopern. Denn sie bietet viel Potenzial für affektiertes schrill-schräges Comedy-Theater auf der Opernbühne.
Dirigent Constantinos Carydis und Regisseur Tilmann Köhler setzen sich mit ihrer jüngsten Produktion an der Oper Frankfurt davon ganz klar ab. Ihnen geht es um die Gefühlswelten, die die Protagonisten in der Geschlossenheit ihrer Gesellschaft durchschreiten und sie in den buffonesken Albtraum stürzen. Das zeigen Carydis und Köhler mit ausnahmslos fantastischen Sänger-Schauspielern bild- und klanggewaltig in ungeschminkter Direktheit, mit brillanter Schärfe und dennoch dezent. Damit erzielen sie das eigentlich Bemerkenswerte dieser Produktion: Intensität in jedem Moment. (…)
So entsteht schönste Musik in allen Facetten menschlichen Leidens zu einem komisch-absurd-dramatischen Spiel. Ein Erlebnis.

Christiane Franke, O-Ton


(…) Hinzu kommen (…) allerlei Briefverwechslungen und Missverständnisse – die Zutaten, aus denen Verwechslungskomödien sind. Aus diesen Zutaten garniert Tilmann Köhler in Frankfurt dann ein drei Stunden kurzes, opulent-rasantes Festbankett: Schon während der Ouvertüre sitzt Xerxes mit allen Opernfiguren an einem barock mit Rosen, edlen Speisen und Fruchtkörben gedeckten Tisch, der im Laufe des Abends immer mehr aus den Fugen gerät. Früchte werden geworfen oder wütend in der Luft zerquetscht, im Rhythmus mancher Flirt-Arie rieselt der Zucker – und wer nicht spurt, wird auch mal unter Essensglocke und Serviette begraben. Klingt nach banalem Klamauk, wird bei Tilmann Köhler aber zu einem packenden Drama – weil er die Figuren in ihrem Eifersuchts-Zorn und in ihren Verletztheiten genauso ernst nimmt wie Händel in seiner Musik.
(…)
Ein falsch verstandener Heiratsbefehl bringt die "einsamen Planeten" auf  der Frankfurter Bühne schließlich wieder zum Umeinanderkreisen - und die richtigen Paare zueinander. Xerxes muss sich damit abfinden – oder doch nicht? Am Ende hat er eine Pistole in der Hand – Ausgang ungewiss. Musikalisch aber wurden längst Volltreffer erzielt. Dank einer spielfreudigen Sängerriege, eines exzellenten Frankfurter Opernorchesters – und Dank Dirigent Constantinos Carydis: Er würzt Tilmann Köhlers Fest-Menu mit allerlei klanglichen Raffinessen – indem er die Streicher am Steg gespielte Eisklänge hervorzaubern lässt, indem Cello und Fagott launige Zwischenkommentare abgeben. Den letzten Ton haben die Sänger – sie summen den ursprünglich instrumentalen Schlussakkord aus: Ein besinnlicher Nachhall auf einen großartigen Opern-Abend.

Ursula Böhmer, Deutschlandfunk Musikjournal


(…) der Dirigent Constantinos Carydis braucht eigentlich überhaupt keine Bühne, er hat ja die Partitur, ein großartiges Sängerensemble und ein hyperaufmerksames Orchester. Xerxes wird unter seiner Leitung das wildeste, ungewöhnlichste und raffinierteste Stück, das Händel geschrieben hat. Er findet für jede Arie einen eigenen Ton, eine neue Farbe, für jedes Rezitativ ein eigenes Tempo und grandiose Effekte. Jede Seelenregung wird ausgeleuchtet, jede Träne – auch die falsche – ausgekostet.
Auf der Bühne ist der Xerxes von Gaëlle Arquez das sängerische Machtzentrum. Mit beweglichem Mezzo, rund, warm und voll, bestimmt sie das Handeln derer, die reagieren müssen: Lawrence Zazzo ist ein wunderbar hilflos-schmachtender Arsamene, Louise Alder eine kokett-scheiternde Atalanta und Tanja Ariane Baumgartner eine heroisch-leidende Amastre. Kraftquell der musikalisch hochkarätigen Aufführung ist aber vor allem einer: der geniale Carydis.

Bernd Zegowitz, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg


(…) So stellt der Regisseur Tilmann Köhler zum Happy-End-Jubel von Instrumenten und Chor Elizabeth Sutphen auf den Steg, der am Sonntagabend den Orchestergraben von den Zuschauern trennt. Als Romilda, die von zwei Männern begehrt wird, singt die Sopranistin alleine vom Glück der Zweisamkeit, während hinten im Dunkel die anderen Bühnenfiguren schunkeln. Oder schwanken? Das Publikum ist der Sängerin näher als die Mitspieler, die Öffentlichkeit ist ihr einziges Gegenüber, und sie singt auf diese zu, als poste sie ihre private Meinung auf Facebook und warte nur auf die kollektiv-unverbindliche „Gefällt mir“-Bestätigung. Dann verteilen sich die Sänger im Raum. Nur Xerxes bleibt auf der Spielfläche zurück. Gaëlle Arquez singt mit Hingabe, feinen Farben und großer Koloratur- und Phrasierungskunst die hochvirtuose Partie des Königs, der meinte, auch Gefühle beherrschen und befehlen zu können, und der jetzt hilf- und machtlos da steht. Nicht einmal die finale Affirmation gesteht der Regisseur dem Titelhelden zu: Verzweifelt führt Xerxes, während der Vorhang fällt, eine Pistole an die Schläfe.
(…)
Sutphen und Arquez sind zwei wunderbare Sängerinnen in einer glänzenden Sängerbesetzung. Lawrence Zazzo (Arsamene), ein glühend agierender Countertenor mit schönem dunklem Fundament, gehört dazu, außerdem die spielfreudige, auch bei raschen Höhentönen bewundernswert präzise Louise Alder als Atalanta. Tanja Ariane Baumgartner als Amastre liefert in ihrer letzten großen Arie, während ihrer Rückverwandlung vom verkleideten Mann zur zerbrechlichen, verzweifelt Liebenden, ein packendes Meisterstück, und sowohl Brandon Cedel (Ariodate) als auch Thomas Faulkner in der lustigen Spielrolle des Elviro sind exzellent besetzt.
(…) auch aus dem angehobenen Orchestergraben ertönt Wundersames. Am Pult des Frankfurter Museumsorchesters steht Constantinos Carydis, an dessen frühe Tage sich mancher Stuttgarter Opernbesucher noch gerne erinnern mag, und der hat die Musiker streng in Richtung historisch informierter Aufführungspraxis getrimmt, sodass die Bögen klirren und die Ecken und Kanten der oft überraschend kleingliedrig komponierten Musik, und vor allem der rhythmischen Bewegungen wirken wie aus hartem Klangstein herausgemeißelt. (…) der Gesamteindruck ist, auch im Zusammenwirken mit den vom Orchester farblich wunderbar gestützten Sängern, nicht nur beim großen Händel-Hit zu Beginn („Ombra mai fu“) exzellent. Die Heterogenität der Musik, das Nebeneinander des Unterschiedlichen: Unter Carydis wird es Ereignis, und immer wieder kommentiert das Orchester auf intelligente, oft gar witzige Weise das Bühnengeschehen mit improvisierten Gesten, feiner dynamischer Differenzierung und vielen sprechenden Klangfarben. Das Publikum jubelt. Es hätte „Gefällt mir“ geklickt.

Susanne Benda, www.stuttgarter-nachrichten.de


(…) Köhler gewährt in seiner Inszenierung mithilfe von Live-Videoprojektionen und aufgezeichneten Bildern (Marlene Blumert) einen Blick auf Neid und Missgunst der herrschenden Klasse, steckt den persischen König und seine Getreuen in moderne Anzüge (Kostüme: Susanne Uhl), schält das Geschehen so aus der Historie heraus und transportiert es ins Hier und Heute. Das funktioniert ohne Aderlass.
Xerxes trägt leidenschaftlich sein Gefühlsleben zur Schau und verwüstet dazu im ersten Akt triebhaft die Tafel. Seine Liebe zu Romilda wirkt tief, spiegelt aber letztlich doch nur die eigene Eitelkeit und Angst vor dem Alleinsein. Zum Rauchen geht der sich selbst überschätzende Monarch brav nach draußen unter seine Platane, die im dritten Akt ihre Blätter abwirft. Nebenbei will der König eine Brücke von Asien nach Europa bauen lassen – der schwankende Kontrapunkt zum fest verwurzelten Baum. (…)

Manfred Merz, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) So üppig die Tafel, so verschwenderisch das musikalische Füllhorn, das der Dirigent Constantinos Carydis mit dem für das Barocke längst bestens geeigneten Opernorchester ausschüttete. Dieser Händel klang extrem abwechslungsreich, oft perkussiv aufgrund der Lauten und Gitarren, aber auch der Rassel-, Trommel- und Triangelinstrumente, die Carydis nicht nur bei motorisch-schnellen Nummern mitmachen ließ. Eine sanft klopfende Kastagnette zur ruhigen Lamento-Arie, warum nicht? Ein Griff in den Cembalo-Resonanzkörper für einen Schnarr-Effekt, nur zu.
Die Musiker nahmen sich alle Freiheiten und gingen gekonnt damit um. Xerxes nur nach Noten, das würde sich etwas ziehen. (…)

Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau


Scha­de, dass Pa­pier nicht sin­gen kann und kei­ne Tö­ne über­tra­gen kann. Denn dann könn­ten Le­ser auch hö­ren, wie Hän­dels Oper Xer­xes im Frank­fur­ter Opern­haus klingt. Ein fu­rio­ser Zau­ber, von dem man auch nach gut drei Stun­den rei­ner Spieldau­er nicht ge­nug be­kom­men konn­te. Es hät­te ein­fach so wei­ter ge­hen kön­nen mit all den Ari­en, mit der traum­haf­ten Mu­sik.
(…)
Regisseur Tilmann Köhler hat aus den gut drei Stunden Musiktheater ein kurzweiliges Vergnügen gemacht. Unaufgeregt und zurückhaltend hat er Regie geführt. Schlicht ist das Bühnenbild (Karoly Risz), das ein Festbankett im Schloss von Xerxes zeigt – und in einem Fenster eine Etage darüber den Baum, den der König so liebt. Und die Videoeffekte (Marlene Blumert) sind bewusst und sparsam eingesetzt und wirken nicht aufdringlich. (…)

Bettina Kneller, Main-Echo Aschaffenburg


(…) Großes Kino zu Beginn. Gaëlle Arquez singt „Ombra mai fu“, jene göttliche Eingebung Georg Friedrich Händels, eine der berühmtesten Arien der Musikgeschichte. Das Publikum schmilzt dahin, schönerer Schatten war nie, gespendet von einer Platane. In der Tat: Xerxes, der mächtige Perserkönig, liebt einen Baum. Der kann seinem Begehr nicht widersprechen, nur leise mit seinen Blättern wispern – ironische Idealkonstellation für eine emotional schwierige Existenz. Das kleine Orchester sitzt hinter ihm, ist Bestandteil der Bühne, wieder dahinter der Vorhang, auf ihn projiziert die Platanenkrone, in der man herrlich kuscheln und sich verstecken kann.
(…) Immer wieder fasziniert Händels Kunst, aus wenigen Tönen und kleinen Motiven herrliche Melodien zu formen und vor allem Affekte zu vermitteln. Also Furcht und Verzweiflung, Freude und Sehnsucht.
(…)
Man hört sie unmittelbar, so kongenial steuert und animiert Constantinos Carydis die mit Blockflöte (wunderbar: Sabine Ambos) verstärkte, mit Laute und Gitarre, Cembalo und Orgel grundierte Barockgruppe des Museumsorchesters. Noch nicht mit allerletzter Präzision, aber aufmerksam, mit beweglichen Tempi und geschärften Rhythmen erklingen die gefühlvollen Bögen und wütenden Koloraturen, ein stetes Hin und Her von Rezitativen, in denen die Sänger miteinander streiten, und Arien, die bisweilen auftrumpfend ihre Persönlichkeit betonen.
So gelingt es allen, sich und ihre Interessen in den Vordergrund zu spielen. Ein Sängerwettstreit nur mit Siegern. Gaëlle Arquez: temperamentvoll, ausdrucksstark und dynamisch in der Titelpartie; Lawrence Zazzo mit kraftvollem, selbstbewusstem Countertenor (…) als Arsamene; Elizabeth Sutphen, erstaunlich reifes Mitglied des Opernstudios, als eher mädchenhafte Romilda; die resolute Louise Alder, die mit ihrer Stimme alles kann, kecke Staccati ebenso wie rasante Koloraturen und eine tolle Schauspielerin überdies (Atalanta); Tanja Ariane Baumgartner, ebenfalls aus dem Ensemble, als dunkel umwitterte, soldatische Femme fatale (Amastre, von Xerxes verlassene Braut); der Bariton Brandon Cedel, Romildas und Atalantas Vater Ariodate, und Thomas Faulkners ziemlich aufdringlicher Elviro, Diener und Strippenzieher vom Dienst. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


Für Händel hat Regisseur Tilmann Köhler ein glückliches Händchen. Das bezeugt einmal mehr sein Xerxes, der als Erstaufführung an der Oper Frankfurt gleich auf Erfolgsspur geht. Beflügelt wird das Stück vom Opern- und Museumsorchester, das der griechische Gastdirigent Constantinos Carydis stark in Fahrt bringt. Und von den Gegenspielern Gaëlle Arquez (Xerxes) und Countertenor Lawrence Zazzo (Arsamene), die sich gesanglich in reizvoller Umkehr der Geschlechter nichts schenken.
Barockes Leben in Saus und Braus: Über drei Stunden in einer zwischen Liebeskomödie und -tragödie changierenden Händel-Oper die Spannung zu halten, ist ein starkes Stück. Dazu nutzt das Regieteam schon zur Ouvertüre cineastische Kunstgriffe. Auf der durchsichtigen Leinwand ist das große Fressen als Video-Projektion angesagt. Eine üppig bestückte Tafel rückt auf der von hohen Wänden abgeschlossenen Bühne in den Mittelpunkt, Blickfang für die Liebesirrungen und Wirrungen einer geschlossenen Gesellschaft von Egomanen, die sich als Leute von heute entpuppen (Ausstattung: Karoly Risz, Susanne Uhl). (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post

Ihre Auswahl

Sonntag
15. Januar 2017
Beginn
19.00 Uhr
Dauer
ca. 3 Std. 15 Min. inkl. Pause
Ort
Opernhaus
Abonnement
Serie 03
Preise
A

Besetzung

Musikalische Leitung
Constantinos Carydis
Regie
Tilmann Köhler
Bühnenbild
Karoly Risz
Kostüme
Susanne Uhl
Licht
Joachim Klein
Video
Marlene Blumert
Dramaturgie
Zsolt Horpácsy
Xerxes
Gaëlle Arquez
Arsamene
Lawrence Zazzo
Romilda
Elizabeth Sutphen *
Atalanta
Louise Alder
Amastre
Tanja Ariane Baumgartner
Ariodate
Brandon Cedel
Elviro
Thomas Faulkner

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

* Mitglied des Opernstudios