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La Damoiselle élue / Jeanne d`Arc au bûcher

Claude Debussy 1862-1918
Arthur Honegger 1892-1955

La damoiselle élue
Poème lyrique

Text von Dante Gabriel Rosetti (1850, in der französischen Übersetzung von Gabriel Sarrazin)
Uraufführung am 8. April 1893, Société nationale de musique, Paris

Jeanne d`Arc au bûcher
Dramatisches Oratorium, Text von Paul Claudel
Konzertante Uraufführung am 12. Mai 1938, Großer Musik-Saal, Basel; szenische Uraufführung (auf Deutsch) am 13. Juni 1942, Stadttheater, Zürich
Eine Koproduktion mit dem Teatro Real Madrid

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Einführung vor jeder Vorstellung eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer

LA DAMOISELLE ÉLUE
Die Auserwählte Elizabeth Reiter
Die Erzählerin Katharina Magiera

JEANNE D'ARC AU BÛCHER
Jeanne d'Arc Johanna Wokalek
Bruder Dominique Sebastien Dutrieux
Die Heilige Jungfrau Elizabeth Sutphen*
Heilige Margarethe Elizabeth Reiter
Heilige Katharina Katharina Magiera
Porcus, Herold, Der Schreiber Peter Marsh
Eine Stimme, Herold, Ein anderer Bauer Dietrich Volle
Der Esel, Herold, Ein Bauer Étienne Gillig
Zeremonienmeister, Perrot, Ein Priester, Bedford Konstantin Bühler

*Mitglied des Opernstudios

Dieser Musiktheaterabend vereint zwei gegensätzliche Werke, die in dieser Kombination noch nie zu erleben waren: Auf Debussys Kantate um eine jung verstorbene Frau, die aus dem Himmel herab voller Wehmut über das verlorene Liebesglück auf ihren schlafenden Geliebten blickt, folgt Honeggers szenisches Oratorium um die Jungfrau von Orléans, in dem sich historische Fakten und theatralisch-symbolische Überhöhungen überlagern und ein eindringliches Porträt der französischen Nationalheldin in ihrer Todesstunde ergeben.

Claude Debussy schrieb sein empfindsames Frühwerk 1889 für zwei Gesangssolistinnen, Damenchor und Orchester, als er noch ganz im Bann von Richard Wagner stand. Wie ein fernes Echo auf Kundry und die Blumenmädchen anmutend, gelingt ihm eine Momentaufnahme von sinnlicher Kraft und zart-trauernder Stimmung. Das vertonte symbolistische Gedicht schrieb der englische Maler und Dichter Dante Gabriel Rossetti 1850. Später malte er die gesegnete Jungfrau (»Blessed Damozel«) im Goldrahmen ihres Himmelssitzes auch in präraffaelitischer Manier. In der französischen Prosaübersetzung von Gabriel Sarrazin von 1883 atmet der Text den Geist Baudelaires, Verlaines und Mallarmés, die für Debussy Hauptquelle seiner Inspiration waren.

Der Schweizer Komponist Arthur Honegger tat sich 1934 mit dem französischen Dramatiker Paul Claudel zusammen, um ein Oratorium über Jeanne d’Arc zu schreiben. Nach anfänglichem Zögern wurde eine Vision für Claudel zum Auslöser, seine ganz eigene Sicht auf die 1431 in Rouen als Ketzerin verbrannte und 1920 vom Papst heiliggesprochene Jungfrau von Orléans zu entfalten. Die Hauptrollen werden teilweise gesungen, teilweise gesprochen. Fantastische Szenen wechseln mit wuchtigen Chorauftritten und dem berührenden Dialog zwischen Jeanne und dem Mönch Dominique, während sie auf dem Scheiterhaufen die Stationen ihres Lebens noch einmal durchlebt. Der katalanische Theatermacher Àlex Ollé, Direktoriumsmitglied der für ihre zirzensischen Spektakel berühmten Gruppe La Fura dels Baus, kommt mit diesem Doppelabend erstmals an die Oper Frankfurt. Nachdem Marion Cotillard aufgrund ihrer Schwangerschaft für die Rolle der Jeanne d`Arc absagen musste, konnte die bekannte Schauspielerin Johanna Wokalek für diese Partie gewonnen werden. 

(…) In der Frankfurter Neuproduktion ist es Johanna Wokalek, die im Mittelpunkt des kaum anderthalb Stunden dauernden Werks [Jeanne dʼArc au bûcher] steht und darin mit äußerster szenischer Wucht und darstellerischer Eindringlichkeit fasziniert.
Im Gespräch mit Bruder Dominique (Sébastien Dutrieux) nimmt sie Rückblick auf ihr Leben, ihre Leiden, die auch gegenwärtige sein könnten. Autowracks auf der Bühne deuten darauf hin, auch Jeannes zeitgemäße Alltagskleidung (Kostüme: Lluc Castells).
In der Doppelproduktion steht dem Oratorium ein Stück voran, das ebenfalls kein dramatisches ist: Claude Debussys lyrisches Poem La Damoiselle élue (Die Auserwählte) stellt sozusagen den himmlischen Prolog für die Leiden der jungen Johanna dar. Eine Frau, von Elizabeth Reiter rein, weiß und ätherisch gesungen, blickt darin aus dem Jenseits auf ihren schlafenden Geliebten; eine Erzählerin (Katharina Magiera) und der Frauenchor erweitern vokal diese kurze Rarität, die manchmal noch die Einflüsse Richard Wagners (Parsifal) spüren und manchmal den späteren Debussy (Pelléas et Mélisande) ahnen lässt. Jedenfalls in der weichen, warmen, aber starken Untermalung des Frankfurter Opernhaus- und Museumsorchesters unter seinem Gastdirigenten Marc Soustrot. (…)

Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier


(…) Ein Musiktheaterstück mit zwei sprechenden Schauspielern als Hauptpersonen: auch das eine artifizielle Spezialität von Honeggers Jeanne. Unter dem irdischen Personal einziger Nichtfeind der Jungfrau: Sébastien Dutrieux’ nobler, mit schlichter Zivilkleidung seriöser Frère Dominique. Und Jeanne selbst: hervorragend textverständlich mit Johanna Wokalek, die auch im nicht überpathetisierten Spiel mehr die Leidende als die katholisch-patriotisch predigende Seherin hervorhob. Die französische Sprache ist in vielerlei Hinsicht wohl unaufgebbar essentielles Moment der Stückvergegenwärtigung.
Mit gewaltigen Chören und Kinderchören (einstudiert von Tilman Michael und Markus Ehmann) wurde dem Schwergewicht blockhaft-realistischen vokalen Massenklangs bestens Rechnung getragen. Umsichtig und stilgenau differenzierten Gastdirigent Marc Soustrot und das Opernorchester zwischen der behutsam abgetönten Debussy-Klanglichkeit und dem breiten Pinsel einer auch gröbste Wirkung souverän einbeziehenden Interpretation der Honegger-Textur.

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Im Breitwandfilm-Format hat der spanische Regisseur Àlex Ollé die Erinnerungen der Bühnenheldin Jeanne d‘Arc kurz vor ihrem Feuertod verhandelt und die chorischen Massenszenen mit Momenten tiefen Menschenleids konfrontiert. Starke Anteilnahme war auch Filmschauspielerin Johanna Wokalek gewiss, die sich in der Titelrolle einmal mehr als großartige Tragödin erwies.
Dem dramatischen Geschehen hatte Ollé Claude Debussys Kantate La Damoiselle élue auf einen Text von Gabriel Rosetti (1828-1882) vorausgeschickt, erotisch-mystische Szene um eine Frau (Elizabeth Reiter mit betörendem Sopran), die sich im Himmel nach körperlicher Liebe zu ihrem noch irdischen Gefährten sehnt, der im Schoße einer Erzählerin (Mezzosopranistin Katharina Magiera) ruht. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Der große gemischte Chor, im Forte von Natur aus heterogen, wird vom Komponisten hier vollkommen zerrissen, man möchte sagen: geschändet. Wenn dann noch das Ondes Martinot – eine klanglich verzweifelte Frühform des Synthesizers – fortissimo aufjault, dann ist die Hölle komplett. Chor, Extrachor, später auch der Kinderchor der Oper Frankfurt und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester laufen hier zu Hochform auf, Dirigent Soustrot beherrscht die großflächigen Eruptionen sicher.

Helmut Mauró, Süddeutsche Zeitung


(…) Auf Erden keine Nationalsozialisten, die Honegger und Claudel bei der Gestaltung der boshaften Richter und Engländer wohl im Sinn hatten, auch kein 100jähriger Krieg, sondern ein nah an die Gegenwart gebautes, für „La Fura“-Verhältnisse ungewöhnlich handgemachtes, Monster-Gleichnis. Wir sehen eine Welt, die zur Beute der Skrupellosen und Gierigen geworden ist. Deren Szenen sind teilweise auf fast Brecht’sche Weise wurschtig hingerotzt, was ihnen keinerlei Kraft entzieht, im Gegenteil. Der Herzog von Bedford und seine Spießgesellen kommen lässig im Pelzmantel, wenn sie Land und Volk unter sich auftauen, die Herrscher werden als Kinder in Gala-Uniform vorgeführt. Und die „einfachen Menschen“ tragen nur Fetzen am Leibe, suhlen sich verwahrlost in ihrer Not, Aggression und Nacktheit, werden in der Gerichtsverhandlung als Schafe, später einmal als betrunkene Fußball-Hooligans und Karnevals-Fanatiker vorgeführt. Satt werden, Ablenkung und Opfer suchen, sich auf Tribünen zusammenrotten, Wut kanalisieren. Kein fühlendes Wahrnehmen des anderen, nirgends. Selbst das so schön singende Mädchen knechtet den Esel. Ein so erschreckender wie plakativer Blick auf die Welt, der von der Musik deutlich gestützt wird, mal fast rituell wütend, mal hemmungslos ironisch, selten kontemplativ sehnsüchtig. (…)

Andreas Falentin, www.die-deutsche-buehne.de


(…) Musikalisch immer hellwach und mutig in ihrer entblößten Darstellung singen sich Chor und Extra-Chor durch ihren rhythmisch fordernden Part, dabei bestens präpariert von Tilman Michael und Markus Ehmann (Kinderchor). Johanna Wokalek als hochdramatische Jeanne d’Arc leidet glaubhaft an ihrer existenziell bedrohlichen Lage. Eindrücklich versucht Schauspieler Sébastien Dutrieux, ihr – als Vision Bruder Dominiques – die Situation zu erklären. Ein Großteil der übrigen expressiven Gesangsrollen sind mit Debütanten des Frankfurter Ensembles besetzt.
Die musikalische Leitung liegt in den kundigen Händen von Marc Soustrot, den im Verein mit dem Frankfurter Museumsorchester trotz wildem Bühnenspektakel nie die Souveränität verlässt. Trotz der provokanten Nacktszenen am Ende großer Jubel, besonders für die überragende Johanna Wokalek und die Chöre.

Bettina Boyens, Frankfurter Neue Presse


(…) Die satirischen Handlungselemente zeichnet Ollé (…) trefflich und mit kräftigsten Strichen. Des Gerichtshofes Vorsitzender, Schreiber und Geschworene in Gestalt von Schwein, Esel und blökenden Schafen verwandeln sich aus bloßen Allegorien zu tatsächlichen, doch gänzlich vertierten Menschen einer in völliger Auflösung begriffenen Gesellschaft. (…)
(…) Richter Porcus in der Tenorgestalt von Peter Marsh beugt das Recht im vokalen Spaziergang durch die unentwegt hoch liegende Partie. Nicht nur, dass Marsh über genügend Reserven verfügt, um satirisch perfekt pointierte stimmliche Akzente zu setzen, mit denen er das Groteske der Rolle voll auskostet, auch darstellerisch legt er sich mächtig ins Zeug. Das gemischt deutsch-französische Schauspielensemble agiert wie aus einem Guss. Die Leistungen der Sängerdarsteller entsprechen dem, was sich für die entsprechenden Partien an einem großen Haus erwarten lässt.  (…)

Michael Kaminski, O-Ton


(…) Traumhaft schöne Bilder (…).

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Orchestrale Klammer ist das elektronische Dröhnen des monophonen Musikinstruments Ondes Martenot, das immer dann ertönt, wenn der Wahnsinn um die unselige Jeanne kulminiert. Regisseur Ollé verortet diese mit Jeans und T-Shirt bekleidetet Johanna, deren kurzes Leben in Rückblenden erzählt wird, erklärtermaßen „in einer nahen Zukunft“, vor der es einem schaudert, gemessen an der szenischen Gegenwart. (…)

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


(…) Elisabeth Reiter singt die liebende Frau [in La Damoiselle élue] im selben güldenen Foliengewand wie später die heilige Margarete. Katharina Magiera ist hier noch die erdenschwere Erzählerin. Später wird auch sie sich das Heiligengold und die Rauschgoldengelperücke anziehen und mit ihrem prägnanten, hinreißend schlank geführten Alt als heilige Katharina musikalisch das Finale anführen, auch räumlich im oberen Teil der vertikal konstruierten Bühne, deren Gestaltung der Klangarchitektur Honeggers nahezu vollendet entspricht. (…)

Andreas Falentin, www.concerti.de


(…) Das Kriegsgericht mit seinen tierischen Vertretern, einem Schwein als Richter (…), einem Esel als Schreiber (derb: Schauspieler Etienne Gillig), zieht vorbei, nicht nur der Klerus trägt Phallus, in einen Käfig gesperrte Soldaten sind starkes Symbol latenter Aggression. Chor, Kinderchor, Extrachor – sie alle werden stark gefordert, deklamieren schneidend und genau, während Ollé, Mitgründer der katalanischen Künstlergruppe „La Fura dels Baus“, sie mit elementarer Wucht führt. Enorm exakt ausgearbeitet ist die Szene, in deren oberer Hälfte sich nicht ohne Ironie goldene Gestalten zeigen.
Die beiden Frauenfiguren Debussys kehren als Heilige Margarethe und Katharina wieder und sprechen zu Jeanne, doch von Sakralkitsch bleibt die Inszenierung weit entfernt, zeigt stark vielmehr die Zeitlosigkeit aller Menschenbrutalität. Und das geht, in Frankfurt ganz im Einklang mit Honeggers gehärteter und vom Sirenen-Sound der Ondes Martenot geprägten Musik, ganz tief unter die Haut.

Axel Zibulski, Wiesbadener Kurier


(…) Das Spektakuläre, das Produktionen von „La Fura dels Baus“ üblicher Weise auszeichnet und das auch hier für eine sich geradezu körperlich mitteilende Emotionalität sorgt, wirkt gar nicht oberflächlich auf äußere Effekte bezogen, sondern werkimmanent. Das Spektakel hat gedankliche Tiefe. (…)

Michael Demel, www.deropernfreund.de


(…) Die Chöre der Frankfurter Oper, die zahlreichen durchweg bestens disponierten Solisten und das Frankfurter Opern- und Museumorchester unterstrichen diese dem Werk immanente hochdramatische Entwicklung, die Szene an Szene dicht aneinanderreiht und nahtlos Spannung erzeugt. Das lohnt. Denn hörenswert ist diese Musik auf jeden Fall.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Ein unglaubliches Spektakel, spektakulär in Szene gesetzt vom künstlerischen Leiter des berühmten katalanischen Theaterkollektivs „La Fura dels baus“, Àlex Ollé und seinem Team. (…)

Andrea Richter, www.faustkultur.de

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Premiere
Sonntag
11. Juni 2017
Beginn
18.00 Uhr
Dauer
ca. 1 Std. 45 Min. ohne Pause
Ort
Opernhaus
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Serie 01
Preise
P

Besetzung

Musikalische Leitung
Marc Soustrot
Regie
Àlex Ollé (La Fura dels Baus)
Regiemitarbeit
Susana Gómez
Bühnenbild
Alfons Flores
Kostüme
Lluc Castells
Licht
Joachim Klein
Video
Franc Aleu
Chor, Extrachor
Tilman Michael
Kinderchor
Markus Ehmann
Dramaturgie
Konrad Kuhn

La Damoiselle élue

Die Auserwählte
Elizabeth Reiter
Die Erzählerin
Katharina Magiera

Jeanne d`Arc au bûcher

Jeanne d'Arc
Johanna Wokalek
Bruder Dominique
Sébastien Dutrieux
Die Heilige Jungfrau
Elizabeth Sutphen *
Heilige Margarethe
Elizabeth Reiter
Heilige Katharina
Katharina Magiera
Porcus, Ein Herold, Kleriker I
Peter Marsh
Stimme, Ein Herold
Dietrich Volle
Der Esel, Ein Herold, Kleriker II
Étienne Gillig
Zeremonienmeister, Bedford
Cédric Chayrouse
Ein Herold, Perrot, Ein Priester
Konstantin Bühler
Jean de Luxembourg
Julia Katharina Heße
Regnault de Chartres
Florian Richter
Guillaume de Flavy
Roberto Cassani
Mühlenwind
Pere Llompart
Mutter Weinfass
Christiane Gänßler

Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

* Mitglied des Opernstudios