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Der Sandmann

Andrea Lorenzo Scartazzini *1971

Oper in zehn Szenen nach Motiven der gleichnamigen Erzählung (1815) von E.T.A. Hoffmann. Text von Thomas Jonigk.
Der Sandmann ist ein Auftragswerk des Theater Basel, die Uraufführung fand am 20. Oktober 2012 in Basel statt.
Übernahme der Uraufführungsproduktion

Mit Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor jeder Vorstellung im Holzfoyer

Nathanael Daniel Schmutzhard
Clara / Clarissa Agneta Eichenholz
Vater Thomas Piffka
Coppelius Hans-Jürgen Schöpflin
Lothar Daniel Miroslaw

Die Geister der Vergangenheit sind treue Wegbegleiter. Sie rauben den Schlaf, verdunkeln das Gemüt und nisten sich in den Nervenbahnen ein. Während der Schriftsteller Nathanael über seinem autobiografisch angelegten Roman brütet, sitzen ihm Gestalten seiner Kindheit schwer auf den Schultern. Die Monster erscheinen in Gestalt des toten Vaters und dessen Compagnon Coppelius, die Nathanael mit Ängsten nähren und ihn zum Wurm seiner eigenen Existenz machen. In seinen Albträumen eröffnet sich jedoch ein Möglichkeitsraum für den schöpferischen Prozess. Seltsam verkrampft ist Nathanaels Beziehung zu der Bankierstochter Clara, die sein Begehren nur noch in einer merkwürdig leblosen Wunschprojektion wecken kann.

Auf der Basis von E.T.A. Hoffmanns berühmtem Nachtstück Der Sandmann (1815) haben Andrea Lorenzo Scartazzini und der Dramatiker Thomas Jonigk für ihre 2012 am Theater Basel uraufgeführte Oper Grundzüge der Handlung und schauerlich-romantische Motive extrahiert. In zehn Szenen wird Nathanaels Zustand als psychotischer Trip in die Unbehaustheit des eigenen Ich abgeschritten. Das Unheimliche gleicht im Freud’schen Sinne einer Chimäre, die Vertrautes und Verdrängtes zum Vorschein bringt und in hässliche Fratzen verwandelt. Dabei sind Jonigks Figuren keine historischen, sondern unsere Zeitgenossen: Sie sprechen unsere Sprache, sie kennen das Gefühl von Selbstzweifeln und die Überforderungen des Seins – ob als Kinder unserer Eltern, als kreativ Schaffende oder als Liebende.

Bedrohlich hallen die Schreie und das Flüstern in Nathanaels Kopf nach: »Nie klangen Traumata verstörender. Und schöner«, singen die Besucherinnen seiner Buchpräsentation. Der Schweizer Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini, Schüler von Rudolf Kelterborn und Wolfgang Rihm, der bereits 2006 mit seiner ersten Oper Wut Aufsehen erregte, erzählt von realen und illusionären Zuständen mit einer Musik, die alles andere als abstrakt ist. Physisch packend, äußerst sinnlich und immer nah an der theatralen Situation erfasst Scartazzini in seiner »Wahnsinns«-Oper die von Gewalterinnerungen und sexuellen Fantasien bestimmte Persönlichkeit Nathanaels, ohne lyrische Momente, surreale Klänge und ironische Brechungen auszulassen. 

(…) Man kann E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann als große Krankengeschichte lesen. So tut es Thomas Jonigk, der für Andrea Lorenzo Scartazzini das Libretto geschrieben hat. Und der 1971 geborene Schweizer Komponist hat daraus ein grandioses Musiktheaterwerk komponiert, das die desolate Innenwelt des Dichters ausleuchtet. Das große, in raffinierten Klangmischungen virtuos eingesetzte Orchester macht die Verwirrung dieses Mannes hörbar, vom unruhigen Pochen bis zum verzweifelten Ausbruch der Klanggewalten. Scartazzini besitzt ein großes Repertoire an Ausdrucksmitteln, die er gleichwohl ökonomisch und gezielt einsetzt, um die Episoden dieses inneren Dramas zu formen. Das ist keine verrätselte oder verkopfte Musik, sie arbeitet mit unmittelbarer Sinnlichkeit, und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester gelingt unter der Leitung von Hartmut Keil eine ungemein plastische Wiedergabe, die doch die Singstimmen nicht überdeckt. (…)

Johannes Breckner, Wiesbadener Kurier


(…) Mit Bravour meisterte die Frankfurter Oper die Deutsche Erstaufführung von Scartazzinis zweitem Werk Der Sandmann. Intendant Bernd Loebe hatte sich zum Saisonauftakt zur Übernahme der erfolgreichen Basler Uraufführung entschlossen und mit der Besetzung des wahnsinnigen Nathanael durch Ensemblemitglied Daniel Schmutzhard sängerisch ins Schwarze getroffen. Nicht nur der facettenreich spielende Bariton, auch Dirigent Hartmut Keil und der Frankfurter Opernchor liefen bei der Premiere zu großer Form auf. Viele Bravos brandeten Regisseur Christof Loy und der schwedischen Sopranistin Agneta Eichenholz in der Doppelrolle von Clara und Clarissa entgegen, ebenso wie den beiden markanten Tenören, die bereits in der Uraufführung 2012 für Furore sorgten: Thomas Piffka als zynischem Vater und Hans-Jürgen Schöpflin in der Rolle des tückischen Coppelius.
(…) Im Verein mit Christof Loys konzentrierter Personenregie und Barbara Prals Düsterbühne ergab das ein Gesamtkunstwerk, das sicherlich auf weiteren Bühnen reüssieren wird.

Bettina Boyens, Gießener Allgemeine Zeitung


(…) Christof Loy lässt das in seinem wundersam packenden Regiekonzept in einer Schwebe, die im besten Sinne tragikomisch ist – und trifft damit genau den Ton von Andrea Lorenzo Scartazzinis oft schwebend zarter, fein gewebter Sphären-Musik. Ihm, der auch bei Wolfgang Rihm gelernt hat, ist mit seiner bildhaften Klangsprache wieder einmal das gelungen, was man gute alte Handlungsoper nennen könnte – etwas, das selten geworden ist in der zeitgenössischen Musikszene.

Ursula Böhmer, SWR 2 / Journal am Mittag


(…) Nathanael wird in Frankfurt von Daniel Schmutzhard in bester, höchst beweglicher Stimmverfassung verkörpert: Ein junger Mann, der durch seine entgleitenden Realitätsfragmente traumwandlerisch hindurchfindet zum finalen Abgrund. Ernst und dann in der Doppelrolle als Clara/Clarissa abgründig mit markantem, unlieblichem Sopran Agneta Eichenholz, die die Rolle schon in Basel sang. Die beiden Sekundär-Schöpfer als groteske Vater-Bilder, die überall auftauchen, mit leichten und schmelzenden Stimmen Hans-Jürgen Schöpflin als Coppelius und, ebenfalls schon in Basel dabei, Thomas Piffka als Vater Nathanaels. Mit schönem, fundierendem Organ Daniel Miroslaw als Lothar.
Frankfurts ehemaliger Kapellmeister Hartmut Keil hat die Finessen der Scartazzinischen Klangfiguren bestens herausgearbeitet und auch die Schlagkraft der mächtigen Passagen. Souverän der Opernchor als geisterhafte Stimmen-Kulisse und heftig auftretendes Massen-Ornament.

Bernhard Uske, Frankfurter Rundschau


(…) Das ganze 80-minütige Stück über werden die Ebenen ineinandergeschoben, nicht separiert – eine geniale und auch in den technischen Abläufen perfekt inszenierte Idee des Regisseurs Christof Loy, die immer wieder für Überraschungen sorgt, Fragen beantwortet, die niemand stellt und Lösungen anbietet, mit denen niemand rechnet.
(…)
Der Abend ist einfach grandios und in seiner Beklommenheit fast vergnüglich, weil Text und Musik so gut ineinandergreifen, sich gegenseitig unterstützen, kommentieren, durchdringen. Daniel Schmutzhard (Nathanael) und Agneta Eichenholz (Clara/Clarissa) tragen das Stück durch Spielfreude, Hingabe und rastlosen Einsatz. (…)

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Wieder einmal zeigte sich Regisseur Christof Loy als Spezialist für seelische Notfälle. Der Frankfurter Ex-Kapellmeister Hartmut Keil war ein motivierender Steuermann durch modernistische Klangidiome, die das Opern- und Museumsorchester wie selbstverständlich zu regulieren verstand. Eine starke Leistung bot zudem das Ensemblemitglied Daniel Schmutzhard als gepiesackter Patient in einer spannenden klinischen Fallstudie, die mit 80-minütiger Spieldauer weder zu lang noch zu kurz ist. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


Die Deutsche Erstaufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis Der Sandmann hat am Sonntagabend an der Oper Frankfurt viele Bravos geerntet. Besonders angetan zeigten sich die Zuschauer von Ensemblemitglied Daniel Schmutzhard in der Hauptrolle des Nathanael und der schwedischen Sopranistin Agneta Eichenholz, die in der Doppelrolle von Clara und der Automatenpuppe Clarissa zu sehen war. Einhellige Zustimmung erhielt Regisseur Christof Loy für seine punktgenaue Arbeit.
(…)
Gefeiert wurde auch der Schweizer Komponist Scartazzini, dem es meisterhaft gelungen ist, die berühmte Psycho-Novelle des schwarzen Romantikers E.T.A. Hoffmann in packende Musiksprache zu übersetzen. In den wahnsinnigen Klängen des Rihm-Schülers gab es herausfordernde Partien für den Opernchor, der sich bestens disponiert präsentierte. Obwohl diese wuchtige Klanggewalt nichts für zartbesaitete Naturen ist, war nach 80 Premierenminuten klar: Diese zeitgenössische Oper wird ihren internationalen Weg des Erfolgs gehen.

Bettina Boyens, www.musik-heute.de


(…) Jonigks Libretto fasst den mystischen Psychothriller in eine für die Opernbühne herrlich unangemessen anmutende, schlicht-moderne Sprache voll Plattitüden und ironischer Brechungen. Scartazzini wiederum weiß dieser Handlungsoper eine theatralisch-effektvolle Tonsprache zu geben. (…)

Miriam Zeh, www.bachtrack.com


(…) Christof Loys Meisterschaft bezeugt zudem einmal mehr die Choreografie des Chores, mal um Autoren-Gunst heischende Lesergemeinde, mit leeren Buchseiten herumfuchtelnd, mal als multiple Gliederpuppen auch stimmlich in grotesker Schräge, doch der ungeheuren orchestralen Steigerung standhaltend (Einstudierung: Tilman Michael), die den Selbstmord Nathanaels besiegelt. (…)

Klaus Ackermann, Hanauer Anzeiger


Realität oder Wahn? Diese Frage bestimmt die Oper Der Sandmann des Schweizer Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini zum Saisonauftakt in der Oper Frankfurt. Gezeigt wird das Werk in der Uraufführungsproduktion von 2012 am Theater Basel. Scartazzini und sein Texter Thomas Jonigk gelingt ein moderner Opern-Psychothriller, der auch das junge Publikum für die Oper begeistern kann.
(…)
Für ein temporeiches Spiel garantiert Hartmut Keil am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Bemerkenswert unaufgeregt koordiniert er das durch Celesta und Akkordeon erweiterte, im Übrigen klassisch aufgestellte Sinfonieorchester und erzeugt in einer Verbindung aus Transparenz, Schärfe, Klarheit und nuancierter Dynamik subtile Dramatik. Scartazzinis Musik wirkt dadurch auch in den atonalen Passagen geradezu stimmungsvoll schaurig und gruselig, verstärkt durch mancherlei Affekte von geradezu moderner filmmusikalischer Qualität, wie sie im Psychothriller des Gegenwartskinos schon fast traditionell ist.
Nach 80 Minuten geht das Licht aus, doch der Spuk ist längst nicht vorbei. Loys Inszenierung eines Bühnenwerkes, dessen Musik nicht unberührt lässt, gräbt sich tief in das Bewusstsein. Hörens- und sehenswert, doch nichts für zarte Gemüter.

Christine Franke, www.opernnetz.de


(…) Der Beifall nach gut achtzig pausenlosen Minuten war groß: Scartazzinis Sandmann ist ein Gewinn fürs Repertoire.

Johannes Breckner, Darmstädter Echo


(…) Christof Loys Inszenierung, aus Basel übernommen, hält eine bewundernswerte Balance zwischen Realität und Wahn. Der Chor wächst über sich hinaus.

Wertung: SEHR GUT

Josef Becker, Bild Frankfurt

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Freitag
30. September 2016
Beginn
19.30 Uhr
Dauer
ca. 1 Std. 25 Min. ohne Pause
Ort
Opernhaus
Abonnement
Serie 04
Preise
A

Besetzung

Musikalische Leitung
Hartmut Keil
Regie
Christof Loy
Bühnenbild
Barbara Pral
Kostüme
Ursula Renzenbrink
Licht
Stefan Bolliger
Choreografie
Thomas Wilhelm
Chor
Tilman Michael
Dramaturgie
Yvonne Gebauer, Stephanie Schulze
Nathanael
Daniel Schmutzhard
Clara / Clarissa
Agneta Eichenholz
Vater
Thomas Piffka
Coppelius
Hans-Jürgen Schöpflin
Lothar
Daniel Miroslaw

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester